Regionale Wirtschaft

IHK spricht von einem „Absturz“ bei den Industrieaufträgen

Foto: Sascha Kertzscher / WP

Siegen.  Konjunkturumfrage der IHK Siegen: Einen „Absturz“ sieht Hauptgeschäftsführer Gräbener. Die Beschäftigung bleibt allerdings auf Rekordniveau.

„Wir haben einen Rückgang erwartet“, sagt Klaus Gräbener. „Erlebt haben wir einen Absturz.“ Mit diesen Worten kommentiert der Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen, die auch für den Kreis Olpe zuständig ist, die aktuelle Konjunkturumfrage, an der sich 536 Unternehmen aus Industrie, Bauwirtschaft, Handel und Dienstleistungen beteiligt haben.

Das klingt dramatisch. Doch das Konjunkturklima, das mit solchen Umfragen gemessen wird, fußt auf subjektiven Beurteilungen und Zukunftserwartungen. Die Gegenwart nimmt sich demgegenüber noch freundlich aus: „Die Beschäftigung ist entgegen aller Hiobsbotschaften weiterhin auf einem Spitzenniveau“, erklärt IHK-Präsident Felix G. Hensel.

Geschäftslage „gut“ oder „befriedigend“

„Über 179.000 Menschen sind in unserer Region sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Mehr als je zuvor.“ Immer noch bewerten fünf von sechs Unternehmen ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend. Die Situation der Bauwirtschaft ist beneidenswert gut. Der Einzelhandel profitiert vom guten Konsumklima.

Also alles halb so wild? Das Problem ist die Industrie. Noch sind 78 Prozent der Industrieunternehmen zu über 70 Prozent ausgelastet. Das ist etwas rückläufig, aber trotzdem ein guter Wert. Schlechter sieht es allerdings bei den Aufträgen aus, also der zukünftigen Produktion: Nur 17 Prozent der Unternehmen geben steigende Auftragseingänge an, 46 Prozent fallende. Nur 13 Prozent der heimischen Industrie erwarten bessere Geschäfte, 32 Prozent schlechtere. Insbesondere die Inlandsnachfrage geht zurück.

Großhandel im Sinkflug

Hensel zieht einen Schlussstrich: „Die konjunkturelle Hochphase der vergangenen Jahre ist vorbei.“ Schlimmer noch: „Die angespannte Lage der Industrie beginnt nun auch die Geschäftserwartungen der anderen Branchen zu lähmen.“ Auch im Großhandel befinden sich die Geschäftserwartungen im Sinkflug.

Insbesondere die Automobilindustrie hat mit den schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Die Pkw-Produktion in Deutschland sank im ersten Quartal 2019 um 10 Prozent und im zweiten Quartal um 13,4 Prozent. Gräbener: „Das spüren natürlich unsere Automobilzulieferer deutlich. Deshalb gehen die Erwartungen besonders im Kreis Olpe nach unten.“ Er schüttelt den Kopf: „Wir diskutieren derzeit das Auto kaputt, das Zugpferd unserer Wirtschaft.“ Hensel ergänzt: „Das E-Auto wird auf ein Podest gehoben, aber nicht gekauft.“

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die eingetrübte Stimmung schlägt sich nicht bei den Investitionserwartungen nieder. 73 Prozent der Betriebe rechnen mit steigenden oder gleich hohen Investitionen im Inland. „Das spricht dafür, dass die Investitionen langfristig ausgerichtet sind“, meint der IHK-Präsident. Und das hieße dann, dass eine Konjunkturdelle erwartet wird, aber kein Niedergang. Das passt zur Entwicklung bei der Beschäftigung: Die Unternehmen versuchen, die Fachkräfte zu halten und bilden weiter aus. Einige Unternehmen haben Kurzarbeit beantragt, andere bauen Überstunden ab, die sich auf Zeitkonten angesammelt haben.

Neunjähriger Aufschwung

Was das in der Gesamtschau bedeutet? Gräbener: „Womöglich kommen wir 2019 noch mit einem blauen Auge davon. Sollte es aber 2020 so weitergehen, müssen wir uns warm anziehen.“ Hensel: „Wir sollten den Teufel nicht an die Wand malen. Aber die aktuelle Zolldiskussion drückt zusätzlich auf die Stimmung.“ Klaus Gräbener gibt zu bedenken, dass ein neunjähriger Aufschwung zu Ende gehe: „Früher waren die Zyklen kürzer. Möglicherweise wird der Rückgang deshalb jetzt als besonders krass empfunden. Aber es gibt allen Anlass zur Sorge.“

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