Sauerland-Klassik

Sauerland-Rallye als Zeitreise durch die Automobilgeschichte

Die Oldtimer-Rallye „Sauerland-Klassik“ wurde am Donnerstag gestartet.

Die Oldtimer-Rallye „Sauerland-Klassik“ wurde am Donnerstag gestartet.

Foto: Ralf Rottmann / Funke Foto Services

Attendorn.   Mercedes 300S SL Coupe „Gullwing“, Porsche 356 Speedster, Ford Cortina: Die erste Auflage der Oldtimer-Rallye "Sauerland-Klassik" wurde zur Zeitreise.

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Es ist eine Zeitreise, die am frühen Donnerstagnachmittag auf dem Attendorner Marktplatz beginnt. Alle 30 Sekunden geht ein altes PS-Schätzchen bei der ersten Oldtimer-Rallyse „Sauerland-Klassik“ auf die Strecke, so als würde alle halbe Minute wie durch Zauberhand aus der Autoquartett-Spielkarte von einst mit dem Bild des Mercedes-Benz 300S SL Coupe „Gullwing“, Baujahr 1955, oder des Porsche 356 Speedster, Baujahr 1956, plötzlich ein richtiges Fahrzeug aus Chrom und Blech.

Foto mit Rallye-Weltmeister Walter Röhrl

Viele Augen sind vor dem Startschuss auf die fahrenden Zeitzeugen der Automobilgeschichte gerichtet. Und auf Walter Röhrl. Hier ein Autogrammwunsch, da ein unvermeidliches Handy-Selfie mit dem mehrmaligen Rallye-Weltmeister. Aber diese Situation bildet eine Ausnahme. Alle Blicke sind auf die blitzblank polierten Oldtimer gerichtet - und alle Ohren: „Dieser luftgekühlte Motor-Sound ist unverwechselbar, einmalig“, sagt Christian Geistdörfer, Röhrls langjähriger Beifahrer, über den Porsche 911 mit 280 PS (Baujahr 1981), den das Duo für die Sauerland-Klassik gesattelt hat. „Heute hören sich doch alle Motoren gleich an.“

Der Münchner Geistdörfer kennt einen Teil des Sauerlandes („ich habe sieben Jahre für die Warsteiner Brauerei gearbeitet“), einen großen Teil der Strecke aber noch nicht. „Eine solche Oldtimer-Rallye ist eine andere Art der Heimatkunde“, sagt Geistdörfer, „man lernt neue Gegenden kennen.“

Ohne Bleifuß auf dem Gaspedal

Zuletzt hat der Oberbayer im April 2012 in Tasmanien neben Röhrl in dem Porsche 911 gesessen. „Das hier ist ganz anders als eine normale Rallye“, sagt er. Es gehe einzig ums „Cruisen“ durch schöne Landschaften, mit kleinen Zwischenprüfungen und ohne Bleifuß auf dem Gaspedal. „Wir haben den Ehrgeiz zu Hause gelassen, es geht um Spaß.“

Derweil gibt Röhrl dem Ennepetaler Harald Kuprath („ich bin extra wegen ihm gekommen“) noch ein Autogramm, redet über seine Neugierde („ich möchte bis zum Samstag das Sauerland richtig kennen lernen“) und schaut nach oben: „Bei dem Wetter kann nichts schief gehen.“

Womöglich hat Pfarrer Dr. Christof Grote mit dem Segen, den er den Teilnehmern der Sauerland-Klassik vor Beginn der Veranstaltung erteilt hat, auch den vielzitierten Wettergott erreicht. „Ein Segen schadet nicht“, sagt der Pfarrer am mit zwei brennenden Kerzen geschmückten Altar der evangelischen Kirche mitten in der Attendorner Innenstadt, in der zwei Stunden vor dem Start das „Fahrerbriefing“ (während der Baujahre der Oldtimer noch Fahrer-Einweisung genannt) stattfindet. Darin bittet Organisator Peter Göbel, auf Hupen und lautes Gasgeben am Start zu verzichten. Im Sauerländer Dom am Markt findet zeitgleich zu der Großveranstaltung eine Beerdigung statt.

Eine Oldtimer-Rallye ist wie ein Ausflug in die gute alte Zeit, als die Auto-Welt noch in Ordnung war. „Das Schöne an diesen Fahrzeugen ist doch, dass sie technisch nicht manipuliert werden können“, sagt Urban Priol auf die zugegeben ketzerische Frage nach den Abgaswerten seines Ford Cortina von 1963. Vor dem Rennen habe er noch einmal das Schmuckstück poliert, sagt der Kabarettist („mit einem Mikrofasertuch“) und schwärmt über die Erinnerungen an die sehr individuellen „Brot- und Butter-Autos“ von einst. „Heute sehen die Scheiben doch wie Schießscharten aus.“ Den Ford Cortina, den Fabian Seydel lenkt („ich bin der Steuermann, weil ich Urbans Steuerberater bin“) will Priol, der noch weitere Oldtimer besitzt, für eine gemein nützige Einrichtung im Raum Attendorn versteigern. „Ich sage immer: Wer hat, der gibt.“

Musik aus der Auspuffanlage

Priol ist bekennender Anhänger nostalgischer Gefährte. Das gilt auch für Stephan Lützenkirchen aus dem rheinischen Langenfeld, der mit seinem knall-orangefarbenen Porsche 911 SC Umbau RSR (Baujahr 1978) am Start ist. „Wer einmal an dem Oldtimer-Virus erkrankt, wird nicht mehr geheilt.“ Das Fahrgefühl, die Technik, die Form eines Wagens - das sei doch heutzutage allzu ähnlich, findet er. Dagegen habe jeder Oldtimer einen anderen „Sound“, im Gegensatz zur Moderne: „Bei uns kommt die Musik nicht aus den Lautsprechern, sondern aus der Auspuffanlage.“ Und man könne „Extreme“ erleben: enge Schalensitze zum Beispiel oder die fehlende Heizung. „Am Morgen war es im Sauerland ganz schön kalt.“

Derweil sinniert sein Co-Pilot Udo Sürig über die gleichbleibende Bedeutung der nostalgischen Kutschen für eine Auto-Marke. „Oldtimer erden eine Marke“, sagt der in Südwestfalen (Wickede/Ruhr) aufgewachsene Beifahrer. „Nur mit entsprechender Tradition kann man innovativ sein.“ Lützenkirchen nickt und weiht den Reporter bei der Verabschiedung noch in die Gute-Fahrt-Fachsprache ein: „Noch eine Handbreit Öl in der Wanne!“

Diese guten Wünsche gelten auch für Annette Lohoff, die bei einem Gewinnspiel der Westfalenpost einen Platz als Beifahrerin in einem Oldtimer gewann. „Ich versuche, den richtigen Weg zu finden“, sagt die Frau aus Breckerfeld und setzt sich in einen Skoda 110 R (Baujahr 1978) neben Fahrer Jens Herkommer, der sich womöglich wie Matthias Becher im Seat 1200 Sport „Bocanegra“ auch fragt, warum eine Oldtimer-Rallye erst jetzt aus der Taufe gehoben wurde: „Die Mitte Deutschlands war bislang eher Brachland, was solche Veranstaltungen angeht.“

Es gibt nur strahlende Gesichter an diesem Tag im Sauerland. Wie Alfred Hamers, Lokalmatador aus Attendorn, der in 2500 Arbeitsstunden seinen Mercedes-Benz 190 SL (Baujahr 1955) komplett neu aufgebaut hat. „Es gibt nichts Schöneres, als im Sommer in dem Oldtimer nach Winterberg über die Höhen zu fahren“, sagt er und rühmt das „Unkomplizierte“ an dem Auto.

Etappenende in Meggen

Die erste Etappe endet am Galileo-Park in Lennestadt-Meggen. „Es war wunderschön“, sagt Porsche-Fahrer Stephan Lützenkirchen, „das Land der 1000 Berge ist schon etwas Besonderes.“ Am nächstenTag geht die Zeitreise weiter. Wieder wird sich so mancher an seine Auto-Quartett-Karten erinnern.

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