Coronavirus

17 Tote im Pflegeheim: „Mir stehen die Tränen in den Augen“

Pfleger Thomas Szcendzina arbeitet unermüdlich im besonders stark betroffenen Haus 1 des Schmallenbach-Hauses in Fröndenberg.

Pfleger Thomas Szcendzina arbeitet unermüdlich im besonders stark betroffenen Haus 1 des Schmallenbach-Hauses in Fröndenberg.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Fröndenberg.  Fröndenberg hat wegen des Corona-Ausbruchs in einem Pflegeheim eine Todesquote wie eine Großstadt. Das macht das Miteinander gerade nicht leicht.

Thomas Szcendzina (42) atmet tief durch, seine Stimme bebt leicht. „Das ist wirklich schlimm. Wenn ich daran denke, dann stehen mir wieder die Tränen in den Augen“, sagt der Altenpfleger. Am Mittwoch wurden zwei Kollegen von ihm beerdigt. 55 und 58 Jahre alt. Kollegen aus dem Pflegeheim Schmallenbach-Haus in Fröndenberg , das landesweit bekannt ist, seit sich das Coronavirus vor einigen Wochen Zugang verschaffte und sich auf tragische Weise ausbreitete. 15 Bewohner und zwei Mitarbeiter aus dem Haus starben bislang.

Corona: Haus 1 unter Quarantäne

Etwas mehr als 20.000 Einwohner hat das idyllische Städtchen im Ruhrgebiet, aber die Todesquote gleicht der einer Großstadt wie Bochum mit 400.000 Einwohnern . Das Coronavirus forderte in Fröndenberg bereits 18 Menschenleben. Was macht das mit der Stadt, mit ihren Bürgern? Und was macht es mit denen, die seit Wochen ihre Gesundheit riskieren, um Pflegebedürftige zu betreuen, aber außerhalb des Hauses zum Teil beschimpft und gemieden werden. Menschen wie Thomas Szcendzina und Kollegin Silke Habekost.

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Beide arbeiten im besonders betroffenen Haus 1, das unter Quarantäne steht. Bewohner und Mitarbeiter erkranken, Leitungskräfte, ja sogar die Geschäftsführung fallen ganz oder teilweise aus. „Wir haben quasi Feuerwehrleute gespielt“, sagt Thomas Szcendzina, der aus einem anderen Haus einspringt. Den ganzen Tag atmet er durch eine dichte Schutzmaske, kümmert sich hautnah um die Menschen. Zu Hause, Arbeit, zu Hause, Arbeit – so sieht die Woche aus. Und sie fühlt sich nicht immer gut an. „Ich hatte Angst mich zu infizieren.“ Die Angst wird zum treuen Begleiter. Und nach Feierabend kommen völlig ungeahnte Probleme hinzu.

Arbeit in der „Seuchen-Hochburg“

Silke Habekost arbeitet ebenfalls unter Quarantäne, mit Vollschutz, am Limit, unermüdlich, tägliche Krisensitzungen. Beim Bäcker habe sie jemand als Mitarbeiterin des Schmallenbach-Hauses erkannt - und dann mit erhobener Hand extra viel Abstand verlangt. Eine Kollegin sei an einer Tankstelle – den Dienstwagen fahrend – beschimpft worden, weil sie in der „Seuchen-Hochburg“ arbeite.

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Heinz Fleck ist Geschäftsführer des Schmallenbach-Hauses. Als Rheinländer ist sein Optimismus eigentlich grenzenlos. Aber in den vergangenen Wochen fühlte er viel Traurigkeit und Wut. Ende März bekam er die Nachricht von ersten Infizierten in seinem Haus. Seitdem herrscht Ausnahmezustand. Zwei Wochen fiel er selbst aus, weil er positiv auf das Virus getestet wurde. Bett, Couch, Bett, Couch – das habe er am Tag geschafft. Dazu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen.

Zwei Bewohner noch im Krankenhaus

„Man hört das ja an jeder Ecke so unterschwellig: Wieso habt ausgerechnet ihr so viele Tote? Da muss doch was falsch gelaufen sein“, sagt er. Ein Krankenwagenfahrer habe vor wenigen Tagen im Eingangsbereich gepoltert: Wegen euch habe ich mir das Virus eingefangen.

Vermutlich über einen Bewohner, der zur Kurzzeitpflege aufgenommen worden war, ist das Virus ins Haus gelangt. Fleck sagt, dass das überall passieren könne, dass es dafür keine Schuldigen gäbe. „Ein Alptraum“, sei das alles, auch wenn das Schlimmste überstanden scheint. Zwei Bewohner sind noch im Krankenhaus, neue Infizierungen derzeit nicht bekannt, aber möglich. Die Schmähungen seiner Mitarbeiter, diese diffusen Vorhaltungen findet er „unfassbar, auch wenn ich weiß, dass das nur ein kleiner Anteil ist, der so denkt. Die meisten Menschen geben uns Kraft und Rückhalt.“

Fünf Krankenwagen vor der Tür und ein Leichenwagen hinterm Haus

Jeden Tag geht Fleck an der Mitarbeitertafel im Schwesternzimmer vorbei. Die Bilder der verstorbenen Kollegen sind darauf. „Und jeden Tag muss ich daran denken, wie vor der Tür fünf Krankenwagen und hinter dem Haus ein Leichenwagen standen. Das sind Bilder, die ich nicht aus dem Kopf bekomme und es wird dauern, bis wir alle das Geschehene verarbeitet haben werden.“

Im Rathaus sitzt Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe (SPD) an einem großen Konferenztisch. Ein Deckenfenster gibt den Blick frei auf den blauen Himmel, an der Wand hängt ein Bild, auf dem die Wahrzeichen der Stadt zu sehen sind: Das Industriedenkmal Fröndenberger Trichter, die Marien- und die Stiftskirche. „An einem Freitag kam die erste Meldung aus dem Schmallenbach-Haus. Das sind Szenarien, die man nicht gern an sich heranlässt“, sagt Rebbe, ein Mann mit Brille, grauem Haar und grauem Bart. Er denkt an ähnlich gelagerte Fälle, die republikweit für Aufsehen sorgten. Mehr als 40 Tote dort, mehr als 20 dort. „Ich habe Wolfsburg gesehen, ich habe Würzburg gesehen. Aber einen solchen Ausbruch als Bürgermeister in der eigenen Stadt zu haben, das ging und geht mir sehr nah.“

„Wir müssen die Ängste ernst nehmen“

Fröndenberg ist ja nicht New York. In der Stadt an der Ruhr kennt beinahe jeder jeden. Das, was dort passiert, geht jeden an, so oder so. „Es herrscht keine flächendeckende Stimmung der Angst. Aber natürlich gibt es Menschen in Fröndenberg, die sich Sorgen machen und diese Ängste müssen wir ernst nehmen“, sagt Rebbe.

Gegenüber vom Rathaus ist ein Bahnübergang, ein Glöckchen läutet so putzig, dass es zu einer Spielzeugeisenbahn gehören könnte. Das Pflaster in der Innenstadt ist aufgerissen, dutzende Warnbarken sind aufgestellt. Es sieht nach Zukunft aus. Aber die Gegenwart wiegt schwer.

„Schreckliches Leid, das uns überrollt“

„Das Thema spaltet uns hier durchaus“, sagt Petra Uhrmacher und blinzelt in die Sonne. Sie und ihr Mann sind Fröndenberger Bürger. Sie sind mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren. „Wir sind stinkig auf die Menschen, die sich den Mitarbeitern des Hauses gegenüber so respektlos verhalten.“ Seuchenhaus, Virensumpf – die Worte, die die Abscheu ausdrücken sind vielfältig. „Das Leid, das uns hier überrollt hat, ist schrecklich. Hut ab vor denen, die da auf allen Ebenen weiter für die alten Menschen sorgen“, sagt Angela Daimler, ebenfalls Bürgerin. Es riecht nach Waffeln, manche Geschäfte haben geöffnet, aber die Stadt ist recht leer. „Die Stadt ist still, die Leute sind still. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt.“

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Die Hoffnung ist groß, dass im Schmallenbach-Haus die größten Sorgen vorüber sind. Und drumherum? „Ich glaube schon, dass wir hier in gewisser Weise unter Schock standen und stehen. Das wird aufgearbeitet werden müssen, wenn wieder Normalität eingekehrt ist“, sagt Bürgermeister Rebbe: „Es ist eine schwierige Situation. Es wird nach dieser Corona-Krise nie mehr so sein, wie es mal war. Das trifft an fast allen Orten zu, in Fröndenberg in besonderem Maße.“

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