Missbrauch

Heimkind berichtet von Schlägen und Demütigungen

Der Junge stand nackt im Raum, während der Pastor auf einem Stuhl saß, die Hände unter der Kutte, die sich bewegte. Woche für Woche.

Der Junge stand nackt im Raum, während der Pastor auf einem Stuhl saß, die Hände unter der Kutte, die sich bewegte. Woche für Woche.

Foto: dapd

Lüdenscheid.   Dietmar Klein wuchs in katholischen Kinder- und Jugendheimen auf, wurde hier gedemütigt, geschlagen und missbraucht. Was ihm angetan wurde, kann er bis heute nicht vergessen. Wie entschädigt man jemanden für ein zerstörtes Leben?

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Dietmar Klein wuchs in katholischen Kinder- und Jugendheimen auf. Er wurde dort gedemütigt, misshandelt und vergewaltigt. Wenn es ein Wunder gibt in Dietmar Kleins Leben, dann das: Er ist an den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die ihm widerfahren sind, nicht zerbrochen. Der heute 63-Jährige kann aber auch nicht vergessen, was ihm angetan worden ist. Er wird nicht müde nach Gerechtigkeit zu suchen – und ahnt wohl selbst, dass es die für ihn niemals geben wird. Dietmar Klein ist als Heimkind groß geworden. Was er erlebte, hat ihn geprägt. Und es prägt seine Familie.

Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter gab ihn direkt nach seiner Geburt in ein Heim. Sie hatte dem neuen Mann an ihrer Seite versprochen, ihr Kind wegzugeben. Er hatte ihr dafür versprochen, sie zu heiraten. Glücklich wurden die zwei nicht.

Gut wurde es nicht

Als Dietmar Klein fast vier Jahre alt war, holte ihn seine Mutter gegen den Willen des Stiefvaters aus dem Heim nach Hause. „Versetzen Sie sich hinein in einen Vierjährigen. Ich dachte, dass alles gut werden würde.“ Doch gut wurde es nicht. „Ich bezog jeden Tag Prügel. Mal von der Mutter. Mal vom Stiefvater. Oft von beiden gemeinsam.“ Drei Jahre ging das so. Die Ohrfeigen, die Schläge, sie schmerzten. Doch noch schlimmer als die Misshandlungen war für Dietmar Klein der Moment, in dem er seine Tasche packen musste.

Mutter und Stiefvater schickten ihn wieder ins Heim. Im St.-Josephs-Haus in Wettringen blieb Dietmar Klein von seinem 7. bis zu seinem 15. Lebensjahr. Hier durchlitt er die größten Ängste und die schlimmsten Schmerzen. „Dass wir verprügelt wurden, gehörte zum Alltag“, erinnert sich Dietmar Klein. Nach der Schule wurden die Kinder zu Haus- und Feldarbeit eingeteilt. „Ich habe einmal die Kartoffeln zu dick geschält. Als Strafe bekam ich drei Tage lang nichts als die gekochten Schalen zum Mittagessen.“

Erster Missbrauch mit elf Jahren

Der sexuelle Missbrauch begann, als Dietmar Klein elf Jahre alt war. „Wir Kinder mussten jeden Samstag beim Heimleiter, der gleichzeitig auch Pastor war, die Beichte ablegen. Und jede Woche sagte der Pastor zu mir: „Die zehn ‘Vater unser’, die ich dir aufgeben müsste, brauchst du nicht zu beten. Komme gleich in die Sakristei“, erinnert sich Dietmar Klein. Dort forderte der Pastor ihn auf, sich komplett zu entkleiden. Der Junge stand nackt im Raum, während der Pastor auf einem Stuhl saß, die Hände unter der Kutte, die sich bewegte. Woche für Woche.

Es blieb nicht bei diesen indirekten Übergriffen. Eine Erzieherin befummelte den Jungen mehrfach, zwang ihn, sich nackt auf sie zu legen. „Meinen Freund nahm diese Frau sogar einmal für drei Wochen aus dem Heim mit zu sich nach Hause. Dietmar Klein wusste in dieser Zeit nicht, was ihm geschah. „Was Recht und was Unrecht ist, davon hatten wir Kinder doch gar keine Vorstellung. Wir dachten, das sei alles normal.“

Vom Nachtwächter gerettet 

Erst als der Heimschmied Dietmar Klein das erste Mal brutal vergewaltigte, da wusste der Junge, dass das nicht richtig war. „Ich gehörte zur Putzkolonne. Der Heimschmied kam immer, wenn die anderen Kinder auf dem Feld waren. Einmal schnappte er mich nachts. Es war das erste Mal, dass ich dabei geschrien habe, weil ich den Schmerz nicht ertragen konnte. Er schlug mich grün und blau, ich rannte über die Flure, kotete vor Angst alles voll. Er packte mich, schlug wie von Sinnen auf mich ein. Ein Nachtwächter rettete mir das Leben. Er ging dazwischen, da war ich schon halbtot.“

Nach diesem Vorfall bemühten sich Schwestern darum, die Wunden des Jungen zu versorgen. „Als die Misshandlungsspuren abgeklungen waren, wurde ich sofort in ein anderes Heim verlegt. Alle wussten, was passiert war. Keiner tat was. Nur ich musste gehen.“

Dietmar Klein blieb bis zu seinem 21. Lebensjahr in einem Heim bei Hagen. „Mit 21 Jahren wurde ich aus der Jugendhilfe entlassen und hatte vom Leben keine Ahnung.“

„Meine Frau hat das irgendwann nicht mehr ausgehalten"

Dafür meisterte er es aber ziemlich gut. Er jobbte als Hilfsarbeiter in Fabriken und bei Gartenbaufirmen. Er lernte eine Frau kennen, heiratete sie und bekam vier Kinder – einen schwerbehinderten Sohn, eine Tochter und zwei weitere Söhne. „Ich erzählte meiner Familie viele Jahre nichts von meiner Zeit im Heim. Irgendwann tat ich es doch, das war wie ein Stöpsel, der gezogen wurde, es brach alles aus mir heraus.“ Seine Frau, seine Kinder, sie hielten zu ihm. Doch Dietmar Klein konnte – nachdem er einmal angefangen hatte – nicht aufhören, darüber zu reden, darüber nachzudenken, die Vergangenheit ein ums andere Mal wieder hinauf zu beschwören. „Meine Frau hat das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Unsere Ehe hielt zwanzig Jahre. Wir mussten uns scheiden lassen, sind aber Freunde geblieben“, sagt Dietmar Klein.

Die Schilderungen der Misshandlungen und sexuellen Übergriffe, sie bringen seine Stimme manchmal zum Stocken. Als er vom Ende seiner Ehe spricht, da bricht sie. Dietmar Klein weint. Er sitzt in seiner Küche, ein gepflegter Mann, der auf sein Äußeres achtet, der sich trotz seiner Trauer und Verzweiflung nicht erlaubt, sich gehen zu lassen. Er sitzt da, weint – und irgendwann wischt er sich die Tränen fort und sagt: „Meine Ehe ist daran zerbrochen, und da sprechen die Blödmänner immer von Folgeschäden.“

Rentenersatzleistung aus dem Fonds „Heimerziehung“

Dietmar Klein bekommt wegen einer Tumorerkrankung 356 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente, hinzu kommen 390 Euro Sozialhilfe. „Ich will dem Amt nicht auf der Tasche liegen. Kirche und Staat sollen endlich dafür Sorge tragen, dass Ruhe ist. Meine Kinder müssen wegen mir ihr Einkommen offen legen, selbst die sind noch indirekt von meiner Lebensgeschichte betroffen.“

Dietmar Klein bekam im Mai 20.400 Euro als Rentenersatzleistung aus dem Fonds „Heimerziehung“ ausgezahlt. Er kaufte sich für 400 Euro Kleidung und das Nötigste. Den Rest verschenkte er an seine Kinder. 5000 Euro bekam er von der „Bischöflichen Kommission für Fälle sexuellen Missbrauchs“ überwiesen. Das Geld hat er auf Konten für seine Enkelkinder angelegt.

Den Kreislauf des Leids beendet

Als Dietmar Klein kürzlich auf der Straße einen Mann wiedererkannte, mit dem er damals im Heim lebte, erzählte der ihm, dass er ein paar Jahre im Gefängnis verbracht habe. „Der sagte mir, er habe da einige Jungs aus dem Heim wieder getroffen. Wundern tut mich das nicht. Wir hatten kein Geld und wussten überhaupt nicht, wie das Leben funktioniert“, sagt Dietmar Klein. Das Treffen bewegte ihn mehr, als es ihm lieb war. Aber er begriff auch, dass er trotz seiner finanziellen Nöte mehr geschafft hat, als manch anderer. „Ich bin nicht kriminell geworden. Ich lasse mich nicht gehen. Ich habe eine Familie, die zu mir hält.“ Der letzte Punkt hält ihn aufrecht.

Seine Familie lässt ihn ertragen, dass er weiterhin von Sozialhilfe leben muss. Dass ihn die Erinnerungen manchmal einholen. Dass er sich seiner Kindheit, seiner Jugend und manchmal seines ganzen Lebens beraubt fühlt. Seine Familie ist es, die ihm klarmacht, dass er den Kreislauf des Leids am entscheidenden Punkt durchbrochen hat. Dietmar Klein, das ehemalige Heimkind, hat heute selbst Kinder. Und die liebt er. So sehr, wie er es sich als Heimkind immer gewünscht hat, geliebt zu werden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (13) Kommentar schreiben