Glaube

Eine Annäherung an die Kirche – aber der Glaube kommt nicht

Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager.

Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager.

Menden/Berlin.   Valerie Schönian hat den gebürtigen Mendener Priester Franziskus von Boeselager ein Jahr lang begleitet und darüber ein Buch geschrieben.

Zwölf Monate lang hat Valerie Schönian in einer anderen Welt gelebt. Die Berlinerin, die sich selbst als kirchenfern, linksliberal und feministisch sieht, begleitete in dieser Zeit den katholischen Priester Franziskus von Boeselager (39), Kaplan in Münster-Roxel und gebürtiger Mendener, durch dessen Alltag (wir berichteten).

Vor einem Jahr wurde das innovative Projekt der Deutschen Bischofskonferenz beendet. Ihre Eindrücke, aber auch ihre Einstellung zum Glauben, hat die 27-Jährige in einem Buch verarbeitet. Titel: „Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen.“

Das Erlebte erstmal sacken lassen

„Bevor ich mich entschlossen habe, ein Buch über die Zeit in Münster zu schreiben, musste ich das Erlebte erst einmal sacken lassen“, sagt Valerie Schönian.

Ein Jahr lang war die gebürtige Magdeburgerin zwei Wochen pro Monat an der Seite des Priesters - hat an seelsorgerischen Terminen teilgenommen und war mit ihm auf Messdienerfahrten oder beim Weltjugendtag in Rom. War es ein Abenteuer, ein Experiment? Oder was sonst? Valerie Schönian muss nicht lange überlegen: „Es war ­irre“, sagt sie, „auf allen Ebenen.“ Es sei aufregend und schön gewesen, aber nicht immer einfach, „beide Realitäten“ zu verarbeiten.

Ein ungewöhnlicher Weg zu Gott

Zum Abschied habe ihr Franziskus’ von Boeselagers Mitbewohner Esther Maria Magnis’ Buch „Gott braucht dich nicht“ geschenkt. Es ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Weges zum Glauben und zu Gott. „Das Buch hat mich gefesselt“, sagt Valerie Schönian, „wegen der Art wie Esther Maria Magnis schreibt.“ So habe sie beim Lesen und später beim Schreiben ihres eigenen, ersten Buches sich auch mit dem eigenen Glauben auseinandersetzen können. Es bleibt dabei: „Ich kann nicht sagen, dass ich an Gott glaube“, ist ihre ehrliche Erkenntnis. „Aber auch ich glaube an Dinge, die größer sind als wir selbst - ich glaube, das tun die meisten, nur denken sie darüber nicht ständig nach. An die Liebe etwa.“

Aus Valerie Schönians Stimme am Telefon ist jetzt Begeisterung herauszuhören: Sie glaube den Menschen mit einem Gottvertrauen, die ihr in Münster begegnet sind. Franziskus von Boeselager zum Beispiel: Dieser habe großes Vertrauen zu Gott, der ihm Sicherheit und Stabilität gebe: „Das Leben als Priester, das Franziskus führt, ist ein großes Geschenk und kein Verzicht für ihn. Dieses Leben ist das beste für ihn.“

Ein Jahr ist seit dem Projekt vergangen

Ein Jahr ist seit dem Ende des Projekts vergangen. Franziskus von Boeselager hatte damals auf unsere Frage, ob die beiden Freunde geworden sind, so geantwortet: „Wir haben vieles entwickelt, was eine Freundschaft ausmacht: Vertrauen, Sympathie, Freud und Leid teilen. Eine Freundschaft ist aber noch mehr. Vielleicht kann die erst nach dem Projekt wachsen.“ Valerie Schönian erinnert sich gut an diese Antwort. „Franziskus geht mit dem Begriff ,Freunde’ vorsichtiger um.“ Aber sie hätten sich darauf „geeinigt, so etwas wie Freunde“ geworden zu sein. „Trotz der räumlichen Distanz fühle ich mich ihm ein Stück weit verbunden.“

„Valerie und der Priester“ - so hieß ihr viel beachteter Blog - haben sich in den letzten zwölf Monaten zwei Mal gesehen. Telefongespräche seien eher selten. „Hauptsächlich kommunizieren wir per WhatsApp miteinander.“ Zu einem Wiedersehen kommt es auf dem Katholikentag in Münster (9. bis 13. Mai). „Ich freue mich sehr darauf. Viele Leute von damals habe ich seitdem nicht mehr gesehen - jetzt treffe ich sie wieder.“ In Franziskus’ Kirchengemeinde in Münster wird Valerie Schönian mit ihm in einer Messe ein Predigtgespräch führen. Und sie wird eine Lesung abhalten, wie etwa in Menden, wo sie im Elternhaus des Kirchenmannes schlief und eine sehr gut besuchte Veranstaltung erlebte.

Die zwölf Monate in der katholischen Pfarrgemeinde waren eine Erfahrung, die Valerie Schönian nicht missen möchte. „Vor dem Projekt war Kirche für mich nur ein Gebäude“, sagt sie. „Jetzt verbinde ich Kirche mit vielen Gesichtern - das ist etwas Positives.“ Hörte sie früher Glockengeläut, so erzählt sie, habe sie dies eher als Störgeräusch wahrgenommen. „Wenn ich heute Glocken höre, fühle ich mich eingeladen und es kommen für den Bruchteil einer Sekunde Erinnerungen an die Zeit in Münster hoch“, beschreibt sie das „schöne Gefühl“.

Durchweg positive Reaktionen

Die Berlinerin hat für das Kirchenprojekt durchweg positive Reaktionen erhalten. „Es ist ein wertvoller Beitrag zur Stärkung und Wahrnehmung des Priesterbildes gewesen“, sagte zum Beispiel der Münsteraner Bischof Felix Genn.

Valerie Schönians Fazit macht Hoffnung in vielerlei Hinsicht. „Es ist möglich, dass zwei Menschen, die so verschieden sind, trotzdem herzlich miteinander umgehen und sich verstehen können.“ Dies sei angesichts der Flüchtlingssituation eine höchst aktuelle Erkenntnis: „Dialog lohnt sich.“

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