Hebammen

Hebammen im Dauerstress: Selbstzweifel nach Dienstschluss

Ein neuer Erdenbürger: Bei der Geburt werden viele Weichen für das weitere Leben eines Kindes gestellt.

Ein neuer Erdenbürger: Bei der Geburt werden viele Weichen für das weitere Leben eines Kindes gestellt.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Hagen.  Hebammen berichten, dass die Arbeitsbelastung unter Krankenhausmitarbeitern und Selbstständigen stark gestiegen ist. Kliniken suchen Personal.

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Wenn Melina Kramer über ihren Beruf spricht, hört man die Begeisterung aus ihren Worten heraus: „Schon als Kind wollte ich diesen wunderschönen Beruf ergreifen“, sagt die 26-Jährige aus Meschede, „heute weiß ich, dass ich nichts anderes machen möchte.“ Jede einzelne Geburt sei für sie ein kleines Wunder, bei dem die betroffenen Familien ihr so unglaublich viel Vertrauen schenkten. Und doch: Da sind immer mal Selbstzweifel nach Dienstschluss. Melina Kramer fragt sich dann, ob sie die frischgebackenen Mütter hätte intensiver betreuen können. Doch es fehlt die Zeit – eine Erfahrung, die viele Hebammen – ob im Klinikbereich oder freiberuflich – machen, wie die Kreisvorsitzende des Hebammenverbandes im Hochsauerlandkreis weiß.

Dass sich viele Hebammen in NRW überlastet fühlen, wie eine Studie der Hochschule für Gesundheit in Bochum ergab, kann Melina Kramer bestätigen. Es komme vor, dass Hebammen von Kreißsaal zu Kreißsaal hetzten und vier, fünf Frauen gleichzeitig betreuen müssen. „Da geht man unweigerlich auf dem Zahnfleisch.“ Die Folge: Wegen der hohen Arbeitsbelastung verließen Mitarbeiterinnen die Geburtsstationen. Junge Frauen blieben nach der Ausbildung nicht im Klinikbereich, sondern wagten zunehmend den Schritt in die Selbstständigkeit. Also suchen Krankenhäuser händeringend Personal für offene Stellen.

Dies gestaltet sich offenbar schwierig. „Es ist nicht so, dass es nicht genügend Interessierte für diesen Beruf gibt“, sagt Hebamme Andrea Wynk, „das belegen die Zahlen der werdenden Hebammen. Diese sind alles andere als rückläufig.“ Unlängst seien erst in NRW zwei Hebammenschulen neu gegründet worden, „obwohl die Akademisierung des Berufes ansteht“. Andrea Wynk nimmt als Soester Kreisvorsitzende in diesen Tagen an der Delegiertenversammlung des deutschen Hebammenverbandes teil.

"Belastung für Hebammen ist höher geworden"

Man spricht auch darüber, dass viele Krankenhäuser ihre Abteilungen mit einer Geburtenzahl von unter 500 im Jahr geschlossen haben und die Geburtshilfe in großen Kliniken zentralisiert wurde: „Die Belastung für die einzelne Hebamme ist deutlich höher geworden, weil sie auch die Arbeit für unbesetzte Stellen mitmachen muss.“ Das habe sich unter potenziellen Kandidatinnen herumgesprochen. Ebenso, dass man im Klinikalltag auch andere Tätigkeiten wie Putzarbeiten oder organisatorische Dinge wie die Bestellung von Medikamenten übernehmen müsse: „Wenn die Arbeit attraktiver gemacht würde, gebe es nicht solch große Probleme, ausreichend Personal zu finden.“

Bei den Freiberuflichen ist längst auch nicht alles Gold, was glänzt. Werdende Mütter müssen sich bisweilen die Finger wund wählen, bis sie eine Hebamme gefunden haben, die noch Kapazitäten hat. Auch hier herrscht in vielen Regionen Personalmangel. Auch hier entspreche die Vergütung nicht der Verantwortung, die man trägt, wie es Melina Kramer ausdrückt. Ihre Berufskollegin Andrea Wynk bekommt etwas mehr als 38 Euro brutto für einen Hausbesuch. „Der kann mehr als eine Stunde dauern. Ich kann ja nicht bei Stillproblemen sagen: ,So, ich gehe jetzt mal’.“ Zudem hätten die Frauen in Zeiten eines kleiner werdenden familiären Umfelds mehr Informationsbedarf. Und es gelte zunehmend, Sprachbarrieren zu überwinden. „Dann dauern die Besuche natürlich auch länger.“

Andrea Wynk ist Hebamme aus Leidenschaft. „Ich habe einen inhaltlich hochattraktiven Beruf. Wir begleiten Familien in einer elementaren Lebenssituation.“ Sie ist selbst Mutter einer kleinen Tochter, arbeitet in Teilzeit, benötigt verlässliche Arbeitszeiten, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Auf der Delegiertenversammlung hat sie gehört, dass freiberufliche Hebammen zunehmend Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung aufbauen. Damit sie beispielsweise mehr freie Wochenenden oder Feiertage für sich schaffen. „Wenn die Arbeitsbelastung zurückgeht, aber gleichzeitig mehr Zeit für Mutter und Kind da ist, profitieren alle davon.“

Denn rund um die Geburt würden viele Weichen für das weitere Leben eines Kindes gestellt: „Je intensiver die Betreuung durch eine Hebamme, desto positiver kann sich die Beziehung Mutter-Kind entwickeln“, sagt Melina Kramer. Die Meschederin hat ihren Traumberuf gefunden, auf den aber immer wieder ein Schatten fällt. „Von älteren Kolleginnen höre ich, dass ihnen früher große Bewunderung entgegen geschlagen ist. Heute hören sie immer wieder: ,Ihr habt es auch nicht leicht’.“

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