Medizin

Forscher der Uni Witten/Herdecke entschlüsseln Coronavirus

Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke konnte erstmals die Wirkweise des Coronavirus nachweisen. Links eine gesunde Lunge und ihre Gefäße, rechts die eines Covid-19-Patienten. Foto: Universität Witten/Herdecke

Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke konnte erstmals die Wirkweise des Coronavirus nachweisen. Links eine gesunde Lunge und ihre Gefäße, rechts die eines Covid-19-Patienten. Foto: Universität Witten/Herdecke

Hagen  Erstmals kann die Wirkweise nachgewiesen werden: Symptome wie bei einem Schlaganfall möglich. Professor Hans Michael Kvasnicka im Interview.

Professor Hans Michael Kvasnicka ist Direktor des Instituts für Pathologie und Molekularpathologie am Helios Universitätsklinikum in Wuppertal und hat einen Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke. Er gehört einem internationalen Forscherteam an, das anhand von aufwändigen molekularen Untersuchungen an verstorbenen Covid19-Patienten die Wirkung des Coronavirus entschlüsselte.

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Was sind die zentralen Erkenntnisse Ihrer Untersuchungen?

Professor Hans Michael Kvasnicka: Lange Zeit galt das Coronavirus als reine Lungenerkrankung mit Ausbildung einer teils schweren und ungewöhnlichen Lungenentzündung. Wir haben Freunde in Bergamo und Mailand und haben daher sehr nah mitbekommen, was dort passiert ist. Und wir haben gesagt: Das kann keine normale Grippe sein. Nach unseren Untersuchungen wissen wir: Aus der Infektion mit dem Coronavirus kann eine generalisierte Erkrankung entstehen.

Was heißt das?

Nicht jeder, der infiziert ist, wird wirklich krank. Und von denen die krank werden, haben auch nicht alle einen komplikationsreichen Verlauf. Aber bei denen, die einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen, kann ein Multiorganschaden entstehen.

Wie vollzieht sich dieser?

Verantwortlich sind signifikante Gefäßveränderungen wie Gefäßverschlüsse durch Thrombosierungen, die die Blutzufuhr zu den End­organen wie etwa Lunge, Herz, Niere oder Gehirn vermindern. Um die atypischen Gefäße entsteht eine Entzündung, wie es sie bei Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen beobachtet werden kann. In der Lunge können als Folge Schäden wie bei chronischen Lungenleiden entstehen. Ähnliches ist im Herzen, in der Niere, im Gehirn nachweisbar.

Erklären sich so die neuronalen Ausfälle bei manchen Covid-Patienten, die über den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn klagen?

Wir forschen weiter zu diesem Thema und können schon jetzt zeigen, dass im Hirn die ähnlichen Mechanismen ablaufen. Das betrifft Gedächtnis- und Koordinationsprobleme sowie Symptome wie bei einem Schlaganfall, an denen Patienten auch versterben können.

Das klingt bedrohlich.

Aus medizinischer Sicht ist das sehr ungewöhnlich, dass sich ein Virus wie eine Grippe präsentieren kann, am Ende aber viele Organe schädigt. Wir haben das so noch nie gesehen und es ist wirklich nichts, was man verharmlosen sollte. Sich weiterhin so gut es geht zu schützen, ist sicher eine gute Idee.

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Was folgt aus dem neuen Wissen für die Therapie von Infizierten?

Grundsätzlich zeigen die Ergebnisse, dass die bisherigen Therapieansätze richtig waren und ausgebaut werden können. Es gibt ein Mittel, das gegen Rheuma eingesetzt wird, das aber auch den Wirkmechanismus von Covid-19 angreift. Analogien zu anderen Viruserkrankungen zu ziehen, erscheint sinnvoll, weswegen ein entsprechendes und mittlerweile schon bekanntes Medikament namens Remdesivir nun eingesetzt wird, weil es die Viruslast senken kann und die Entzündungsreaktion somit eindämmt.

Was muss das nächste Ziel sein?

Die Antwort auf die Frage: Wie kann verhindert werden, dass Patienten in einen schweren Verlauf der Krankheit geraten. Parameter für eine verlässliche Prognose ausfindig machen zu können, würde bedeuten, die Therapie pro aktiv anpassen zu können, um die Todesrate weiter zu senken. Denn Patienten, die einen schweren Verlauf haben, haben unter bestimmten Umständen ein hohes Risiko, daran zu versterben.

Welche Rolle spielen Alter und mögliche Vorerkrankungen der Patienten?

Das wissen wir nicht abschließend. Es gibt Daten, dass Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht überproportional häufig schwer erkranken. Bestimmte Blutgruppen könnten sich zudem auf den Krankheitsverlauf auswirken.

Wie weit ist die Wissenschaft auf dem Weg, das neue Virus zu verstehen?

Ich würde sagen: Wir haben schon vieles geschafft. Wenn wir schauen, wie lange wir gebraucht haben, um Krebs zu verstehen, dann reden wir von Dekaden. Das neue Coronavirus haben wir seit wenigen Monaten – und wir haben sozusagen Wissen in Warp-Geschwindigkeit generiert. Das ist eine Leistung der vernetzten modernen Wissenschaft.

Was bleibt derzeit noch offen?

Wir wissen bislang noch nichts über die Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Es gibt Patienten, die befinden sich in der Reha, weil sie richtig krank waren und lange brauchen, bis sie wieder ihre gewohnte Leistungsfähigkeit zurückerlangen. Womöglich gibt es auch eine Gruppe von Erkrankten mit langfristigen Veränderungen des Lungengewebes. Selbst wenn das nur bei ein paar Prozent der Erkrankten der Fall wäre, sind das viel zu viele. Das muss verhindert werden.

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