Kirchenschließungen

Zahl der Kirchen in Südwestfalen sinkt

Die  Kirche St. Marien im Essener Nordviertel ist Vergangenheit.

Die Kirche St. Marien im Essener Nordviertel ist Vergangenheit.

Foto: Ulrich von Born

Hagen.   Auch in Südwestfalen müssen Gotteshäuser schließen. Was passiert mit den Gebäuden? Eine Möglichkeit geht laut Kirchenoberen garnicht.

Am Kirchturm scheiden sich die Geister. Besteht er aus leblosen Steinen, an die man sein Herz nicht hängen soll? Oder weisen Hahn und Kreuz auf dem Dach als Symbol der Beständigkeit aus der Vergangenheit in die Zukunft? Deutschlands Kirchen ziehen sich aus der Fläche zurück. Derzeit erleben wir eine zweite Säkularisation, einen Epochen-Wandel. Seit der Jahrtausendwende sind alleine über 500 katholische Gotteshäuser entweiht und umgenutzt worden, 140 davon will keiner mehr haben. Endstation Abrissbirne. Glaubensverfall, Priestermangel, Geldnot und Angst schaffen eine Spirale, in deren Ergebnis die Sichtbarkeit des Christentums aus dem öffentlichen Raum verschwindet.

Wer diskutiert mit

Kirchenschließungen sind traumatische Erfahrungen für eine Gemeinde. Die Folgen für Stadt- und Landschaftsraum sind nicht abzusehen. Die Diskussionen werden in der Regel emotional geführt. Und es reden nicht nur Bischöfe und Getaufte mit. Architekten, Denkmalschützer und nichtchristliche Bürger wollen die Kirche meist im Dorf lassen. Grenzübergreifend haben sich Diskussionsforen gebildet, zum Beispiel das Europäische Netzwerk zum Erhalt von Sakralbauten (frh-europe.org), der Blog Kirchenschwinden (kirchenschwinden.de) oder das Forum Stadtbaukultur in NRW (https://stadtbaukultur-nrw.de/projekte).

Die Betroffenen

Das Ruhrbistum Essen ist besonders betroffen. Bei der Gründung 1958 schwebten Bischof Franz Hengsbach noch sogenannte Pantoffelkirchen vor, die der Christ in fünf Minuten von seiner Wohnung aus zu Fuß erreichen kann. Schnell wurden in der Architektur der 1960er Jahre neue Kirchen hochgezogen. Viele. Zu viele. Die Zahl der Katholiken hat sich seither halbiert. Essen gibt 105 Kirchen auf, weitere werden nach dem Pfarreientwicklungsprozess folgen. Im ungleich reicheren Erzbistum Paderborn will man Schließungen möglichst vermeiden, denkt aber über zukunftsfähige Strukturen nach. Die Westfälische Landeskirche agiert in Südwestfalen meist in der Diaspora, entsprechend viele Gottesdienststätten sind bereits entwidmet worden.

Die Frage der Nachnutzung

Was passiert mit den entweihten Kirchen? Diese Frage treibt die Gemeinden um. Nicht jedes Gotteshaus kann zum Konzertsaal, Museum oder zur Bibliothek werden. Auch die Anzahl der Senioren-Wohnungen und Jugendzentren, zu denen sich St. Johannes und St. Hedwig umbauen lassen, ist naturgemäß begrenzt. Verkauft man das sakrale Gebäude, gerät die spätere Verwendung möglicherweise außer Kontrolle. Die Striptease-Tänzerin im Altarraum gehört zum Alptraum der Pfarrgemeinderäte.

Um Missbrauch zu verhindern, setzt die Westfälische Landeskirche auf Erbpachtverträge. Minarette gehen gar nicht, das betont man in Essen, Paderborn und Bielefeld unisono: Kirchen können nicht in Moscheen umgewandelt werden. Manchmal lassen sich die Gebäude an andere Glaubensgemeinschaften verkaufen oder vermieten. In der Pizzeria Don Camillo in Willingen kommt hingegen die Pasta aus der früheren Sakristei. Doch das sind Ausnahmen.

Investor dringend gesucht

Im Alltag des Kirchenschwindens werden Nachnutzungskonzepte verzweifelt gesucht. Die katholische Gemeinde in Altena musste sich bisher von dreien ihrer fünf Kirchen trennen. Für zwei davon hat sie neue Nutzer gewonnen. Für das dritte Gebäude findet sich trotz bundesweiter Ausschreibung im Internet kein seriöser Investor. Die Pfarrer von heute fürchten ein undichtes Dach mehr als die Hölle.

Neue Debatte erforderlich

Kirchen sind Ideologen und Diktatoren ein Dorn im Auge. Denn ihre Türme weisen in den Himmel, das macht Geist und Seele Hoffnung. Langsam wird deutlich, wie flächendeckend das Kirchensterben ist. Vielleicht führt diese Einsicht zu einer neuen Diskussion darüber, wieviel Sichtbarkeit von Christentum wir brauchen.

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