Fleischwirtschaft

Schweinestau ohne Ende – bald 500.000 Tiere überfällig

Platz für bis zu 4000 Mastschweine hat der Hof Hollmann in Ense. Obwohl bereits langsamer neue Ferkel nachgekauft werden, wird es mittlerweile eng in den Ställen, sagt Florian Hollmann (29, Bild), der den Hof mit seinem Vater Eberhard betreibt.

Platz für bis zu 4000 Mastschweine hat der Hof Hollmann in Ense. Obwohl bereits langsamer neue Ferkel nachgekauft werden, wird es mittlerweile eng in den Ställen, sagt Florian Hollmann (29, Bild), der den Hof mit seinem Vater Eberhard betreibt.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Ense.  Knapp 500.000 Schweine stehen bundesweit im Stau, weil es zu wenig Schlachtkapazität gibt. Für Schweinehalter gibt’s nichts zu verdienen.

Ferkelzüchter und Schweinehalter in Deutschland schreiben seit dem Sommer Woche für Woche Verluste. „Bei den Sauenhaltern wird irgendwann der Deckel hochgehen“, fürchtet Eberhard Hollmann (60), Landwirt aus Ense. „Für das Höfesterben und den Strukturwandel hin zu Großbetrieben ist die Situation ein richtiger Turbo“, sagt sein Sohn und Nachfolger Florian (29). Knapp 4000 Mastschweine haben Hollmanns üblicherweise in den vier Stallungen – aktuell sind es einige mehr und sie bleiben länger.

Elf Monate Schweinezyklus

Beinahe eine halbe Million Schweine stehen bundesweit im Stau oder richtigerweise eben länger bei den Mästern in den Ställen als vorgesehen. Begonnen hat das Problem in der Branche mit den ersten Schließungen von Schlacht- und Zerlegbetrieben im Sommer als sich bei Westfleisch und dann Tönnies zahlreiche Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert hatten und auch aus Arbeitsschutzgründen die Kapazitäten durch die Behörden eingeschränkt wurden.

Ein Schweinezyklus dauert rund elf Monate. Erst Besamung, dann vier Monate bis zum Ferkelwurf. Noch einmal drei beim Ferkelzüchter und dann vier Monate im Stall bei Mästern wie den Hollmanns. Dann ab zum Schlachthof mit möglichst exakt 122 Kilogramm Lebendgewicht auf den Rippen. Zuviel oder zu wenig gibt Abzüge.

In der Fleischindustrie ist alles auf Effizienz getrimmt, auch die Größe des Hinterschinkens oder des Steaks wird vom Handel vorgegeben. Mehr Fleisch heißt also in diesem Fall keineswegs mehr Erlös, nur mehr Kosten für die Schweinehalter. „An der Situation verdient allein der Lebensmitteleinzelhandel. Nicht wir, nicht die Viehhändler oder die Schlachtbetriebe“, sagen Hollmanns.

Normalerweise bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Bis vor ein paar Wochen. Die Schweinehalter verhandeln über Erzeugergemeinschaften. Das sind Zusammenschlüsse, um gegenüber der Fleischindustrie besser auftreten zu können.

Zum Stau in den Ställen gesellt sich aktuell ein weiteres Problem, das sich lange angesagt hatte: Die Afrikanische Schweinepest (ASP). Seit Jahren hält sich die bei Wildschweinen verbreitete Seuche bereits in Osteuropa, etwa Polen. Dass sie lange nicht über die Oder trat? War wohl Glück. Seit in Brandenburg bei den toten Wildschweinen ASP nachgewiesen wurde, herrscht Exportstopp nach China und Südkorea. Lukrative, große Märkte für den Export von Schweine-Pfötchen und -Öhrchen. „Deutschland exportiert momentan nur ins EU-Ausland. Das Geschäft mit Asien haben Spanier, Holländer, und Franzosen übernommen. Und sie machen gute Geschäfte“, sagt Eberhard Hollmann. Aber immerhin: „Ohne das Ventil Export in die EU hätten wir Ende des Jahres einen Schweinstau von einer Million Tiere.“

Niedersachsen erlaubt Sonntagsarbeit

Wegen der sinkenden Nachfrage durch den Exportstopp, sank auch der Preis für das Kilo Schwein. Bis sich Schweinehalter und Fleischindustrie vor sechs Wochen auf einen Mindestpreis von 1,27 Euro pro Kilo einigten. Junglandwirt Florian Hollmann macht die Rechnung auf: 120 Euro bekommt er für ein übergewichtiges Schwein. Das Ferkel kostet ihn 50 Euro, das Futter 60 Euro. Bleiben 10 Euro – von denen er alle laufenden Kosten bestreiten muss. Vor einem Jahr gab es für ein Schwein rund 200 Euro. 10.000 Schweine vermarkten Hollmanns pro Jahr. Im Moment zahlen sie Woche für Woche drauf, weil der Preis im Keller ist – auch wenn der Kunde dies an der Ladentheke nicht merkt.

Entlastung könnte eine Erhöhung der Schlachtkapazitäten bringen. Hollmanns bringen ihre Schweine zu Tönnies nach Rheda. Dort liegt die Auslastung aktuell bei 70 Prozent. In anderen Schlachtbetrieben wie Sögel im Emsland liegt sie laut Unternehmen bei 50 Prozent. Immerhin hat das Nachbarbundesland jetzt Sonntagsarbeit genehmigt, um den Schweinestau etwas aufzulösen – vorerst bis Ende November. In NRW konnte sich das zuständige Landesarbeitsministerium nach Informationen der Westfalenpost bisher nicht dazu durchringen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben