Großdemo in Berlin

Coronahilfen nützen Eventbranche immer noch beinahe nichts

Bei der ersten Großdemo im September sprach auch Herbert Grönemeyer vor rund 15.000 Betroffenen. Am Mittwoch werden ähnlich viele Menschen in Berlin erwartet, vom Soloselbstständigen bis zu Vertretern mittelständischer Unternehmen, die alle eines eint: Seit Monaten kaum Einnahmen.

Bei der ersten Großdemo im September sprach auch Herbert Grönemeyer vor rund 15.000 Betroffenen. Am Mittwoch werden ähnlich viele Menschen in Berlin erwartet, vom Soloselbstständigen bis zu Vertretern mittelständischer Unternehmen, die alle eines eint: Seit Monaten kaum Einnahmen.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Hagen.  Künstler, Eventagenturen, Messebauer – die Veranstaltungswirtschaft liegt seit Monaten am Boden. Vizekanzler Scholz (SPD) weckt etwas Hoffnung.

Eine ganze Branche geht absehbar den Bach runter. Rund eine Millionen Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Veranstaltungen als Künstler, Messebauer, Moderatoren, in einer Eventagentur oder als Bühnenbauer. Über 90 Prozent haben seit rund acht Monaten kaum einen Cent eingenommen. Echte Perspektiven gibt es nicht. Sogar 2021 ist bereits weitgehend abgehakt.

Am Mittwoch findet zum zweiten Mal eine Großdemonstration in Berlin statt: „Alarmstufe Rot“ – es ist fünf nach Zwölf! Mitveranstalterin Sandra Beckmann aus Castrop-Rauxel ist mit Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) über Rettungskonzepte im Gespräch: „Aber nur von warmen Worten können wir nicht leben“, betont sie nüchtern.

Quasi Berufsverbot seit März

So gut gemeint und schnell bereitgestellt Sofort- und Überbrückungshilfen der Regierung auch seien. In der Veranstaltungswirtschaft kommen die Hilfen nicht an oder sind so gestaltet, dass sie den Betroffenen nicht beim Überleben helfen. „Es ist ein Hilfeloch entstanden“, sagt Beckmann.

Stefan Heynen betreibt die Fullservice-Agentur „Quality Sound Systems“, bietet Veranstaltungstechnik und Eventorganisation an. Hier eine Kundgebung, dort vielleicht eine Veranstaltungs-Übertragung. „Ich habe so gut wie keine Aufträge seit dem Frühjahr. Durch die Coronaauflagen ist uns quasi ein Berufsverbot auferlegt worden.“

Heynen lebt vom Ersparten und Mitteln, die eigentlich Neuinvestitionen dienen sollten. So geht es vielen, vermutlich den allermeisten in der Kreativwirtschaft. Der Wuppertaler gibt noch nicht auf. Betreibt Akquise, ist gerade mit Kirchengemeinden im Gespräch. Weihnachten naht. Traditionell die Zeit für volle Kirchen. In Zeiten von Corona kaum denkbar. „Es gäbe Möglichkeiten, ein Zelt aufzubauen, gut durchlüftet mit Übertragungstechnik ausgestattet oder sogar mit einem Altar. Ich hoffe, ein, zwei, drei – oder vielleicht wenigstens einen Auftrag zu bekommen.“ Bedarf nach menschlicher Nähe sei doch gerade in der Adventszeit groß, weiß der Unternehmer.

Bei der ersten „AlarmstufeRot“-Demo am 9. September war er dabei. Dieses Mal aus persönlichen Gründen nicht. Heynen hatte, wie viele Kolleginnen und Kollegen, Soforthilfe und Überbrückungsgelder beantragt. „Der Staat bot uns Hilfe an, die aber realitätsfern ist.“ Wie alle hat der Wuppertaler das Problem, dass seit Monaten klar ist, dass davon weder die eigene Miete, noch die Krankenversicherung noch ein Brot bezahlt werden dürfen. So will es die Bundesregierung.

Dass mittlerweile einige Beschränkungen bei der Überbrückungshilfe II für die Monate September bis Dezember aufgehoben wurden, hilft an dieser Stelle nichts. „Die Branche ist auf staatliche Unterstützung angewiesen, mit der die Fixkosten bestritten werden können. Es macht ja keiner Urlaub oder kauft eine neue Küche. Wir reden hier wirklich von der blanken Existenzangst!“

Sofortprogramm notwendig

Heynen sieht, wie um ihn herum bereits einige Branchenkollegen ihre Gewerbe abmelden, sich Aushilfsjobs suchen – als Bofrostfahrer, Nachtwache im Seniorenheim etwa – alles gestandene Leute.

Die Verzweiflung wächst. „Mit der Krise 2008 sind wir klar gekommen, haben keine Unterstützung gebraucht. Jetzt ist es anders“, sagt Sandra Beckmann. Das habe man mittlerweile auch in der Bundesregierung verstanden. Mit der Großdemo, zu der wieder Tausende erwartet werden, wolle man den Forderungen noch einmal Nachdruck verleihen. Die Initiatoren um Beckmann hoffen auf Rettung. Finanzminister Scholz habe signalisiert, es sei ausreichend Geld vorhanden. Nur fließen und ankommen müsste es jetzt schnell. „Man nimmt uns jetzt wahr und ernst“, glaubt Beckmann schon. Die Branche brauche jetzt ein Sofortprogramm, das ab 1. November greift, am besten noch rückwirkend, wenn Strukturen nicht verloren gehen sollen. Die ersten Unternehmen haben sich schließlich bereits verabschiedet.

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