100 Jahre Bauhaus

Thonet baut die Bauhaus-Klassiker seit der ersten Stunde

Bubikopf und Freischwinger: Das ist der avantgardistische Zeitgeist in der Weimarer Republik.

Bubikopf und Freischwinger: Das ist der avantgardistische Zeitgeist in der Weimarer Republik.

Foto: Thonet

Frankenberg.   Der Freischwinger aus Stahlrohr ist eine Erfindung des Bauhauses. Die Firma Thonet baut in Frankenberg 1930 extra ein Werk für das Möbel

Die Zukunft des Sitzens beginnt mit einem Fahrrad der Marke Adler, das Marcel Breuer um 1925 kauft. Der Lenker bringt den Bauhaus-Schreiner auf eine Idee. Warum sollte man nicht Möbel aus gebogenem Stahlrohr herstellen statt wie bisher aus Holz? Es fällt dem jungen Designer schwer, für seine Pläne Verbündete zu finden. Sie sind selbst für das Bauhaus zu avantgardistisch – bis er die Möbelfabrikanten-Familie Thonet kennenlernt. Der Rest ist Geschichte. Bis heute stellt Thonet in Frankenberg/Eder in Nordhessen, an der Grenze zum Sauerland, die Bauhaus-Klassiker her. Ab 1930 werden die Stahlrohrentwürfe von Breuer im Thonet-Werk in Frankenberg produziert.

Der größte Möbelhersteller der Welt

„Mart Stam hat dann den Freischwinger erfunden“, blickt Thonets Kreativdirektor Norbert Ruf zurück in die Firmengeschichte. „Es gab bis dahin keinen Sitz, der hinten keine Beine hatte. Das Stahlrohr hat diesen Entwurf erst möglich gemacht.“ Die Thonets sind damals bereits seit mehreren Generationen industrielle Hersteller von Holzmöbeln. Aus dem 1819 von dem Bopparder Tischlermeister Michael Thonet gegründeten Betrieb ist um 1920 der größte Möbelhersteller der Welt geworden.

Thonet hat die Technik erfunden, Holz im Dampfkessel flexibel und damit biegsam zu machen. Der berühmte Bugholz-Kaffeestuhl Nr. 14 (heute 214) wird heute noch in gleicher Art und Weise produziert. Das Prinzip des geformten Bugholzes wird zum Vorbild für das gebogene Stahlrohr.

Der Freischwinger hat drei Väter

Wie sich die Begegnung zwischen Marcel Breuer, Mart Stam und Mies van der Rohe mit den Thonets tatsächlich vollzogen hat und ob die späteren Design-Großmeister auch nach Frankenberg gereist sind, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Frankenberger Werk ist im Zweiten Weltkrieg vollends zerstört worden, dabei gingen viele Unterlagen verloren.

Der Freischwinger hat drei Väter: Marcel Breuer und sein Fahrradlenker, dazu Mart Stam und Mies van der Rohe. Mart Stam, 1926 mit 27 Jahren der jüngste der Bauhaus-Architekten, greift sich bei einem Vorbereitungstreffen zur Bauausstellung „Die Wohnung“ die Hochzeitseinladung von Willi Baumeister, die auf dem Tisch liegt und zeichnet auf die Rückseite ein Möbel, das er kürzlich für seine schwangere Frau gebaut hat. Es besteht aus zehn gleichlangen Gasrohren, verbunden mit Kniestücken. Als Sitz dient eine Holzplatte. Die gewerbliche Realisierung des Entwurfs erweist sich als fast unmöglich, kippsicher wird der Stuhl erst, als Stam das Auskragen, ein typisches Motiv der modernen Architektur, auf das Sitzmöbel überträgt. Wippen oder Schwingen kann sein Objekt nicht. Dennoch stellt es eine Jahrhundert-Erfindung dar. Thonet baut nach diesen Entwürfen bis heute die Stühle S 33, S 40 und S 43.

Ein Sessel wird zur Skulptur

Zwei Tage vor Ausstellungsbeginn 1927 in Stuttgart meldet Ludwig Mies van der Rohe seine Stahlrohrsessel zum Patent an. Anders als bei Breuers ersten Entwürfen und noch mehr als beim Freischwinger von Stam geht es van der Rohe um eine ästhetische Gesamtwirkung. „Im Gegensatz zu den ersten Stahlrohrmöbeln seiner Kollegen vermittelt van der Rohes Stuhl (S 533) ein visuell und buchstäblich beschwingtes Sitzgefühl. Es ist der erste Freischwinger, der schwingt. Sein Stuhl ist raumgreifend, er ist eine Skulptur“, so Ruf.

Das visionäre Material Stahlrohr

„Stahlrohr war das visionäre Material überhaupt“, schildert der Kreativdirektor weiter. „Seit Breuer von dem Fahrradlenker inspiriert ist, werden die Eigenschaften und Möglichkeiten des Materials ausgelotet, um Dinge möglich zu machen, die vorher schlicht unmöglich waren.“ Die Stahlrohr-Möbel treffen in der Weimarer Republik den Nerv des Publikums. Bis heute machen sie ein Drittel des Umsatzes von Thonet aus.

Aber warum baut Thonet seine Produktion für die avantgardistischen Freischwinger ausgerechnet in Frankenberg, weit ab von den Metropolen? „Die Familie Thonet hatte um 1889 ca. 30.000 Mitarbeiter mit sieben Werken. Sie haben ihre ganzen Produktionen über Briefverkehr gesteuert“, erläutert Nobert Ruf. Als das Werk in Frankenberg aufgebaut wurde, gab es drei Themen: Gibt es genug Rohstoff? Gibt es einen Eisenbahnanschluss? Und man war in Frankenberg im Preußischen Reich, hatte die Zollgrenze überwunden und Zugang zu diesem Markt.

Ein Experiment

„Thonet erkannte früh das Potential des beeindruckenden Werkstoffes und sicherte sich über die Kontakte zum Bauhaus die Rechte an den besten Entwürfen“, beschreibt Ruf. „1928 wurde ein Vertrag zwischen Thonet und Breuer über ein eigenes Stahlrohrprogramm geschlossen. Ein Jahr später erwarb Thonet Breuers Firma ,Standard Möbel’ und brachte eine umfassende Stahlrohrkollektion auf den Markt.“ Marcel Breuer hat seinen S 32 und den S 64 für Thonet entworfen. Ruf: „Die Thonets waren bereit, dieses Experiment zu wagen, sie waren klug genug, sich auf die Lebens- und Produktionsvisionen des Bauhauses einzulassen.“

www.thonet.de

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