Die Zukunft des Geldes

„Es wird Geld in vielen Formen geben“

Auch wenn die Bundesbank keine Fünfhunderter mehr herausgibt: Scheine und Münzen wird es noch lange geben.

Auch wenn die Bundesbank keine Fünfhunderter mehr herausgibt: Scheine und Münzen wird es noch lange geben.

Foto: Silas Stein/dpa

Siegen.   Siegener Medienwissenschaftler rechnet nicht mit der Abschaffung des Bargelds. Beim digitalen Bezahlen ist Vertrauen das Problem.

Dr. Sebastian Gießmann ist Medienwissenschaftler und Medienhistoriker an der Uni Siegen. Das Medium, mit dem er sich seit vielen Jahren beschäftigt, ist das Geld. Das macht ihn angesichts aktueller Entwicklungen an der Bezahlfront zu einem interessanten Gesprächspartner.

In diesen Tagen haben wir erstens gehört, dass die Bundesbank keine 500-Euro-Scheine mehr herausgibt, und zweitens, dass im vergangenen Jahr im Einzelhandel mehr mit Karten bezahlt wurde als mit Münzen und Scheinen. Ist das der Anfang vom Ende des Bargelds?

Sebastian Gießmann: Dazu wird es so schnell nicht kommen. Erst recht nicht in Deutschland.

Warum sind wir da zögerlicher als beispielsweise die Skandinavier?

Als Begründung wird häufig die Krisenerfahrung aus der Weimarer Republik angeführt. Das halte ich nicht für stichhaltig, denn erstens war damals gerade das Bargeld betroffen und zweitens ist diese Zeit nicht mehr so präsent im kollektiven Bewusstsein.

Es muss also andere Gründe geben.

Wir sollten zunächst mal auf die Vorteile des Bargelds schauen: Das sind High-Tech-Scheine aus der Bundesdruckerei. Wir können selbst prüfen, ob sie echt sind. Es handelt sich um eine Urkunde, hinter der staatliche Institutionen stecken, denen wir vertrauen. Digital gibt es nichts Vergleichbares. Versuchen Sie mal, eine App zu prüfen. Schon mit der Plastikkarte ist es schwieriger. Dazu kommt, dass Bargeld den sofortigen Tausch von Werten ermöglicht.

Aber die Kreditkarten funktionieren doch seit Jahrzehnten ausgezeichnet.

Die Karten sind ein gutes Beispiel dafür, wie im Lauf der Zeit immer mehr Sicherheitsmarkmale hinzugekommen sind. Am Anfang brauchte es nur die Unterschrift des Inhabers. Dann kam der Magnetstreifen dazu, die Sicherheitsnummer, ein Hologramm, der Chip. Inzwischen gibt zusätzliche Passwörter für die Internet-Nutzung und Verfahren bis hin zur Gesichtserkennung.

Auch die Kreditkarte gab es in Deutschland viel später als in den USA. Warum sind wir immer so langsam?

In der Bundesrepublik haben sich die Banken zunächst Ende der 1950er Jahre damit beschäftigt, das Girokonto für jedermann einzuführen. Es war teilweise mühsam, die Arbeiter davon zu überzeugen, dass es besser ist als die Lohntüte. Die Bedenken waren ähnliche wie heute: Angst vor Kontrolle. Damals durch die Ehefrau.

Und nach der Anstrengung wollten die Banken nicht noch die Kreditkarte einführen?

Sie haben sich auf eine Alternative konzentriert: den Eurocheque, der 1968 eingeführt wurde. Davon übrig ist nur noch das, was wir heute immer noch als EC-Karte bezeichnen. Auch die europäische Kreditkarte, die Eurocard, ist 2003 in Mastercard aufgegangen.

Die Amerikaner beherrschen den Markt?

Das ist im Finanzwesen wie in den sozialen Medien. Europa hätte Vorreiter sein können beim mobilen Bezahlen mit dem Handy, aber das hat sich nicht durchgesetzt.

Was wird sich denn durchsetzen im Digitalzeitalter?

Es wird Geld in vielen Formen geben. Die Generation, die mit dem Smartphone sozialisiert ist, erwartet, dass alles damit funktioniert. Damit alle Menschen Bank-Apps, Apple Pay oder Google Pay nutzen, brauchen sie aber ein Grundvertrauen, digitale Medienkompetenz und Sicherheitsbewusstsein.

Wie halten Sie es selbst mit dem Bezahlen?

Ich passe mich der Situation an. Im öffentlichen Nahverkehr bezahle ich mit einer App, die dann die Kreditkarte belastet. Das ist billiger. Aber ich möchte das Bargeld nicht missen. Es ist eine Option mehr.

Und es garantiert Anonymität?

Richtig. Das gefällt Strafverfolgungsbehörden nicht, aber die Bürgerinnen und Bürger empfinden es als Vorteil.

In Schweden offensichtlich nicht.

In Deutschland wird eben viel Wert auf Datenschutz gelegt.

Man hört bei Ihnen schon eine Sympathie fürs Bargeld durch.

Ich sehe bei digitalen Bezahlsystemen eine Parallele zu Google oder Facebook. Warum sind die so groß geworden? Weil sie eine öffentliche Infrastruktur, das Internet, für ihre Zwecke genutzt haben und die Gewinne privat abschöpfen. Beim Bargeld haben wir auch eine öffentlich-rechtliche Infrastruktur, und Private versuchen darauf aufzusetzen. In Schweden wird auch deshalb so viel digital bezahlt, weil dahinter die Absicherung durch die Reichsbank steht. Ich sehe da ein Dilemma bei den digitalen Bezahlformen: Die öffentlich-rechtlichen Garantien halten nicht Schritt mit der privatwirtschaftlichen Digitalisierung, andererseits ist der Staat kein wirklich guter Unternehmer und Infrastrukturanbieter.

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