Wolf

Interview: “Der Wolf ist uns sehr ähnlich“

Prof. Dr. Matthias Schick

Prof. Dr. Matthias Schick

Foto: Susanne Meier / Strickhof

Hagen.   Bäuerliche Familienbetriebe sind von der Rückkehr des Wolfs besonders betroffen, sagt Agrarexperte Prof. Dr. Matthias Schick im Interview.

Wie viel Wolf braucht Deutschland – und wie viele Rudel verträgt unsere Gesellschaft? An der Schnittstelle dieser Fragen forscht Dr. Matthias Schick, Professor für Agrartechnik an der Universität Hohenheim und Bereichsleiter Tierhaltung beim schweizerischen Kompetenzzentrum Strickhof in Lindau. Im Interview erläutert der Agrarwissenschaftler, warum die Rückkehr des Raubtiers die Landwirtschaft in Mittelgebirgen wie dem Sauerland und Wittgenstein verändern wird. Für Biohöfe, Familienbetriebe und Nebenerwerbs-Landwirte sind die Schutzmaßnahmen zu teuer und zu personalintensiv

Seit 20 Jahren ist der Wolf bereits zurück. Aber erst seit einem Jahr wird darüber gestritten. Warum?

Matthias Schick: Die Diskussion hängt damit zusammen, dass die Wolfspopulation schneller wächst, als wir vermutet haben. Mehr als 80 Rudel und mehr als 30 Paare gibt es derzeit in Deutschland. Das führt dazu, dass seit 2016 jährlich mehr als 1000 Nutztiere gerissen werden. Die Agrarpolitik fördert zunehmend die Weidehaltung in der Landwirtschaft, das ist ökologisch sinnvoll. Aber für den Wolf ist es ein Leckerchen, wenn Rinder und Schafe, eingezäunt mit ein oder zwei stromführenden Drähten, auf der Weide stehen.

Warum schützen sich die Landwirte nicht vor dem Wolf?

Einerseits soll der Landwirt mehr Tiere auf der Weide halten, andererseits gibt es wegen des hohen Kostendrucks weniger Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Das führt dazu, dass der Landwirt seine Tiere kaum so sichern kann, dass keine Wolfsrisse möglich sind. Es müssen immer größere Flächen kontrolliert werden, und die Wege dafür werden immer länger. Das bedeutet übrigens vermutlich das Ende für die Nebenerwerbs-Landwirtschaft, wie sie im Sauerland und in Wittgenstein noch sehr verbreitet ist. Denn hier kann tagsüber niemand die Tiere kontrollieren oder nach dem Wolf Ausschau halten. Diese Landwirte haben eine sehr hohe Identifikation mit ihren Tieren, die werden eher aufgeben als ertragen, dass ihre Tiere leiden. Damit würden wir eine ganze Kultur verlieren.

4000 Volt Spannung

Gibt es Zäune, die den Wolf draußen halten?

Theoretisch schafft das ein Elektrozaun mit 4000 Volt Spannung und fünf Joule Energie. Um dies sicherzustellen, müsste der Zaun täglich kontrolliert und der Aufwuchs niedergemäht werden. Das schafft kein Landwirt. Dadurch ist davon auszugehen, dass die Zahl der Wolfsrisse in Zukunft noch zunehmen wird.

Aber es gibt doch Entschädigungen für Landwirte, die Tiere an den Wolf verlieren?

Bei dieser Frage muss man festhalten, dass auch das Schaf ein Lebewesen ist. Der Tod durch Wolfsriss ist ein außerordentlich qualvoller und langsamer. Er dauert teilweise eine Stunde - das ist echtes Leiden, das komplett im Gegensatz zu unseren Tierschutzverordnungen steht. Wir sind letztendlich verpflichtet, unsere Nutztiere schmerzlos zu töten. Gerissene Tiere sind auch für den Landwirt traumatisch. Neulich bin ich auf eine Weide gerufen worden, da lagen sechs gerissene Tiere, die lebten teilweise noch, an einigen war nur die Keule herausgebissen. Wenn der Wolf einmal in Laune ist, dann jagt er nicht nur zum Fressen, sondern auch zum Training, vor allem im Verband. Das wird ein großes Problem, wenn wir mehr Rudel haben.

Und die Entschädigung?

Die Ministerien zahlen den reinen Schlachtwert zum Zeitpunkt des Risses. Das Tier ist jedoch für den Landwirt häufig als Zuchttier von viel höherem Wert. Dazu kommen ethische und moralische sowie rechtliche Aspekte. In der Wolfsfrage kollidiert das Bundesnaturschutzgesetz mit dem Tierschutzgesetz und der Tierschutznutztierhaltungsverordnung. Letztere besagt, dass der Halter Anforderungen zur Überwachung, Fütterung und Pflege seiner Tiere nachzukommen hat. Gemäß Bundesnaturschutzgesetz ist der Wolf aber eine streng geschützte Tierart. Daran müsste man mit Augenmaß arbeiten, etwa, dass auffällige Wölfe, die vermehrt Tiere reißen, geschossen werden können oder dass man versuchen darf, sie zu vergrämen.

Schafe haben keine Lobby

Warum haben Schafe und Kälber keine Lobby? Liegt es daran, dass unsere Gesellschaft Nahrung als Wegwerfartikel betrachtet?

Es ist für Teile der Bevölkerung nicht mehr schlimm, wenn ein Wolf ein Schaf reißt. Früher hat man von einem Nutztier wie dem Schaf alles genutzt, Wolle, Milch, Fell, Fleisch, Knochen. Die Wertschätzung von Fleisch nimmt ab, weil wir einen Massenüberfluss haben.

Geht der Wolf auch an Menschen, etwa an Kinder oder Senioren?

Das ist eher auszuschließen, hoffe ich jedenfalls. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind Wölfe in die Siedlungen gegangen, wenn es im Winter im Wald nichts mehr zu holen gab. Aus dieser Zeit gibt es Berichte, dass Kinder, alte Leute oder hilflose Personen Wolfsrissen zum Opfer fielen.

Der Wolf frisst alles

Unser Wald in Südwestfalen wird touristisch intensiv genutzt. Ist da noch Platz für den Wolf?

Ja, es ist Platz für den Wolf. Es kann sogar sein, dass wir über den Wolf die sich vergrößernde Wildschweinpopulation in den Griff kriegen. Wenn die Vermehrungsrate so hoch bleibt, werden allerdings Situationen kommen, wo der Wolf auch in urbanen Gebieten leben wird. Aber im Moment ist das nicht zu erwarten, weil wir einen sehr hohen Wildbestand haben. Der Wolf frisst alles.

Der Wolf ist gewissermaßen das Seelentier des modernen Menschen. Erschwert das die Debatte?

Viele Menschen identifizieren sich mit dem Wolf; das Tier ist uns sehr ähnlich. Und wir denken in unserer Arroganz als Menschen tatsächlich, dass wir den Wolf steuern können. Das wird frei nach Goethe gehen: Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.

Informationen über den Wolf in NRW sowie einen Wolfsinformationsdienst gibt es auf

www.wolf.nrw.de

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