Mercator-Studie „Ruhr“

Zehn Vorurteile übers Ruhrgebiet – und wie man sie widerlegt

Natürlich gibt es viele Staus im Ruhrgebiet. Aber woanders ist es deutlich schlimmer.

Natürlich gibt es viele Staus im Ruhrgebiet. Aber woanders ist es deutlich schlimmer.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Stauregion Nummer eins? Keineswegs! Ausländeranteil? Relativ gering. Die Mercator-Studie „Ruhr“ widerlegt hartnäckige Klischees über das Revier.

„Von allen Ballungsräumen Deutschlands hat Ruhr die wenigsten Staus“, sagt Christoph Zöpel. Dennoch halte sich das Klischee von der Stauregion hartnäckig. „Die Wirklichkeit des Ruhrgebiets wird nicht wahrgenommen.“ Insgesamt 13 Vorurteile über die Region haben Zöpel und seine Mitautoren in einer Studie für die Stiftung Mercator mit der Wirklichkeit abgeglichen. Ergebnis: Das Ruhrgebiet ist in vielen Bereichen besser als sein Ruf – oder jedenfalls anders als gedacht.

Es werde viel über mangelnde Kooperation der Ruhrgebietsstädte geklagt. „Doch es gibt keine andere Region, die so viel bei Gewerbeflächen zusammenarbeitet“, erklärt Zöpel, der als Landesminister für Stadtentwicklung in den 1980er Jahren die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) angestoßen hatte. Durch sie blieben Gasometer, Zollverein & Co. als Route der Industriekultur erhalten. Für die SPD war der Bochumer Vordenker des Ruhrgebiets lange Jahre in Land- und Bundestag aktiv. Mitautoren der Studie „Ruhr. Vorurteile – Wirklichkeiten – Herausforderungen“ sind Gerhard Seltmann und Wolfgang Roters, die die Industriekultur im Ruhrgebiet ebenfalls geprägt haben.

Seitenhiebe gegen den umstrittenen Deutschland-Atlas

Die drei Autoren teilen deutliche Seitenhiebe aus gegen Ranglisten wie den umstrittenen ZDF-Deutschlandatlas, bei dem Ruhrgebietsstädte durchgehend die letzten Plätze belegten im statistischen Vergleich der Lebensverhältnisse. „Dort wurden nur Fakten aufgenommen, die es überall gibt. Was es nur hier gibt, das floss nicht ein“, sagt Zöpel. Er sieht aber auch „teils selbst erzeugtes Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblem: Vorurteile überdecken Wirklichkeiten.“

Tatsächlich hatte die Stiftung Mercator die Studie schon kurz vor der Diskussion um den ZDF-Vergleich in Auftrag gegeben. „Es ist keine Kampfschrift, keine Verteidigung. Es ist ein Debattenbeitrag“, sagt deren Beiratsvorsitzender Rüdiger Frohn, „eine Einladung, sich mit dem Bild des Ruhrgebiets zu beschäftigen.“ Im kommenden Jahr wolle die Stiftung auch Diskussionen zum Thema veranstalten.

Aber auch die Probleme der Region spricht die Studie „Ruhr“ an – als „Herausforderungen“, die es anzugehen gelte. Obwohl die verfügbaren Einkommen pro Erwerbstätiger deutlich gestiegen sind, hat sich der Abstand zum Rest des Landes vergrößert. Die soziale Spaltung nimmt zu, gemessen an der überdurchschnittlich steigenden Zahl derer, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Die regionale Wirtschaft ist zu wenig auf Forschung und Innovation ausgerichtet.

Die komplette Studie kann man herunterladen unter: www.stiftung-mercator.de/ruhr. Dies sind die zehn interessantesten Argumente gegen Vorurteile:

Graue Maus?

Natürlich ist das Ruhrgebiet grün, nicht grau. Das wissen Bewohner – aber Auswärtigen müssen sie es noch immer vermitteln. Aber dass Herne nach Satellitenauswertungen mehr Stadtgrün hat (58,3 %) als Düsseldorf (56,7 %), ist womöglich doch überraschend. Der „Normalized Difference Vegetation Index“ sagt auch, dass Bottrop (72,9 %) vor Hamburg (71,3 %) liegt.

Viele Staus?

Natürlich steht man im Ruhrgebiet oft im Stau, wissen die Studienautoren Christoph Zöpel, Gerhard Seltmann und Wolfgang Roters aus eigener Erfahrung. Doch im Vergleich der Ballungsräume schneidet das Ruhrgebiet gut ab, wie man der Tabelle entnehmen kann. „Wenn man Ernst nimmt, dass man ein Ballungsraum ist, vergleicht man sich mit anderen Ballungsräumen“, sagt Zöpel, der lange für die SPD in Land- und Bundestag aktiv war.

Hoher Ausländeranteil?

Die Einwanderungswelle der Gastarbeiter habe „das fest gefügte Bild einer Region mit hohen Ausländeranteilen“ hinterlassen, heißt es in der Studie. „Tatsächlich liegen die Anteile von Einwohnern mit Migrationshintergrund und von Ausländern heute aber erheblich unter denjenigen in anderen Ballungsräumen.“ Selbst Duisburg erreicht nicht die Werte von Düsseldorf.

Schrumpfende Region?

Noch immer wird das Ruhrgebiet allgemein als „schrumpfende Region“ gesehen – „und empfindet sich in weiten Teilen auch selbst so“, schreiben die Autoren. Doch schon vor der Flüchtlingswelle war das Jahr 2013 ein Wendepunkt. Seitdem wächst das Revier entgegen aller Prognosen. Das Statistische Landesamt hat für 2020 rund 4,5 Millionen Einwohner prognostiziert. Heute sind es etwa 5,1 Millionen.

Städte wirtschaften schlecht?

Es sei nicht richtig, dass die Revierstädte Schulden angehäuft haben, weil sie „nicht richtig wirtschaften können oder über ihre Verhältnisse leben“, schreiben die Autoren. Sie sehen die Kernursache in den Soziallasten, die der Bund ihnen aufbürdet und die aufgrund der Sozialstrukturen hier stärker wirken als anderswo. Die Debatten um das Festhalten an RWE-Aktien, um teure privat-öffentliche Finanzierungen von Bauprojekten und lokale Besonderheiten wie das Haushaltsdesaster von Mülheim lassen die Autoren außen vor.

Sie haben jedoch das kleine Dinslaken und das große Dortmund untersucht: Nur zehn Prozent des jeweiligen Haushaltsvolumens beruhen auf Beschlüssen des Stadtrats.

Raum ohne Arbeit?

Die Arbeitslosigkeit liege weiter hoch. Doch tatsächlich ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten heute höher als vor dem Beginn der Montankrise in den 60er-Jahren, so Zöpel. Die Erwerbsquote lag 1965 bei 42 % (2,37 Mio Erwerbstätige), 2015 bei 46 % (2,38 Mio.).

Raum der Arbeiter?

Hierzu passt das Klischee, das Ruhrgebiet sei noch eine Region der Arbeiter. Tatsächlich sinkt ihr Anteil stetig und lag 2016 mit 19,8 % nur noch um 1,6 % über dem Landesschnitt. Nur in Bottrop stieg seit 2005 der Anteil der Arbeiter (4,2 %).

Zu wenig Wissenschaft?

Keine Hochschullandschaft sei so dicht wie die an der Ruhr mit rund 280.000 Studenten, 2.600 Professoren sowie 600 Studiengängen, rechnen die Autoren vor. Zum Vergleich: Berlin verzeichnet 200.000 Studierende; die Stadt München 125.000.

Doch die Hochschulen in der Metropole Ruhr seien schlechter ausgestattet mit Finanzen und Personal. Der Besatz mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen sei niedriger als in anderen Ballungsräumen. „Das führt zu strukturellen Wettbewerbsnachteilen bei der Bewerbung um zusätzliche Forschungsmittel.“

Während ein Professor im Raum Berlin-Brandenburg 52 Studierende betreut, sind es im Ruhrgebiet 66 Studierende, weisen die Studienautoren nach – „die ungünstigste Betreuungsrelation in ganz Deutschland“. Christoph Zöpel fordert: „Unstreitig muss die Hochschulförderung auf bundesdeutsches Niveau gehoben werden.“

Kirchturmdenken?

„In Wissenschaft, Medien und Politik“ werde immer wieder das Stereotyp der „mangelnden Zusammenarbeit“ der Kommunen betont, doch tatsächlich würden die Städte in vielen Bereichen intensiv zusammen. Als Beispiele nennen die Autoren die Universitätsallianz Ruhr, den geplanten Radschnellweg und die Internationale Gartenausstellung „Iga 2027“. Es folgt ein numerisches Argument: Für 2014 hatte der Regionalverband Ruhr 370 Kooperationen ermittelt – ohne Gewichtung.

Die Flächen sind knapp?

Natürlich ist das Revier dicht besiedelt. Aber fehlen darum viele Flächen für Siedlungen und Gewerbe? Tatsächlich ist die Einwohnerdichte mit 1150 Menschen pro Quadratkilometer geringer als in anderen Ballungsräumen. Oft hört man, Herne sei die dicht bevölkertste Großstadt Deutschlands (3227 E./qm), doch München (4225) und Berlin (3834) liegen deutlich darüber. Durch die Mobilisierung alter Industrieflächen kann das Revier auch mehr Flächen für neue Nutzung anbieten: 54 Quadratkilometer – was etwa der Fläche von Herne entspricht.

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