Waldeck

Extreme Ebbe im Edersee lässt alte Schätze wieder auftauchen

Waldeck.   Der Wasserstand im Edersee, Deutschlands drittgrößter Talsperre, fällt rapide. Bald könnte ein längst vergessenes Bauwerk wieder auftauchen.

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Zeugen einer vor mehr als 100 Jahren untergegangenen Welt tauchen wieder auf – und machen Vergangenheit zur Gegenwart: Im Edersee herrscht Ebbe. Deutschlands drittgrößter Talsperre, kurz hinter der Landesgrenze zu NRW in Nordhessen, geht das Wasser aus. Seit Wochen sinkt der Pegel rasant und droht weiter zu fallen, dem Rekordwert von 2003 entgegen.

„Letztes Jahr war das Wasser schon früh weg. In diesem Jahr ist es noch schneller gegangen“, sagt Rita Wilhelmi. Die Naturparkführerin aus Vöhl, einem kleinen Örtchen oberhalb des Edersees, weist Touristen den Weg, die dem See in den ausgetrockneten Gebieten auf den Grund gehen wollen. Vor allem an Wochenenden kommen die Besucher derzeit in Massen.

Die alte, unter Denkmalschutz stehende, steinerne Brücke zwischen den Dörfchen Asel und Asel-Süd auf der anderen Seeseite, können sie schon seit Monaten wieder trockenen Fußes überqueren; die Fähre hat längst ihren Betrieb eingestellt: Sie hätte auch nicht einmal mehr eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Eine knallgelbe Boje, die sonst Schiffe vor Untiefen warnt, liegt ungelenk auf dem trockenen Seegrund.

Ruinen versunkener Dörfer tauchen auf

Ruinen der versunkenen Dörfer Berich, Bringhausen und Nieder-Werbe sind wieder zu begehen. Und unterhalb der Jugendherberge Waldeck führt der Weg zu Tret- und Segelbooten am Steg mehr als hundert Meter einen steinigen Hang hinab – am alten Friedhof Berich vorbei, einem mit Beton ausgegossenem Gräberfeld, das sonst tief unter der Wasseroberfläche liegt.

Dies alles sind Orte des Edersee-Atlantis, die in trockenen Jahren zu Tage treten. Schon 2017 war eines dieser trockenen Jahre, anno 2018 fällt noch trockener aus: Sinkt der Pegel noch um 1,40 Meter, dann taucht das Modell der Staumauer, das im Maßstab 1: 40 vor der Flutung des Tals 1914 zu Testzwecken gebaut wurde, wieder auf. Das war zuletzt im Herbst 2003 der Fall. Die Mauerkrone dürfte, bei anhaltend wenig Regen, bereits in zwei Wochen zu sehen sein.

Edersee erreicht kritische Marke

Zu 18 Prozent ist der Edersee aktuell noch gefüllt; der Wasserstand liegt gut 22,5 Meter unter Vollstau. Dort, wo Ausflugsschiffe noch fahren können, gleicht die Szene eher der Fahrt durch einen Canyon, denn über einen Stausee.

„Aktuell ist die Edertalsperre annäherend vollgefüllt. Gute Aussichten für die Saison 2018“, hatten das Regierungspräsidium Kassel und die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes im Frühjahr vermeldet. – „In diesem Jahr haben wir es mit einer extremen Trockenheit zu tun“, muss Timo Freitag, Leiter der Stelle Gewässerkunde beim zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Hannoversch Münden, jetzt auf unsere Nachfrage feststellen.

Die Edertalsperre soll, gemeinsam mit dem benachbarten Diemelsee, für ausreichend Wasser für die Schifffahrt auf der Weser sorgen. Der Niedrigwasserstand der Weser aus dem Jahr 2003 (77 Zentimeter) ist laut WSA in diesem Jahr „bereits einige Male unterschritten worden“. Derzeit werden aus dem Edersee noch sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Fulda abgegeben: „Eine Mindestabgabe zum Schutz der Ökologie der unteren Eder“, sagt das WSA. Sinkt der Stauinhalt auf die kritische Marke von 20 Millionen Kubikmeter, wird nur noch so viel Wasser abgelassen, wie zufließt – der Wasserstand würde ab dann stagnieren.

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