Respekt für Retter

„Sie schrien uns an, weil der Wagen die Straße blockierte“

Rettungskräfte auf einer Straße. Oft werden die Helfer zum Hassobjekt.

Rettungskräfte auf einer Straße. Oft werden die Helfer zum Hassobjekt.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Hagen.  Für Einsatzkräfte wie Feuerwehr und Polizei gehört Gewalt und Respektlosigkeit mittlerweile zum Alltag. Die „SoKo Respekt“ will das ändern.

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Diese Situation verfolgt den Berufsfeuerwehrmann Jens Hoffmann bis heute. Ein 36-jähriger Patient ringt mit dem Tod. Er liegt in seiner Wohnung im dritten Stock eines Hauses, das an einer Einbahnstraße steht. Hoffmanns Team bleibt nichts anderes übrig, als direkt vor dem Haus zu parken und mit dem Rettungsequipment zum Opfer zu eilen. Jede Sekunde zählt. Selbstverständlich.

Selbstverständlich? Ein normaler Rettungseinsatz dauert durchschnittlich zwischen 20 und 30 Minuten. Bei einer Reanimation kann es auch mehr als eine Stunde werden. „Wir hatten damals die Einbahnstraße mit unserem Rettungswagen blockiert. Zur Hauptverkehrszeit hatte das für Stau gesorgt“, berichtet der Feuerwehrmann. Zwei Autofahrer seien bis in die Wohnung des Patienten vorgedrungen, um die Rettungskräfte verbal anzugreifen. „Sie schrien uns an, dass wir mit dem Wagen die Straße blockieren würden und sie einen wichtigen Termin hätten. Dass wir dabei waren, ein Menschenleben zu retten, schien sie nicht zu interessieren“, erinnert sich Jens Hoffmann.

Bis zu diesem Vorfall hatte sich der 42-jährige Hauptbrandmeister der Feuerwehr Lüdenscheid noch nicht mit Gewalt und Respektlosigkeit gegen Einsatzkräfte auseinander gesetzt. Heute ist das anderes. Hoffmann engagiert sich in dem vor zwei Jahren in Lüdenscheid gegründeten Verein „SoKo Respekt“ und bildet seit März gemeinsam mit Mara Buhl den Vorstandsvorsitz.

„Heute ist man oft ein Hassobjekt“

„Früher wurde man als Held gefeiert, wenn man am Einsatzort eintraf. Heute ist man oft ein Hassobjekt“, so die stellvertretende Vorsitzende, die ehrenamtlich bei den Johannitern im Katastrophenschutz als Ersthelferin im Krankenwagen mitfährt. Deswegen will der Verein mit Kampagnen und Präventionsarbeit die Öffentlichkeit für den respektvollen Umgang mit Rettungs- und Einsatzkräften sensibilisieren. „Das ist kein Problem der Großstädte, auch in den ländlicheren Gebieten kommt es vermehrt zu Vorfällen. Es zieht sich durch alle Alters- und Sozialgruppen“, so Mara Buhl.

Für ihre erste Kampagne haben sie gemeinsam mit der Marketing-Agentur David und Goliath drei ausdrucksstarke Bildmotive entwickelt, die die Einsatzsituationen aus der Sicht des Opfers zeigen. Dabei stehen zum Beispiel Gaffer im Mittelpunkt, die die Einsatzkräfte von ihrer Arbeit abhalten oder das Geschehen mit dem Smartphone aufzeichnen und online stellen.

Präventionsarbeit auch in Schulen

Präventionsarbeit leistet der Verein auch in Grund- und weiterführenden Schulen. In den Workshops erarbeiten die Ehrenamtlichen mit Kindern und Jugendlichen, was Respekt bedeutet und wann das Smartphone in Notfalllagen hilfreich sein kann. Bei Veranstaltungen werden Tipps gegeben, wie man sich am Einsatzort verhalten sollte. „Man kann einen Sichtschutz mit der Jacke oder einem Schal bilden, um das Opfer abzuschirmen“, führt Mara Buhl als Beispiel an. Wenn sich eine größere Menschentraube bildet, sollte man sich gegenseitig zum Weitergehen animieren, um den Ersthelfern genügend Raum für ihre Arbeit zu geben.

Eine Präventionsarbeit, die nötig ist. „Leider gehört es mittlerweile zum Alltag für Einsatzkräfte dazu“, stellt Jens Hoffmann fest, der seit 20 Jahren Berufsfeuerwehrmann ist, und erinnert sich an eine Situation, in der er an Silvester mit Böllern beworfen und mit Feuerwerksraketen beschossen wurde – der brennende Dachstuhl musste warten, bis die Polizei die Situation unter Kontrolle gebracht hatte.

Wie gehen Einsatzkräfte damit um? „Viele von uns lassen diese Situationen nicht an sich herankommen und nehmen die Respektlosigkeit einfach hin“, so Hoffmann, der annimmt, dass es eine hohe Dunkelziffer an Vorfällen gibt, die nicht zur Anzeige gebracht werden. Mittlerweile werden die Einsatzkräfte auch in ihrer Ausbildung geschult, wie sie in solchen Situationen deeskalierend reagieren können. Auch Selbstverteidigungskurse können belegt werden.

Ein Jahr lang nicht diensttauglich

Doch manchmal sind die Übergriffe so schwerwiegend, dass sie größere Auswirkungen haben. „Ein Kollege war ein Jahr lang nicht diensttauglich, nachdem ein Mann eine Spaltaxt ins Seitenfenster des Rettungstransporters geschlagen hatte, weil ihn das Martinshorn gestört hat“, berichtet der Lüdenscheider.

Der Verein „SoKo Respekt“ zählt bereits mehr als 600 Mitglieder. „Auch als passives Mitglied kann man bei uns ein Zeichen setzen“, so Mara Buhl. Die Arbeit des Vereins findet auch über die Grenzen von Lüdenscheid hinaus Resonanz.

Erst Ende Oktober wurde Mara Buhl stellvertretend für den Verein in Hamburg von Kai Pflaume und Schauspieler Sebastian Ströbel mit dem Sonderpreis der „Goldenen Bild der Frau“ ausgezeichnet. „Uns hat niemand für den Preis vorgeschlagen“, sagt sie, „das Schöne ist, dass die Redaktion von sich aus auf uns aufmerksam geworden ist.“

Informationen zum Verein im Netz unter: www.mehrrespekt.de

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