Schwertransporte

Standort Siegerland droht zur Sackgasse zu werden

Schwertransporte, hier das Gestell für einen Schmiedehammer für die Iserlohner Firma Thiele, werden immer komplizierter und teurer, monieren Unternehmen aus Südwestfalen.

Schwertransporte, hier das Gestell für einen Schmiedehammer für die Iserlohner Firma Thiele, werden immer komplizierter und teurer, monieren Unternehmen aus Südwestfalen.

Foto: Michael May / IKZ

Siegen.  Großraum- und Schwertransporte aus dem Siegerland werden immer problematischer. Jetzt baut der Bundesverkehrsminister noch mehr Hürden auf.

Aus dem Siegerland ist es motorisiert nur einen Katzensprung bis nach Köln. Eigentlich. Jüngst lieferte das Unternehmen Wolf Apparate- und Behälterbau aus Wilnsdorf einen Behälter an den gut einhundert Kilometer entfernten Kölner Standort eines Mineralölkonzerns. „Sechs Tage hat das gedauert“, sagt Geschäftsführer Klaus-Dieter Wolf. Der Grund: Es wird immer schwieriger Großraum- und Schwertransporte aus dem Siegerland zu bewegen.

Ein Dauerbrennerthema, das vom Bund durch eine Novelle der Straßenverkehrsordnung (STVO) aus Sicht der Industrie in Südwestfalen noch einmal ebenso kräftig wie unnötig befeuert wird. „Wir kommen immer mehr in eine Sackgasse“, warnt Unternehmer Wolf davor, einen Industriezweig zu vertreiben, an dem allein im Siegerland tausende Arbeitsplätze hängen.

Die im April in Kraft getretene Novelle aus dem Hause von Minister Andreas Scheuer (CSU) sorgte schon für viel Wirbel. Allerdings ging es dabei im Frühjahr um drastisch höhere Bußgelder und Strafen für Raser. Dem deutschen Autofahrer zu tief ins Portemonnaie fassen? Da ist Empörung vorprogrammiert. Im Sommer wurde das Thema Bußgelder flugs auf Eis gelegt.

Bis zu 400 Prozent Mehrkosten

Für die mit der STVO-Novelle verbundenen finanziellen Auswirkungen auf Schwer- und Großraumtransporte scheint sich dagegen im Prinzip niemand so richtig zu interessieren. Dabei seien die Belastungen so saftig, dass sie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produzenten gefährden. Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen, spricht von 300 bis 400 Prozent Mehrkosten für die Genehmigung der Transporte durch die Scheuersche-Novelle aus dem Frühjahr. Dies hätten Proberechnungen ergeben. In der durch die Corona-Krise ohnehin angespannten finanziellen Situation der Wirtschaft, ein Bärendienst. In einem Schreiben an NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) Ende September, bittet die Kammer deshalb, dass der Minister sich im Bundesrat wenigstens für ein Moratorium von einem Jahr stark machen solle, damit die Gebühren nicht weiter steigen.

Thema im Bundesrat

Am Mittwoch dieser Woche tagt der Verkehrsausschuss des Bundesrats und auf der Tagesordnung steht auch die „Novelle“. Allerdings geht es dabei um die Neugründung des „Fernstraßen-Bundesamtes“.

Beinahe scheint es, als hätten die betroffenen Industrie-Unternehmen die Hoffnung bereits aufgegeben, dass das NRW-Verkehrsministerium mit Wüst an der Spitze noch verhindern könnte, dass die Kosten für die Transporte von Industriegütern ab dem 1. Januar 2021 noch einmal steigen dürften.

„Bereits heute machen Transportkosten von hier nach Hamburg mitunter 15 Prozent des Verkaufspreises aus“, sagt Unternehmer Klaus-Dieter Wolf. Manchmal entscheide ein Prozent mehr oder weniger darüber, ob man den Auftrag erhalte beziehungsweise ihn annehmen könne ohne dabei Verluste zu machen.

Die Marge scheint also überschaubar zu sein. Ein begrenzender Faktor sei aber seit langem, ob überhaupt fristgerecht geliefert werden könne. Neben den Widrigkeiten durch marode Infrastruktur in der Region – die Sanierung der Königin der Autobahnen (A 45) wird noch bis mindestens 2035 dauern –, bringt die neue Bundes-Verordnung gleich noch eine zweite Hürde mit sich: Künftig sollen Transporte nur noch bei den Behörden am Start oder Zielort genehmigt werden dürfen. Aktuell gibt es hier mehr Spielraum. Wird der eingeengt, dürften sich die Genehmigungsakten in den Amtsstuben auftürmen und die ohnehin langwierigen Verfahren sich weiter verzögern.

Verlagerung der Produktion

Am Ende „können wir nur noch vor der Haustür der Kunden produzieren“, sagt Rainer Dango. Der Chef des Siegener Maschinenbauunternehmens Dango&Dienenthal mit weltweit über 700 Beschäftigten beschreibt damit keine theoretische Drohung, sondern eine Praxis, die offenbar zunimmt, weil große oder sehr schwere Teile den Weg nicht mehr verlässlich aus Südwestfalen finden.

Auch Wolf Apparatebau (rund 160 Beschäftigte) hat wegen der Nähe zu Seewegen bereits in Nimwegen fertigen lassen, um einen Auftrag rechtzeitig erledigen zu können. „Die Effekte führen dazu, dass heute bereits Wertschöpfung aus dem Siegerland abfließt“, sagt Klaus-Dieter Wolf.

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