Beerdigungen

Warum sich Menschen zum Bestatter ausbilden lassen

Das Bestattungshaus Giesler bildet angehende Bestatter aus. Im Bild Gary Wells und Magnus Eilhoff.

Das Bestattungshaus Giesler bildet angehende Bestatter aus. Im Bild Gary Wells und Magnus Eilhoff.

Foto: Ralf Rottmann

Kreuztal.   Nur 20 von über 11.000 Azubis in Südwestfalen machen eine Ausbildung zum Bestatter. Warum sich zwei junge Kreuztaler nicht abschrecken lassen.

Magnus und Gary gehören zu einer extremen Minderheit, die doch jeder irgendwann braucht. Die jungen Männer sind zwei von insgesamt nur 19 Menschen in Südwestfalen, die sich zum Bestatter ausbilden lassen. Allein in Hagener Friseursalons gibt es drei Mal mehr Azubis, fast 17 Mal so viele neue Lehrlinge haben KFZ-Meister in der Region.

Warum Gary und Marius diese Zahlen der Handwerkskammern egal sind und wie sie die tägliche Arbeit mit Gestorbenen bewältigen:

Raus aus der Routine

Seit drei Monaten ist Gary Wells als Azubi in einem Bestattungshaus in Kreuztal. Wer ihn nach seiner Motivation für die Arbeit fragt, hört zunächst das Wort „Hamsterrad“. Darin habe er nämlich nach mehreren Jahren als Kaufmann im Einzelhandel gesteckt.

„Irgendwann wusste ich, was mich bei der Arbeit erwartet“, sagt der 37-Jährige rückblickend. „Das war für mich der Moment, in dem ich mich neu orientieren musste.“ Raus aus der Routine, eine neue Herausforderung wagen. Und warum gerade im Bestattungshaus? Gary Wells zuckt mit den Schultern. „Warum nicht? Außerdem muss ich dafür jeden Tag Anzug tragen, der Gedanke gefiel mir.“

Sein Azubi-Kollege Magnus Eilhoff schüttelt den Kopf. „Ich bin froh, wenn ich den Anzug mal nicht tragen muss“, sagt er. Der 21-Jährige wollte zunächst Lehramt studieren, entdeckte dann aber ein Interesse am Beruf des Bestatters. „Ich finde den Beruf spannend. Die Arbeit dreht sich um ein Thema, was seit Beginn der Menschheit existiert, aber worüber niemand Genaues weiß.“

Dieses fremde Thema heißt Tod und gehört zu den wohl bittersten Gewissheiten, mit denen Menschen sich im Leben beschäftigen müssen. Rund 300 Verstorbene begleiten die Azubis pro Jahr auf ihrer letzten Reise. Dazu gehört die verstorbene Grußmutter ebenso wie der jugendliche Verkehrstote.

Bei allem Interesse treffen Magnus und Gary dabei auch auf Erlebnisse, die sie noch nach der Arbeit beschäftigen. „Mir hilft dann das Reden mit Freunden“, so Gary Wells. Generell seien viele Freunde neugierig auf seinen Arbeitsalltag. Andere dagegen eher nicht. „Ich soll das Wort ,Sarg’ zuhause nicht sagen“, erzählt er, zeigt aber Verständnis. „Als Mensch tendiert man eben dazu, den Tod auszublenden. Wer achtet schon auf die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln?“

Auch Gary zählt sich nicht zu diesen Leuten.n Aber: Seit er die Ausbildung zum Bestatter begonnen hat, lebt er bewusster. Aus dem begeisterten Zocker von Videospielen ist ein Mensch geworden, der gerne spazieren geht. „Wenn du konstant vom Tod umgeben bist, siehst du das Leben besser.“

Gleichzeitig begegnen die Azubis den Verstorbenen mit großer Sorgfalt. Das sei sehr wichtig, sagt Magnus. Schließlich sind sie häufig die letzten Menschen, die den Toten sehen, bevor der Sarg sich schließt. „Ich kämme ihm dann nochmal die Haare und ziehe die Kleidung zurecht, damit alles ordentlich ist.“

Wandel im Berufsbild

Den Abschied von dieser Welt respektvoll zu organisieren, dafür steht seit jeher der Beruf des Bestatters. Derweil hat sich das Berufsbild in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewandelt. Was Tischler und Gärtner in grauer Vorzeit nebenbei machten, gehört heute zum professionellen Dienstleitungsgewerbe. Was noch vor dem Millennium in Jahres-Seminaren gelehrt wurde, ist seit 2007 in Deutschland ein anerkannter Lehrberuf.

Für Azubis stehen ebenso Themen wie Sterbegeld auf dem Stundenplan, wie auch die Gestaltung von Trauerfeiern und Kondolenzkarten. Es ist diese Vielfalt, die den Beruf für Magnus Eilhoff attraktiv macht. „Wenn ich zum Beispiel eine bestimmte Musik höre, denke ich manchmal, die könnte auch auf einer Trauerfeier verwendet werden.“ In dem Punkt seien sie als angehende Bestatter genauso Sonderlinge, wie andere es in ihren Berufen wohl auch sind.

Darüber hinaus geben die Hobbys der beiden Azubis aber keine weiteren Hinweise auf den besonderen Beruf: Der eine macht Bogenschießen, der andere guckt gerne Wrestling. Und die Musik? „Ich höre eigentlich alles – bis auf Schlager“, sagt Gary Wells und lacht.

Noch knapp drei Jahre dauert für ihn die Ausbildung, Magnus hat schon 2019 seine Abschlussprüfung. Die Chancen auf eine feste Stelle stehen gut. Der Ausbildungsberuf ist vergleichsweise jung, die Absolventen überschaubar und damit begehrt.

Über die eigene Beerdigung haben sich die zwei Azubis aus Kreuztal übrigens auch schon Gedanken gemacht – aber nur sehr abstrakt, wie Gary Wells betont. „Das Leben ist schließlich viel zu schön, als sich darüber schon den Kopf zu zerbrechen.“

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