Heimatlieder

Die Sehnsucht nach deutsche Vita

Der singende Barista Vincenzo Pettinato aus Hagen mit Tochter Maria Sara.

Der singende Barista Vincenzo Pettinato aus Hagen mit Tochter Maria Sara.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Hagen.  Vincenzo Pettinato hat sich als singender Barista aus Hagen einen Namen gemacht. Ein Gespräch von Italiener zu Italiener über Heimat.

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Eigentlich sollte das eine ganz andere Geschichte werden, eine über die Sehnsucht nach Italien, nach dem starken Licht des Südens, das sich im Aperol Spritz bricht, eben ein passender Beitrag kurz vor den Sommerferien. Wer könnte dafür geeigneter sein als Vincenzo Pettinato, der singende Barista aus Hagen? Der aber zuckt, auf Dolce Vita angesprochen, nur mit den Schultern. Es kommt anders. Und so berichten diese Zeilen vom Inhaber einer Café -Bar, der vom Klischee singender italienischer Köche und Kellner weit entfernt ist. Dafür arbeitet Pettinato zu professionell. So professionell, dass er mit seiner Tochter Maria-Sara (29) in ganz Deutschland gebucht wird. Letztlich ist ein Gespräch von Italiener zu Italiener entstanden, eine Geschichte über Heimat. Wobei das mit der Heimat auch so eine Sache ist.


19 Uhr. „Vincenzo’s Milch- und Kaffeebar“ ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Lautsprecher bedienen die Ohren der Gäste im Freien. Eine kleine, feine Lichtorgel arbeitet. Hintergrundmusik wird digital ausgespielt. Coversongs. Oldies. Pettinato singt mit seiner Tochter Maria-Sara live vor dem Tresen. Dahinter werden Drinks gemixt.


Vincenzo Pettinatos Geschichte kommt dem Autor bekannt vor. Man teilt sich nicht nur das Geburtsjahr: Die Eltern sind der Armut im Süden entflohen, eine Sehnsucht nach Italien verspüren beide nicht. Corigliano Calabro, die Kleinstadt in Kalabrien, daran denkt der 56 Jahre alte Pettinato selten. Keine Spurensuche nach dem Leben der Eltern zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Kulturen. „Meine Kindheit war hart“, berichtet Pettinato. Wie er als Achtjähriger mit einem kleinen Wagen durch die Gassen des Dorfes rollte und Nüsse verkaufen musste, schmerzt ihn bis heute. Als seine Eltern ihm die Ausreise ankündigten, hatte er einen wiederkehrenden Traum: „Mit meinem ersten verdienten Geld wollte ich mir einen Golf GTI kaufen.“ Mit 15 kam er in Hagen an.


19.30 Uhr. Es sind die Italo-Klassiker wie „Cosa sei“ von Richie e Poveri, „Come prima“ von Tony Dallara oder „Volare“ von Domenico Modugno, die das Publikum fesseln. Wie nahe diese Lieder Vincenzo und Maria-Sara Pettinato wirklich sind, kann man in ihren Gesichtern lesen. Sie verstehen die Worte, leiden, lieben, lassen los, während die Gäste längst um Jahrzehnte verjüngt am Strand angekommen sind.


Viele Jobs folgten in den 70er und 80er Jahren in Hagen. Pettinato arbeitete in einer Metzgerei als Verkäufer, lernte Leberkäse zu schätzen, verdiente sein Geld als Schweißer, eröffnete in der Innenstadt das Modegeschäft „Vincenzos Moda Uomo“, wo Männer auch metallene Krawatten kaufen konnten. Dann folgte die familiengeführte Café-Bar.


19.45 Uhr. Der 56-Jährige lässt seiner Tochter Freiraum. Sie glänzt mit Solostücken wie Namikas „Lieblingsmensch“ oder „A night like this“ von Caro Emerald. Sie stiehlt ihm die Schau. Er lächelt. Ganz Papa.


Eine Woche reicht dem sportlichen Italiener an seinem Geburtsort. Dort nennen in alle nur „den Deutschen“. „Viel länger halte ich es nicht aus.“ Meistens fährt er im September hinunter, „weil da der Strand so schön leer ist“. Er ist sie leid, die Diskussionen über Heimat, Patriotismus, Italien. Die Verwandten haben akzeptiert, dass er nur seine Mutter in Corigliano Calabro besucht, ihre selbst gemachten Nudeln genießt.


19.55 Uhr. Ein Tisch sorgt für Unruhe. Die Konkurrenz vom „Café de Paris“ feiert ihre eigene Party. Pettinato nimmt’s erst mit Humor, dann folgen verbale Pfeile, die „die Damen auf der linken Seite“ verstummen lassen – für ein paar Minuten.


Heimat? Widersprüche? Ja, die seien ihm bewusst. Früher, wenn er den Gotthard-Tunnel passiert hat, dann habe er den ersten Autogrill angesteuert, um seinen ersten Cappuccino in Italien zu genießen. Ein Ritual. Im Stehen. In der zweiten Reihe. „Schmeckt immer bestens“, sagt er, obwohl der Barista für sein Kaffeekreationen in Hagen geschätzt wird. Bäume, Himmel, Meer – jenseits der Alpen und erst recht in Kalabrien wirke alles wie gemalt. Aber das sei nicht Heimat.


20.10 Uhr. Pause. Detlef Heimann (59) gefällt’s: „Die klingen teilweise besser als die Originale.“ Es sei sein „fünftes Konzert mit den Pettinatos“. Veronika Bass ist zum ersten Mal dabei. Die zehn Euro Eintritt hätten sich gelohnt: „Die beiden wecken die Italienerin in mir.“ „Eine schöne Mischung“, stimmt Mann Volker ihr zu.


Das Gespräch von Italiener zu Italiener nimmt kuriose Züge an. Dialekte aus Kalabrien und Latium prallen aufeinander. Der anstrengende Informationsaustausch geht fließend ins Deutsche über. Besser! Es gibt Einwanderer, denen die Integrationsproblematik wesentlich fremder als Sauerkraut ist.


20.20 Uhr. Pettinato singt „Sealed with a kiss“ von Jason Donovan. Dieses Lied aus „Eis am Stiel“ (1978) habe ihm über seine Militärzeit in Italien hinweg geholfen, erzählt er. Kleine Anekdoten aus seinem Leben folgen. Er wirkt berührt. Weit weg. Die Mischung aus Losgehern und Besinnlichem, Stimmungsmachern und Herzdrückern packt.


Pettinato hat die Liebe zum Singen von seiner Mutter geerbt und erzählt, wie er ihrer Stimme in der Küche zuhörte. Als Jugendlicher sang er Songs der Beatles und Bee Gees nach. „Solange bis der Hals schmerzte und mein Arzt mir Gesangsunterricht empfahl.“ Die nimmt der 56-Jährige mit seiner Tochter bis heute. Einmal die Woche fahren sich nach Köln zur Sopranistin Maria Klier, die im Theater Hagen selbst Erfolge feiert. An das Jahr 1990 erinnert sich der Deutsch-Kalabrese noch gut. Das Jahr seines ersten öffentlichen Auftritts in einem Hagener Parkhaus vor 400 Zuhörern. Eine halbe Stunde zuvor hatte er sich in einer Kneipe am Bahnhof Mut angetrunken. „Zwei Grappa.“ Er schrieb eigene Texte, komponierte die Musik, spielte Gitarre. „Bis der Druck zu groß wurde und ich eine zehnjährige Pause einlegte.“ Seither nimmt er sein Instrument, eine Taylor Turtle, selten zur Hand.


20.30 Uhr. Auf Elvis „Are you lonsome tonight“ folgt „Cherry, cherry lady“ von Modern Talking. Vincenzo und Maria-Sara schwitzen, lächeln, erfüllen Wunsch um Wunsch.


Vor vier Jahren fing Pettinato wieder mit dem Singen an. Gemeinsam mit seiner Tochter tritt er auf. Mit Italo-Hits, Schlagern und Popsongs. Mit Stücken von Frank Sinatra, Dean Martin und Ed Sheeran. „Eben alles außer Heavy Metal und Hardrock“, erzählt er. „Unser Repertoire ist so groß, wir könnten zwei Wochen lang durchsingen“, berichtet seine Tochter. Die Sangeskunst der beiden hat sich herumgesprochen. Sie werden auch außerhalb Hagens gebucht. In Wuppertal, Dormagen, München. Unvergessen bleibt Pettinatos Auftritt mit den Hagener Philharmonikern beim Theater Hagen Open Air 2013, wo er „Il Mundo“ von Jimmy Fontana zum Besten gab.


20.48 Uhr. Es sind die italienischen Lieder, die für Gänsehaut sorgen, die Sehnsucht aufkommen lassen. Keine nach der Leichtigkeit des Seins, nein, nach etwas, das einem fehlt, etwas, das das Herz berührt und die Bedeutungslosigkeit im Universum für einen Moment vergessen lässt.


Maria-Sara, die im Café mitarbeitet, liebt die Tage in Italien: „Ich habe nicht wie mein Vater negative Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Sie verspüre Sehnsucht nach Großmutter und Lebensart. Dazu gehöre aber mehr als Ferrari, antike Brunnen und leckere Pizza. Italienischer Lebensstil ziele, so die 29-Jährige, darauf ab, sich selbst etwas zu gönnen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, damit man Kraft tankt für die Widrigkeiten des Alltags. „Heimat aber ist auch für mich Deutschland, Westfalen, Hagen.“


20.55 Uhr. Höhepunkt des Abends: Maria-Saras Interpretation von Chers „Do you believe?“

Pettinato hingegen empfindet in Italien Heimat nur in Augenblicken. Zum Beispiel wenn er in Corigliano Calabro das Salz des Meeres auf der Zunge schmeckt und dem Echo seines Ganges auf dem Kopfsteinpflaster in Gassen lauscht. Dann bekomme auch er ein angenehmes Frösteln, fühle er für einen Moment Verbundenheit.


21.00 Uhr. Pettinato tanzt zur Stimme seiner Tochter mit seiner griechischen Frau – Gäste folgen.


In Italien überwiegt bei Pettinato der tägliche Kampf, ruhig zu bleiben. „Wenn Italiener die Schlange vor dem Supermarktkasse ignorieren oder der Termin beim Arzt von Geld und Beziehungen abhängt, und, und, und.“ Dann sehne er sich nach dem Deutschen, der auch den Urlaub ernst nimmt.


21.10 Uhr. „Zugabe, Zugabe!“ Taylor Swifts „Shake it off“ ertönt. Gäste singen den Refrain mit.


Pettinato liebt Knödel, Pünktlichkeit, Regeln, die auch befolgt werden. In Hagen verblasse die Erinnerung an eine Zeit ohne Kindheit.


21.15 Uhr: Detlef Heimann: „Es war ein schöner, ehrlicher Abend.“


Seine Gäste, erzählt Vicenzo Pettinato, seien wie er. „Sie verändern sich. Sie werden immer italienischer, ich immer deutscher.“ So kommt es ihm vor. Und natürlich bestellten seine Gäste bei ihm keinen mit Wasser verlängerten Espresso, sondern einen Ristretto. „So wie es echte Italiener tun.“ Nur wenn es um Fußball geht, dann schlage sein Herz für die Azzurri. So wie beim Autor dieser Zeilen. Wer Pettinato fragt, warum das so ist, der hört von ihm: „Ich weiß es nicht. Es gibt keine zufriedenstellende Antwort. Das ist so wie beim Thema Heimat, das vieles bedeutet: Zugehörigkeit, Nostalgie, Geborgenheit … und für jeden etwas anderes.“

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