Geschichte und Populismus

Historiker Clark: Politik muss klare Ziele formulieren

Sir Christopher Clark

Sir Christopher Clark

Menden.   Sir Christopher Clark, bekannt aus der ZDF-Serie „Terra X“, eröffnet Zukunftsperspektiven, weil er in die Vergangenheit blickt.

Die Mächtigen verändern die Geschichte, um eine neue Zukunft zu erfinden – das ist die These im neuen Buch von Sir Christopher Clark („Von Zeit und Macht“). Wir haben mit dem 59-jährigen Historiker über Populismus, Macht und die EU gesprochen.

Täuscht der Eindruck, oder haben Historiker gerade Konjunktur, weil sie die idealen Faktenchecker sind?

Christopher Clark: Richtig, wir sind Faktenchecker und dienen als Vorhut gegen den Anmarsch der politischen Mythen, die auf Geschichtsverfälschungen basieren. Das ist aber nicht der Hauptgrund dafür, dass wir gerade gefragt sind.

Sondern?

Viele Menschen sind extrem verunsichert, weil wir nicht wissen, wie sich die Geschichte entwickeln soll. Man hat das Gefühl, die Zukunft ist erschöpft. Sie ist ausgelaufen. Das hat mehrere Ursachen: Im Hintergrund lauert natürlich der Klimawandel. Denn im schlimmsten Fall ist die Zukunft sehr kurz. Vielleicht gibt es bald überhaupt kein Dasein mehr auf der Erde, jedenfalls keines, das mit dem heutigen vergleichbar wäre. Zudem erleben wir den Zusammenbruch des Glaubens an die Moderne. Macht die Modernisierung wirklich alles besser, etwa den medizinischen Fortschritt oder den Wohlstand? Dieses Bild gerät ins Wanken. Die Frage ist nun, wodurch wir diese Vorstellung der Zukunft ersetzen sollen. Hier wittern die Populisten ihre Chance. Sie wechseln diese Zukunft aus und bieten stattdessen eine neu erfundene Vergangenheit an.

Wie zum Beispiel?

Es gab nie eine Zeit, in der wir nur unter uns waren. Ausländer und Einwanderer hat es immer mitten in unseren Gesellschaften gegeben. Auch die Kriminalität war früher in den meisten Städten Europas schon existent. Die Populisten zeichnen Traumbilder der Vergangenheit. Und diese sind auch in der Zukunft nicht realisierbar, jedenfalls nicht ohne die Anwendung von Gewalt.

Wie lautet Ihr Appell?

Es ist die Verantwortung der Politik, die großen Interessenskonflikte mit konsensfähigen Vorgaben zu überbrücken. Es wird allerdings dann heikel, wenn Politiker gar nicht führen wollen, sondern nur für einen Teil der Bevölkerung sprechen. Donald Trump macht das ganz bewusst. Menschen, die ihm nicht folgen, sind für ihn wie Bewohner anderer Planeten.

Und was heißt das auf Deutschland bezogen?

Was mir am meisten fehlt, sind klare Aussagen über politische Ziele. Zum Beispiel: Was sind Deutschlands Ziele in der Migrationspolitik, aus gesamteuropäischer und deutscher Perspektive? Warum äußert sich die Regierung nicht? Stattdessen werden Entscheidungen getroffen – und dann wird die Diskussion darüber stillgelegt. Man arbeitet den sozialen Medien mit Parolen zu, statt pragmatisch alle möglichen Lösungen auf den Tisch zu legen und zur Diskussion zu stellen.

Bald wählt Europa. In welcher Situation befindet sich die EU?

Sie steckt in einer sehr heiklen Phase ihrer Entwicklung, weil sie unter einem Mangel an Transparenz leidet. Viele Teile der EU erscheinen den Bürgern undemokratisch, denn die Institutionen sind für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Macht der Brexit es übersichtlicher?

Schwer zu beantworten. Die Briten waren einerseits immer ein schwieriges Mitglied. Andererseits zählen sie für die Deutschen zu den verlässlichen Partnern, weil sie gemeinsam mit anderen Ländern die Probleme pragmatisch angehen. Außerdem bleibt die Frage: Wer füllt das Machtvakuum, das die Briten hinterlassen? Sind es die Nationalisten im Osten Europas oder die Pragmatiker wie die Skandinavier?

Oder ist es Deutschland?

Die Nicht-Deutschen sind in dieser Frage vollkommen inkonsequent. Sie wollen, dass die Deutschen etwas tun, und sie wollen, dass die Deutschen nichts tun, das nicht vorher zigmal multilateral abgesprochen worden ist. Die Deutschen selbst sind sehr unwillig: Sie wollen die Kontrolle nicht übernehmen und sehen zurecht, dass Deutschland nie allein führen darf.

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