Flexible Strompreise

Spartrick für Firmen: Produzieren, wenn der Strom billig ist

Prof. Markus Zdrallek und sein Mitarbeiter Benedikt Dahlmann mit der Happy Hour Box. Die liefert zwar keine zwei Drinks zum Preis von einem, aber kann den Stromverbrauch zum günstigsten Zeitpunkt steuern. Foto:Harald Ries

Prof. Markus Zdrallek und sein Mitarbeiter Benedikt Dahlmann mit der Happy Hour Box. Die liefert zwar keine zwei Drinks zum Preis von einem, aber kann den Stromverbrauch zum günstigsten Zeitpunkt steuern. Foto:Harald Ries

Wuppertal/Hagen.   Die Uni Wuppertal unterstützt Industrieunternehmen dabei, bestimmte Produktionsprozesse genau dann zu starten, wenn der Strom am billigsten ist.

Ein Problem der Energiewende ist, dass die Stromerzeugung sich schwer der Nachfrage anpassen lässt. Wenn die Sonne scheint und der Wind bläst, wird so viel ins Netz eingespeist, dass es an der Strombörse bisweilen sogar zu negativen Preisen kommt und Energieversorger zu Energieentsorgern werden: Wer abnimmt, bekommt Geld. Nur können das die wenigsten Verbraucher nutzen. Sie sind nicht so flexibel. Sie kaufen nicht an der Börse. Aber das lässt sich organisieren: Am Lehrstuhl für Elektrische Versorgungstechnik der Uni Wuppertal haben Prof. Markus Zdrallek und seine Kollegen das Projekt "Happy-Power-Hour" gestartet, das die mittelständische Industrie an den Preisschwankungen partizipieren lassen will.

Prozesse laufen nur in "Billigstrom-Phasen" an

Hintergrund: Anders als beim Fließband, das ununterbrochen laufen muss, gibt es Prozesse in der Produktion, die sich verschieben lassen. Benedikt Dahlmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter, nennt als Beispiel ein Wuppertaler Unternehmen: „Das Galvanisierungsbad zum Härten der Zangen braucht ein Megawatt Leistung und muss zwei Stunden täglich in Betrieb sein, aber es spielt keine große Rolle, wann das ist.“

Das sind ideale Voraussetzungen für den Einsatz, der Happy Hour Box, eines an der Universität entwickelten Gerätes. Herzstück ist ein GSM-Modem, über das die Strompreise einlaufen, dazu kommen Schnittstellen für die verschiedenen Industrieprozesse. Die Box, die gerade auf der Messe E-World in Essen präsentiert wurde, verbindet das Unternehmen mit dem Energieversorger.

„Als Partner haben wir die Wuppertaler Stadtwerke gewonnen“, erklärt Zdrallek. Die hätten Interesse bekundet, da sie hofften, so neue Kunden gewinnen zu können: „Während von den Privathaushalten nur rund 20 Prozent ihren Energieversorger gewechselt ­haben, sind es in der Industrie 90 Prozent.“ Zehn Unternehmen sind derzeit im Forschungsprojekt, das bis März 2019 läuft, für noch ­einmal so viele gäbe es ­Kapazitäten.

Hawker aus Hagen mit dabei

Mit dabei ist bereits der Hagener Batteriehersteller Hawker. Geschäftsführer Magnus Becker betont: „Wir haben bereits einen Tag- und einen Nachttarif beim Strom. Künftig haben wir vielleicht jede Viertelstunde einen anderen Preis. Deshalb ist es jetzt interessant für uns zu prüfen, wie wir bestimmte Prozesse in der Produktion so verändern können, dass sie durch den Strommarkt gesteuert werden.“ Um beziffern zu können, was sich dadurch sparen lasse, sei es allerdings noch viel zu früh.

Wer über die Homepage der Uni Wuppertal Interesse signalisiert, bekommt vom Lehrstuhl einen Prozesscheck, bei dem ermittelt wird, was sich verschieben und wie viel sich dabei eventuell einsparen lässt. „Das geht in einem halben Tag“, verspricht Dahlmann. Entscheidend sei natürlich, dass es zu keinerlei Einschränkung bei der Produktion komme. Markus Zdrallek: „Das Unternehmen entscheidet jeden Tag, ob es ins Angebot einsteigt. Wenn ein Riesenauftrag eingeht, spielt der Strompreis ja keine Rolle.“

Und ab welchem Verbrauch rechnet sich das? „Um die 100 Kilowatt Leistung“, sagt Zdrallek. „Das wäre der Stromverbrauch für drei größere Uni-Gebäude.“ Nichts für Privathaushalte. Und für Unternehmen – wären eigene Stromspeicher keine Alternative? „Viel zu teuer“, winkt der Elektroingenieur ab. „Der Happy Hour Strom ist als Idee wohl nicht ganz doof“, meint Zdrallek. „Eon hat schon ein ähn­liches Programm aufgelegt.“

Schwankung des Strompreises wird zunehmen

Er selbst hat das Gesamtsystem im Blick: „Wenn Strommengen intelligent verschoben werden, bringt das die Energiewende voran, ganz simpel über den Preis.“ Das sei nötig, weil durch den steigenden Anteil der erneuerbaren Energien die verfügbaren Strommengen künftig noch stärker schwanken würden.

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