Spürhunde

Wie Spürhunde in der JVA nach Handys und Festplatten suchen

Hundeführer Guido Schindler durchsucht am 27.11.2019 mit Diensthund Dede eine Zelle in der JVA in Hamm nach Datenträgern. Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Hundeführer Guido Schindler durchsucht am 27.11.2019 mit Diensthund Dede eine Zelle in der JVA in Hamm nach Datenträgern. Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

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Hamm.  Datenspeicher-Spürhunde sind in Gefängnissen im Einsatz, in NRW auch bei der Polizei, zuletzt in Bergisch Gladbach. Wie die Tiere Handys finden.

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Das aufgeregte Hecheln dringt bis auf den Flur vor Haftraum Nummer 35. Guido Schindler (48) kommt mit dem Malinois-Rüden Dede um die Ecke. Er lässt ihn vor der Zelle sitzen und nimmt die Leine ab. „Spür“ befiehlt er. Sofort geht die Hundenase nach unten. Dede inspiziert alles in dem kleinen Raum, springt sogar aufs Bett. Er atmet laut und schnell. Sechs Mal pro Sekunde, erklärt sein Herrchen. Rechts neben der Toilette wird der Rüde plötzlich ruhig, verharrt. Dann stupst er mit der Nase vor den Toilettenpapierhalter, ein Smartphone fällt auf den Boden.

Dede ist ein Datenspeicher-Spürhund. Aktuell gibt es davon elf in der Justiz und fünf bei der Polizei in NRW. Schindler ist seit 2015 Diensthundeführer mit Dienstsitz in der Justizvollzugsanstalt Hamm, aber er und seine sieben Kollegen sind regelmäßig in allen 36 Gefängnissen in NRW im Einsatz.

Besucher schmuggeln Handys ins Gefängnis

Meistens sind es Handys, die sie bei ihren Durchsuchungen finden. „Vor allem Mini-Handys, die lassen sich leicht über die Körperöffnungen reinschmuggeln“, sagt Schindler. In den Zellen werden sie dann oft unter der Matratze oder in Deorollern versteckt. „In neun von zehn Fällen gelangen sie durch die Besucher rein, aber auch z.B. nach einem Hafturlaub“, erzählt Martin Wulfert, Leiter der JVA Hamm. Nicht immer dienen sie zur organisierten Kriminalität, „oft geht es einfach nur um den Kontakt zur Familie, doch sind Telefone eben nicht erlaubt“.

Hat Dede etwas erschnüffelt, bewegt er sich nicht mehr, ist wie eingefroren. „So zeigt er seinen Fund an“, erklärt Guido Schindler. Es folgt ein Klickgeräusch, zweimal, kurz hintereinander. Mit dem Klicker signalisiert der Hundeführer ihm seinen Erfolg. Dede nimmt Abstand von dem Handy, wedelt mit der Rute, freut sich. Sein Herrchen schickt ihn raus und spielt mit ihm. „Er macht das alles für dieses Ding“, sagt er und zeigt dabei auf die Beißwurst, Dedes Lieblingsspielzeug und seine Belohnung.

Was genau die Hunde bei Datenträgern riechen, ist unklar

Zwei bis drei Hafträume schafft ein Spürhund, bevor er 30 bis 45 Minuten lang eine Pause braucht. „Das Schnüffeln ist wie ein Halbmarathon“, sagt Guido Schindler. Spürhunde wie Dede suchen nicht nur nach Datenträgern, sie sind auch ausgebildete Drogen-Spürhunde. Andere können zudem Sprengstoff, Leichen, Brandmittel oder Banknoten erschnüffeln. Erst im September dieses Jahres hat Schindler mit Dede und seiner zweiten Hündin Carla einen 20-tägigen Lehrgang gemacht, wo die Tiere auf Handys, USB-Sticks, CDs, Festplatten und Speicherkarten konditioniert wurden.

Dass Rauschgifte wie Marihuana, Haschisch oder Kokain irgendwie riechen, ist noch vorstellbar, aber Datenträger? Worauf reagieren die Hunde? „Wir wissen nicht, was sie riechen“, antwortet Guido Schindler mit einem Achselzucken. „Wir vermuten, dass es mehrere Komponenten sind. Bei der Platine eines Handys zeigen sie an, bei einem Fernseher aber nicht.“ Verrückt. 250 Millionen Riechzellen hat ein Hund. Zum Vergleich: Ein Mensch hat gerade einmal 20 bis 30 Millionen. Noch verrückter.

Konsequenz aus dem Kindesmissbrauch in Lügde

Wie wichtig Datenträger für die Aufklärung von Verbrechen sein können, hat der Missbrauchsfall Lügde gezeigt. Hier musste ein Spürhund von der Justiz in Sachsen angefordert werden. Dem war eine Pannenserie bei den Ermittlungen zum massenhaften Kindesmissbrauch vorangegangen. Tatsächlich fand Artus Beweismittel in einer Sesselritze. Für NRW-Innenmister Herbert Reul war die Konsequenz, auch die Diensthunde der Landespolizei zu Datenspeicher-Spürhunden ausbilden zu lassen. „Das ist bundesweit einmalig“, so Guido Schindler.

Aktuell hat die Polizei davon aber noch zu wenige, weshalb sie auf die Unterstützung der Justizvollzugsbeamten angewiesen ist. Wie zuletzt im Fall Bergisch Gladbach. Schindler half mit seinen beiden Hunden bei den Durchsuchungen. Was auf den gefundenen Datenträgern drauf ist, weiß der 48-Jährige nicht, „und das möchte ich auch gar nicht“. Überhaupt in den Täterwohnungen zu sein, sei schon „bedrückend“.

Spürhunde leben mit bei ihrem Herrchen

Dede und Carla leben mit in der Familie. Liegt dort mal ein Handy auf dem Tisch, interessiert sie das nicht. „Sie sollen nicht die ganze Zeit anschlagen, sondern nur auf Kommando“, sagt Guido Schindler. Beide gehören zur Rasse der belgischen Schäferhunde. Diese gelten als flink und intelligent. Im Prinzip könne jeder Hund ein Spürhund werden. Was es braucht, sei eine „hohe Spielmotivation“. Und was motiviert den Hundeführer? „Die Liebe zu Hunden und mit ihnen zu arbeitet“, antwortet er ganz selbstverständlich.

Übrigens: Wenn Dede und Carla in Pension gehen, bleiben sie bei ihrem Herrchen. Die Diensthundeführer sind aber vom Land dazu verpflichtet, mindestens zwei Spürhunde zu besitzen. Sie werden meist über eine Polizeizucht als Welpen bezogen.

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