Waldsterben

Umweltministerin Schulze: Baumprämie noch nicht ausgereift

Bundesumweltministerin Svenja Schulze informiert sich in Brilon über die Lage des Waldes

Bundesumweltministerin Svenja Schulze informiert sich in Brilon über die Lage des Waldes

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Brilon/Berlin.  Das neue Waldsterben geht ihr persönlich sehr nahe, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Sie fordert den Umbau der Wälder.

Im Hintergrund stehen Fichten. Ihre Kronen sind dünn. Die Bäume sind braun, nicht grün. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hört aufmerksam zu, als der Briloner Forstchef Dr. Gerrit Bub im Kurpark erzählt, dass der Wald schneller stirbt als erwartet. Schulze ist ins Sauerland gekommen, um sich über die Lage des Waldes zu informieren. Wir haben mit ihr gesprochen.

Frage: Wie steht es um den deutschen Wald?

Svenja Schulze: Die Schäden sind dramatisch, das mitansehen zu müssen, geht mir auch persönlich sehr nahe. In erster Linie leidet momentan die Fichte unter der Dürre und dem Borkenkäfer. Wir verlieren gewaltige Bestände. Betroffen sind aber auch andere Baumarten, weil die Trockenheit zunimmt. Das wird leider so bleiben: Die durchschnittlichen Temperaturen erhöhen sich, der Wasserhaushalt verändert sich. Deshalb brauchen wir ein neues Wassermanagement, zum Beispiel auch, um die Moore feucht zu halten.

Bei neuen Investitionen an den Wald denken

Reichen die bisher eingeleiteten Maßnahmen?

Wir haben schnell gehandelt, mit der Ko-Finanzierung der Länder wurden 800 Millionen Euro in ein Soforthilfeprogramm eingestellt, das über die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) finanziert wird. Wir brauchen beides: schnelle Hilfe beim Aufarbeiten der Schäden und Unterstützung beim Umbau in klimaresistente und strukturreiche Waldökosysteme. Ob die Finanzmittel genügen, kann derzeit niemand seriös abschätzen. Aber Finanzminister Olaf Scholz hat schon angekündigt, dass wir ein weiteres Investitionsprogramm auf den Weg bringen werden, auch für den Klimaschutz. Dabei müssen wir dann auch über den Umbau der Wälder reden.

Der Umbau kann nur mit den Eigentümern gelingen. Die Waldbauern werfen Ihnen vor, zu viele Vorschriften zu machen. Sie sind in der Branche nicht besonders beliebt...

Die Vorwürfe kann ich nicht nachvollziehen. Landwirtschaftsministerium und Umweltministerium arbeiten bei diesem Thema sehr gut zusammen. Uns allen ist klar, dass wir die Wälder anpassungsfähiger machen müssen, das heißt: mehr Mischwald, klimaresistentere Baumarten. Wir werden nicht kaputte Fichten durch neue Fichten ersetzen können. Die Anpassung an die Klimaveränderungen muss schnell eingeleitet werden. Es gibt aber nicht ein Konzept, das für alle gilt. Wir brauchen vielmehr jeweils an die Region angepasste Lösungen. Der Bund kann unterstützen, aber die Entscheidungen müssen vor Ort getroffenen werden.

Beim Geld nach Lösungen suchen

Wollen Sie die Verantwortung abschieben?

Nein. In den Wäldern gibt es regional unterschiedliche Anforderungen. Das was im Sauerland gut ist, muss in München noch lange nicht gut sein.

Die Waldbauern kritisieren, die Förderung komme nicht bei ihnen an.

Das sehe ich nicht so, wie haben das Geld sehr schnell zur Verfügung gestellt. Sollte es tatsächlich Probleme geben, werden wir in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsministerium nach Lösungen suchen.

NRW-Ministerpräsident Laschet und Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner unterstützen eine Baumprämie. Waldeigentümer sollen Geld dafür bekommen, dass ihre Bäume Kohlendioxid binden. Wann kommt die Prämie?

Wir befinden uns mitten in den Diskussionen – und die sind gar nicht so einfach. Wälder und vor allem auch Moore haben eine CO2-bindende Wirkung. Wenn man das Holz entnimmt und womöglich verbrennt, verpufft diese Wirkung. Wenn es verbaut wird, nicht. Muss die Prämie zurückgezahlt werden, wenn der Baum als Brennstoff verwendet wird? Muss für Moore auch gezahlt werden? Da suchen wir noch nach Lösungen, die in der Praxis auch gangbar sind. Wir brauchen kein Bürokratiemonster. Ich kenne noch kein Modell, kein Konzept einer Baumprämie, das ausgereift ist. Es klingt einfach, ist es aber nicht.

Am 1. Januar 2021 startet die CO2-Steuer. Wären die Einnahmen nicht bestens für eine Baumprämie geeignet?

Mit dem Geld werden wir zunächst die EEG-Umlage senken, damit Verbraucher und Industrie weniger für den Strom bezahlen müssen. Das hat Priorität, weil der Strom zu teuer ist.

Neue Windkraftanlagen prüfen

Der Wald stirbt. Zwangsläufig steigt damit die Zahl der Freiflächen. Sollten dort mehr Windräder errichtet werden?

Ich habe nichts gegen Windkraftanlagen im Wald, wenn sie vernünftig geplant werden. Ich halte sie sogar für sehr sinnvoll, weil wir mehr regenerative Energie benötigen. Es gibt Flächen, auf denen die Errichtung möglich ist, deswegen muss das vor Ort sehr genau geprüft werden.

Umweltschützer fordern mehr Naturwald, der sich selbst überlassen bleibt. Was halten Sie davon?

Ich unterstütze das. Der Bund hat ja einen eigenen Wildnisfonds und unterstützt den Kauf von u.a. Waldflächen, in denen die Natur Natur sein darf.

Dieser Wald erzielt aber keinen wirtschaftlichen Erfolg.

Nein, aber es muss auch die Möglichkeit geben, den Wald natürlich nachwachsen zu lassen. So schaffen wir Rückzugsräume für Tiere, Pflanzen und Insekten. Solche Wälder liefern uns noch dazu andere Leistungen: Schutz des Wasserhaushalts, saubere Luft und Erholung. Dazu werden eben auch alte Wälder gebraucht.

Apropos: Sie haben vor kurzem Ihren Entwurf für ein neues Insektenschutzgesetz vorgelegt. Der Pestizideinsatz in Deutschland ist zuletzt zurückgegangen. Ist das nicht eine gute Nachricht?

Na ja, das hat vor allem mit der Dürre zu tun, weil auf trockenen Böden weniger Mittel eingesetzt werden. Wir wollen das aber natürlich nicht dem Zufall überlassen. Deshalb brauchen wir Konzepte, um den Pestizideinsatz insgesamt zurückzufahren und nicht nur kurzfristige Effekte zu sehen. Denn der Pestizid-Einsatz hat dramatische Nebenwirkungen. Sowohl die Gesamtmenge der Insekten als auch die Artenvielfalt bei den Insekten ist dramatisch gesunken. Wenn das so weitergeht, haben wir keine Bestäuber mehr. Das wird der Landwirtschaft Riesenprobleme bereiten. Wir brauchen also mehr Insekten, deshalb muss der Einsatz von Pestiziden reduziert werden.

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