Gesundheit

Warum kranke Männer so wehleidig sind

Frauen geben Geborgenheit: Julia Spieren weiß, wie schlimm Männer bei Erkältungsbeschwerden leiden.

Frauen geben Geborgenheit: Julia Spieren weiß, wie schlimm Männer bei Erkältungsbeschwerden leiden.

Wenden.   Männergrippe ist keine Einbildung. Testosteron schwächt Abwehrkräfte. Mediziner-Ehepaar aus Wenden-Hünsborn zu Erkenntnissen einer neuen Studie.

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Er: „Schatz, was ist, wenn ich morgen sterbe?“ Sie: „Samstag.“

Oh Gott. Die Frau nimmt sein mögliches Ableben mit Humor. Sie zeigt kein Mitgefühl. Das klingt kühl, hart und ohne Herz. Ist es aber nicht. Warum? Sie kennt ihn.

Immer wenn er unter Husten, Schnupfen und Heiserkeit leidet, liegt er im Sterben. Er stöhnt, jammert, bettelt um Mitleid.

So oder so ähnlich spielt es sich tausendfach in Familien ab, wenn, ja wenn das Klischee stimmt. Der Mann, Partner und Vater, leidet eben unter den Erkältungsbeschwerden. Und wie. Niemand anderen hätte es schlimmer erwischen können als ihn. Männer sind also doch Weicheier, Warmduscher und Waschlappen?

Moment. Der Autor dieser Zeilen muss sein Geschlecht wehrhaft verteidigen. Warum? Weil es Gründe für diese angebliche Wehleidigkeit gibt. Kyle Sue, Professor für Allgemeinmedizin an der Memorial University of Newfoundland im kanadischen St. John’s, ist der Frage nachgegangen, ob grippale Infekte Männer schwerer treffen als Frauen.

Frauen fördern die Entwicklung

Seine Erkenntnis: Ja, das ist so. Männer würden tatsächlich länger und stärker unter den viralen Attacken leiden. Sie verfügten über ein weniger robustes Immunsystem als Frauen und seien anfälliger.

Kurz erklärt: Das weibliche Hormon Östrogen stärke und stimuliere die Abwehr des Immunsystems gegen Krankheitserreger, das männliche Hormon Testosteron hingegen schwäche es und verhindere so das Auffahren schwerer Geschütze.

Nicht nur für Kyle Sue liegt die Entwicklung des geschlechtsspezifischen Immunsystems in der Evolution begründet: „Auf dem Sofa zu liegen oder im Bett zu bleiben, könnte ein Verhalten sein, das uns früher davor schützte, zu leichten Opfern für Räuber zu werden.“

Aufgabe der Frauen sei es gewesen, mit einem starken Immunsystem das ungeborene oder neugeborene Kind zu schützen. Also: Mann legt Wert auf körperliche Überlegenheit, denkt an Fortpflanzung, vernachlässigt den Immunschutz. Frau fördert diese Entwicklung. Sie bevorzugt vor Testosteron triefende Typen, darf sich also über Klagelieder nicht beschweren.

67 Zeilen Wissenschaft, jetzt ab für 67 Zeilen in die Praxis. Wie ist es wirklich?

Nachfragen bei den Allgemeinmedizinern Julia und Stefan Spieren aus Wenden-Hünsborn, Kreis Olpe. Der 40-Jährige: „Die Erklärung ist ja nett, besonders für uns Männer. Jetzt wissen wir, warum es so ist, wie es ist. Wir merken frühzeitig, dass wir krank werden, reflektieren das, ziehen uns zurück. Am Ende überleben diejenigen, die viel Testosteron haben, die kräftiger sind.“ Die 39-Jährige hält sich mit der Evolution nicht lange auf: „Wenn man wie ich als Mutter von drei Kindern erkältet ist, den Haushalt und die Arbeit in der Praxis hat, kehrt man das unter den Teppich. Fertig. Wenn der Mann erkältet ist, legt er sich aufs Sofa.“

Es gibt kein Mittel gegen Grippe

Also greift in Hünsborn das Klischee? Das Ehepaar lacht. Sie: „Als Frau darf man nicht krank sein.“ Er: „Ihr habt ja, wie erwiesen ist, das bessere Immunsystem.“ Einig sind sie sich darüber: Beide dürften nicht krank werden, weil die Familie dann den Feinden ausgeliefert sei.

Wie sieht die Wirklichkeit in der Praxis aus? Er: „Die Männer kommen bei grippalen Infekten erst, wenn sie den Kopf unter dem Arm tragen.“ Sie: „Mir fällt auf, viele junge Männer suchen mich und nicht meinen Mann auf. Vielleicht suchen sie das mütterliche Vertrauen.“ Das Mediziner-Ehepaar macht im Umgang der Patienten mit Grippe ansonsten kein besonderes geschlechtsspezifisches Verhalten aus. Nur eines sei klar. Männer lebten weniger gesundheitsbewusst als Frauen, warteten lange mit dem Besuch beim Arzt.

Ein Wort zur Grippe an sich darf nicht fehlen. „Wir können dagegen ja gar nichts tun“, sagt Stefan Spieren. „Es gibt kein wirksames Mittel gegen Grippe. Das haben Studien tausendfach nachgewiesen. Es hilft nur Ruhe, Erholung und Abwarten.“ Auch kein Antibiotikum? „Es schlägt nicht an, es hilft gegen Bakterien. Die Grippe aber ist ein Virus. Das hat die Ärzteschaft mittlerweile begriffen. Mit und ohne Medikamente dauert die Erkrankung sieben Tage.“

Zum Schluss allen, die sich mit Grippe sterbenskrank fühlen: Gute Besserung!

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