Caritas

„Das heile Landleben ist eine Fiktion“

Kinder beim Essen in einer Einrichtung für sozial schwache Famlien.

Kinder beim Essen in einer Einrichtung für sozial schwache Famlien.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ulrich Baumgarten

Hagen/Paderborn.   Je mehr Kinder eine Familie hat, desto größer ist das Armutsrisiko – diesen Umstand und andere kritisiert Caritas-Direktor Josef Lüttig.

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Josef Lüttig ist als Caritas-Diözesandirektor seit fast neun Jahren der oberste Manager des Wohlfahrtsverbandes im Erzbistum Paderborn. Wir sprachen mit ihm über Armut, die Spaltung der Gesellschaft und das Thema Flüchtlinge.

So kurz vor Weihnachten spenden viele Menschen, etwa für Notleidende in Krisenregionen dieser Welt. Mit Blick darauf ist Deutschland ein reiches Land. Armut in diesem Land – wo gibt es die?

Josef Lüttig: Unser Sozialstaat bietet zwar eines der leistungsfähigsten Sozialsysteme dieser Welt, offenbart aber auch seine Schwächen. So ist es unerträglich, dass das Armutsrisiko bei uns mit der Kinderzahl steigt. Alleinerziehende oder kinderreiche Familien finden sich in der Armutsstatistik ganz oben wieder. Diesen Bevölkerungsgruppen hilft es wenig, wenn sie von niedrigen Kosten für Lebensmittel oder Bekleidung profitieren, wenn gleichzeitig andere Ausgaben wie etwa fürs Wohnen explodieren. Wer dafür mehr als 30 oder sogar 40 Prozent seines Monatseinkommens einplanen muss, für den bleibt kaum noch Luft zum Leben. Urlaub, Kirmesbummel oder Konzertbesuch – viele Familien haben dafür schlichtweg kein Geld mehr übrig.

Welches Gesicht hat die Armut in den eher ländlichen Regionen des Erzbistums Paderborn?

Das heile Landleben ist leider eine Fiktion, darüber können auch niedrige Arbeitslosenzahlen nicht hinwegtäuschen. Die Situation von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien als den am stärksten armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen ist auf dem Land sogar eher noch schwieriger. Hier spielen vor allem die höheren Kosten für die Mobilität eine Rolle. Von der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes bei gleichzeitig garantierter Kinderbetreuung ist praktisch die Lebensperspektive einer Alleinerziehenden abhängig.

Was muss die künftige Regierung tun im Kampf gegen Armut?

Die gute Konjunkturlage sollte dazu genutzt werden, die Instrumente zur Bekämpfung von Armut weiterzuentwickeln. An erster Stelle sehe ich hier den Kampf gegen Kinderarmut. Gute Ansätze wie das Bildungs- und Teilhabepaket, das etwa Schüler aus einkommensschwachen Haushalten besonders fördern soll, haben sich als bürokratische Monster entpuppt. Hier muss nachgebessert werden.

Vier Fakten zur Kinderarmut in Deutschland
Vier Fakten zur Kinderarmut in Deutschland

Die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen muss uns etwas wert sein, die Folgekosten sind weitaus höher. Genauso wenig können wir es uns leisten, Langzeitarbeitslosigkeit lediglich durch Transferleistungen an Betroffene zu finanzieren. Auch schwer vermittelbare Arbeitslose, oft Ältere, sollen wieder arbeiten dürfen, notfalls in einem sozialen Beschäftigungsmarkt. Der Abbau solcher Förderprogramme war eindeutig ein Fehler, den eine neue Bundesregierung korrigieren muss.

Immer wieder wird die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich beklagt. Wie kann der Staat ausgleichend wirken?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt hängt nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung im Wesentlichen von drei Faktoren ab: vom Wohlstand einer Region, von geringer Einkommensungleichheit und – das finde ich überraschend – von einer vorhandenen kulturellen Diversität. Wohlstand und geringe Einkommensunterschiede, das kommt uns bekannt vor, erinnert es doch an die Gründungsgeschichte unseres Landes, als die Weichen für diese Gesellschaft gestellt wurden. Soziale Marktwirtschaft ist also ein Erfolgskriterium auch für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Bereich der kulturellen Diversität sehe ich aber eine wesentliche positive Herausforderung. Um eine Vielfaltsgesellschaft zu gestalten, braucht es einen deutlichen politischen Willen. Investitionen in die Integrationsarbeit bei Einheimischen und Zuwanderern sind kein Sahnehäubchen, auf das man je nach Kassenlage (auch) verzichten könnte.

Die Spaltung hat auch zu einer Polarisierung geführt. Der Altenaer Bürgermeister sieht darin eine Ursache für die Messerattacke auf seine Person – was muss man tun?

Angst vor Überfremdung, Kränkung durch vermeintliche Bevorzugung von Zuwanderern oder Asylbewerbern, all dies sind mächtige Gefühle, denen man mit Appellen an die Vernunft nicht begegnen kann. Die Aufgaben für christliche Gemeinden und für die Wohlfahrtsverbände sehe ich daher vor allem darin, Gelegenheiten zu schaffen, bei denen sich Einheimische und Zuwanderer begegnen und diese Begegnung als Bereicherung erleben können. Aber wir müssen auch die Ängste der Menschen aufmerksam wahrnehmen. Die hohen Kosten von Wohnraum gerade in den Ballungsgebieten sind ja auch tatsächlich Erschwernisse für viele Menschen und Familien. Der soziale Wohnungsbau ist in vielen Kommunen in vielen Jahren zu kurz gekommen. Jetzt anlaufende Projekte sind begrüßenswert, auch wenn sie spät kommen.

In Deutschland setzen sich viele Menschen für Flüchtlinge ein, auch unter dem Dach der Caritas. Hat Sie dieses Engagement überrascht?

Überraschend war für uns in der Tat die hohe Bereitschaft, wie viele Menschen bereit sind, sich in einem anspruchsvollen Bereich ehrenamtlich zu engagieren. Viele bestehende Caritasgruppen erhielten Zuwachs durch Personen, die sonst wenig mit Kirche und Caritas zu tun haben. Die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe hat inzwischen eine andere Qualität, es steht nicht mehr so sehr die akute Versorgung mit dem Lebensnotwendigen im Mittelpunkt als vielmehr die längerfristige Begleitung, etwa durch Sprachpatenschaften. Zahlenmäßig hat dieses Engagement nur unmerklich nachgelassen.

Was braucht es, um die Flüchtlinge zu integrieren?

Integration funktioniert nicht von allein. Zum Glück haben wir zumindest in Westdeutschland eine über vierzigjährige Erfahrungsgeschichte. Wir wissen, was funktioniert und was nicht. An erster Stelle steht für mich das interkulturelle Lernen. Dies muss früh, möglichst in der Kita oder in der Schule ansetzen. Die Erfahrung, dass es normal ist, verschieden zu sein, muss in Fleisch und Blut übergehen. Die Qualität unseres Zusammenlebens wird davon abhängen.

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