Transsexualität

Zwangs-Outing und Kündigung: Arbeitsalltag für Transsexuelle

„Wir haben keine Toilette für Sie“: Im Arbeitsalltag treffen Transsexuelle immer wieder auf Ablehnung und Unsicherheiten.

„Wir haben keine Toilette für Sie“: Im Arbeitsalltag treffen Transsexuelle immer wieder auf Ablehnung und Unsicherheiten.

Foto: dpa Picture-Alliance

Ruhrgebiet.  Outing auf Ansage des Chefs: Transsexuelle müssen am Arbeitsplatz „die Hose runterlassen“ und sich die Akzeptanz der Kollegen hart erkämpfen.

Wenn Jonas* nach einem Urlaub wieder zur Arbeit muss, hat er Magenschmerzen. Denn seine Kollegen werden ihn mustern, hinter seinem Rücken tuscheln, mit dem Finger auf ihn zeigen. Nur wenige werden direkt fragen. Nicht, ob er sich gut erholt hat. Nein. Sie wollen wissen, was Jonas „in der Hose“ hat.

Im Pass des 26-Jährigen steht nicht Jonas, sondern Johanna*. Den Namen hat der Krankentransportfahrer vor Jahren abgelegt. Genauso wie sein weibliches Erscheinungsbild – er trägt jetzt einen Bart. Ihm fehlen aber Geld und Zeit, diese Änderung im Personalausweis eintragen zu lassen. Das aufwendige Verfahren, bei dem ein Gericht und mehrere Psychologen zustimmen müssen, kann bis zu 3000 Euro kosten.

Mehr als 17.000 Menschen in Deutschland sind diesen Weg laut Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität bereits gegangen. Sie fühlten sich seit der Kindheit falsch in ihrer Haut. „Ich bin im Moment weder Fisch noch Fleisch“, sagt Jonas. „Dabei möchte ich kein Transgender sein. Ich möchte ein Mann sein.“

Die Kollegen sind unsicher, wie sie Markus begegnen sollen

In seinem neuen Körper anerkannt werden möchte auch Markus*. Der 50-Jährige arbeitete über 30 Jahre lang als Mona* in einem metallverarbeitenden Betrieb, bevor er sein Geschlecht änderte. Und obwohl die Verwandlung seit über einem Jahr abgeschlossen ist, sind viele Kollegen unsicher, wie sie ihm begegnen sollen: „Der Toilettenbesuch ist problematisch, Umkleiden im Betrieb ist für mich nicht denkbar. Um komische Situationen zu vermeiden, gehe ich schon in Arbeitskleidung aus dem Haus“, erzählt er. Immerhin sei das Verhältnis zu den anderen Mitarbeitern „neutral“.

Die Chance auf einen normalen Arbeitsalltag bekam Jonas lange nicht. Über 100 Bewerbungen hat er nach Ende seiner Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten geschrieben. Unter dem Namen Johanna, aber mit einem Foto seines männlichen Gesichts. Nur drei Betriebe meldeten sich überhaupt zurück – mit Absagen. In seiner Verzweiflung bewarb er sich deshalb wieder auf Ausbildungsstellen. Dieses Mal gab es ein Nein per Telefon: „Wir haben hier keine Toilette für Sie.“ Dass Jonas die Männertoilette benutzen wollte, spielte keine Rolle.

„Gerade der Weg zur Toilette ist für viele ein Spießrutenlauf“, sagt Christina Rossner, Leiterin der Duisburger Selbsthilfegruppe „Transfamily“. Denn die Verwandlung vom Mann zur Frau oder umgekehrt dauert lange, oft einige Jahre. In dieser Zeit kann es passieren, dass etwa die noch hohe Stimme nicht zum beginnenden Bartwuchs passt. „Offene Fragen stellt dann aber kaum jemand“, kritisiert Rossner. Stattdessen werde getuschelt.

Welche Formen das annehmen kann, erlebte Jonas. Er schöpfte neue Hoffnung, als ein großer Essener Industriekonzern ihn zum Vorstellungsgespräch einlud. Nur interessierten seine Qualifikationen dort wenig, seine Geschlechtsumwandlung war spannender. So spannend, dass zwischen seinen Gesprächspartnern eine lautstarke Diskussion entbrannte. „Ich saß da im Anzug vor denen, und die stritten, wo ich dusche“, erinnert Jonas sich.

Solche Szenen sind Sinan* erspart geblieben. Der 44-Jährige war schon viele Jahre als Sachbearbeiter in der Verwaltung tätig gewesen, als er sein Geschlecht änderte. Direkt zu Beginn des Prozesses suchte er das Gespräch mit seinem Vorgesetzten und bat um Unterstützung bei seinem Outing. „Ich hätte es ohnehin nicht mehr lange verbergen können“, sagt er. Per Rundmail informierte sein Chef die Kollegen, dass Sina* nun Sinan heiße. „Es war, als hätte ich geheiratet und den Namen meines Partners angenommen“, erzählt er. Genauso unspektakulär hätten die Kollegen auch darauf reagiert – mitunter „weil ich immer schon männlich gewirkt habe“.

Richtig weiblich trat auch Nico* nie auf. Der 36-Jährige arbeitet als Bestatter und hatte oft Probleme mit seinem Chef. Als er sich vor ihm outete, reagierte der fast erleichtert: „Jetzt weiß ich endlich, warum Sie nie ein Kleid anziehen wollten“, habe er gescherzt. Das Verhältnis zu seinem Angestellten besserte sich schnell. Und auch die Kunden hätten positiv auf Nicos Verwandlung reagiert, erzählt er. „Es ist alles einfacher geworden.“ Als Mann hat er noch etwas gelernt: „Ich mache immer noch die gleichen Fehler wie früher, nur interessiert das irgendwie keinen mehr. Das zeigt, welches Frauenbild in der Gesellschaft vorherrscht.“

Viele scheuendie schamvolle Konfrontation

Jonas wollte zunächst nicht, dass seine Arbeitskollegen über seine Geschlechtsveränderung informiert werden. Auch, weil zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ersichtlich war, dass er mal eine Frau gewesen war. Unter dem Druck seines Vorgesetzten musste er sich trotzdem outen. Nicht, wie er vorgeschlagen hatte, bei einer Besprechung, sondern einzeln vor jedem seiner rund 20 Kollegen. „Das war eine absolute Schweinerei, vor jedem die Hose runterziehen zu müssen“, sagt er wütend.

Eine schamvolle Konfrontation, die viele scheuen. Mehr als zwei Drittel aller Transsexuellen in NRW sprechen auf der Arbeit mit keinem oder nur ganz wenigen Vertrauten über ihre sexuelle Orientierung. Das zeigt eine Studie des Kölner Instituts für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA). Viele fürchten negative Reaktionen.

Auch wenn keiner völlig ablehnend auf sein erzwungenes Outing reagierte, kämpft Jonas mit der Voreingenommenheit einiger Kollegen. Lange litt er unter Schlafstörungen und ging nur mit Magenschmerzen zur Arbeit. „Ich habe es mir erboxen müssen, ernst genommen zu werden“, sagt er. Bis heute werde spekuliert, ob er im Urlaub war oder sich einer geschlechtsangleichende Operation unterzogen habe. Gewöhnen kann er sich daran nicht. Doch für ihn steht fest: „Ich werde den Job erst wechseln, wenn die Namensänderung durch ist.“

*Namen geändert und der Redaktion bekannt.

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