WAZ-Interview

Würden Sie von Hartz IV leben, Bischof Overbeck?

Ort der Stille mitten in Essens City: Franz-Josef Overbeck im Innengarten des Essener Bistums. Fotos:André Hirtz

Ort der Stille mitten in Essens City: Franz-Josef Overbeck im Innengarten des Essener Bistums. Fotos:André Hirtz

Essen.   Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck spricht im WAZ-Interview über Armut im Revier, Neiddebatten und die ungereche Verteilung zwischen den Bistümern

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wer den Ruhrbischof besucht, läuft an Konsumtempeln vorbei, an Bettlern, Rosenverkäufern und an der Treppe vor dem Essener Dom auch an Obdachlosen und Drogenabhängigen. Franz-Josef Overbeck lebt mittendrin im Revier der Gegensätze. Ein guter Ort. um über Armut, Hartz IV und die Rolle der Kirche im Sozialkosmos Ruhrgebiet zu reden. Mit dem Bischof sprach Stefan Schulte.

Herr Bischof, was ist für Sie Armut, wann ist ein Mensch arm?

Franz-Josef Overbeck: Es gibt absolute Armut, von der in Deutschland nur wenige, im Weltmaßstab aber extrem viele Menschen betroffen sind. Sie haben nicht das Lebensnotwendigste und weder bildungsmäßig noch ökonomisch die Kraft, das zu ändern. Dann gibt es die relative Armut im Verhältnis zum Lebensstandard im jeweiligen Land. Da haben wir gerade im Bistum Essen nicht wenige Menschen, die mit dem leben müssen, was gerade auskömmlich ist. Und es gibt eine Armut, die aus internationalen Abhängigkeiten entsteht. Viele Länder Afrikas werden in ihrer Armut gehalten wegen der Gewinnmaximierung anderer Länder. Dazu gehört leider auch die Europäische Union mit ihrer protektionistischen Agrarpolitik.

Hatte Gesundheitsminister Spahn also Recht als er sagte, in Deutschland müsse wegen der Absicherung durch Hartz IV niemand hungern?

Das ist mir zu extrem und unpassend mit Blick auf die vielen Menschen, die es sehr schwer haben, ihren Alltag zu bewältigen. Der Staat ermöglicht mit Hartz IV, was geht. Das liegt aber am Rande des Existenzminimums und manchmal darunter. Gleichwohl müssen diese Menschen einen Anreiz haben, da wieder herauszukommen. Wir haben im Ruhrgebiet viele Familien mit regelrechter Hartz-IV-Tradition. Das kann nicht das Ziel sein.

Würde Hartz IV deutlich erhöht, gäbe es also mehr solcher Familien?

Die Gefahr besteht. Auch deshalb, weil Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, nicht viel mehr haben. Wir sollten deshalb stärker über Teilhabe und auskömmliche Löhne diskutieren. Und dabei nicht vergessen, dass die meisten, die darüber reden, wie auch wir hier am Tisch, nicht selbst in der schwierigen Situation dieser Menschen sind.

Eine berührende Nacht in Guatemala

Deshalb wurde Spahn ja aufgefordert, selbst eine Zeit lang von Hartz IV zu leben, was er abgelehnt hat. Würden Sie das tun?

Ich habe hier jeden Tag Leute, die an die Tür klopfen und um Hilfe bitten. Ich brauche keine Fensterveranstaltung, um zu zeigen, dass ich solidarisch bin mit Menschen in Not. Als Adveniat-Bischof besuche ich regelmäßig Familien in Lateinamerika, zuletzt in Guatemala. Meine Gastgeber waren bitterarm, fühlten sich durch meinen Besuch aber so geehrt, dass sie das ganze Haus auf den Kopf gestellt und mir ihr einziges Bett überlassen haben, während alle zehn Familienmitglieder auf der Erde schliefen. Mich berührt das sehr, aber ich kann nach einer solchen Nacht doch nicht behaupten, ich wüsste, wie es ist, so zu leben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass in Deutschland umso lauter über Armut diskutiert wird, je besser die wirtschaftliche Lage ist – mit Rekordbeschäftigung und sinkender Arbeitslosigkeit?

Als Theologe könnte ich sagen, das ist die Folge der Erbsünde: Wenn man etwas hat, will man noch mehr. Die Gefahr, arm zu werden, will man deshalb verhindern. Ich sehe aber auch die Gefahr, dass viele Menschen bedrückende Realitäten gar nicht wahrnehmen. Wer im Essener Süden lebt, muss sich nicht jeden Tag damit auseinandersetzen. Wer wie ich mitten in der Innenstadt oder weiter im Norden lebt, braucht nur aus dem Fenster zu gucken. In jeder Gesellschaft gibt es Bedürftige, die an der Gewinnerlogik nicht teilhaben können.

Zugang zu Medien als Grund für Armutsmigration

Ist das Gefühl, abgehängt zu sein, sich gewisse Dinge nicht leisten zu können, denn weniger schlimm als absolute Armut?

Es gibt sicher Zusammenhänge zwischen gefühlter und materieller Armut. Wir leben in einer Welt, in der auch ärmere Menschen Zugang zu modernen Medien haben und dort sehen, was der andere mehr hat. Das steigert die Versuchung, sich zu vergleichen. Das gilt auch für Menschen in der dritten Welt, was ein wesentlicher Grund für Flucht und damit Armutsmigration nach Europa ist.

Bundesweit gilt jeder Fünfte als armutsgefährdet, im Ruhrgebiet jeder Vierte. Das Ruhrbistum muss sich also mehr kümmern als Bistümer in reicheren Gegenden, hat aus demselben Grund aber weniger Geld zur Verfügung. Wie soll das gehen?

Wir bemühen uns über unsere Pfarreien, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Hospize ein Sozialbistum zu sein. Dort schlagen diese Probleme überall auf und ich wüsste an jedem dieser Ort, was mehr zu tun wäre. Aber ich kann nur tun, was mir möglich ist. Weil Kommunen in reicheren Regionen etwa die Kitas mehr unterstützen können als hier bei uns, müssen wir mehr selbst zahlen. Deshalb bleibt uns weniger als Bistümern, die das gar nicht bräuchten.

Der innerkirchliche Finanzausgleich ist ungerecht

Wie steht es denn um die innerkirchliche Verteilungsgerechtigkeit? Es wird ja gerade über einen neuen Finanzausgleich diskutiert.

Wir gehören zu den Diözesen, die von Anfang einen solchen Finanzausgleich gefordert haben. Bei der Gründung unseres Bistums zählten wir 1,5 Millionen Katholiken, jetzt sind es noch 780 000. Die Kirchensteuern sinken wegen der guten Wirtschaftslage aktuell zwar nicht, aber unsere Ausgaben etwa für Personal steigen, so dass unterm Strich weniger übrig bleibt. Im Vergleich zu den anderen Diözesen ist der bestehende Finanzausgleich ungerecht. Wegen der wirtschaftlich schwierigen Lage im Ruhrgebiet nehmen wir pro Kopf deutlich weniger Kirchensteuern ein als in anderen Diözesen.

Deshalb fahren Sie im Bistum ein hartes Sparprogramm, Kirchen werden geschlossen, manche gar abgerissen. Bauen Sie auch Arbeitsplätze ab?

Wir werden langfristig sicher Stellen abbauen müssen. Betriebsbedingte Kündigungen sind aber nicht geplant. Wenn wir Kirchen schließen müssen, ist das zunächst immer auch mit Schmerzen und Trauer bei vielen Gläubigen verbunden. Aber wenn die Zahl der Katholiken sinkt, kann nicht alles bleiben wie es ist. Angesichts vieler Veränderungen müssen wir auch eine neue Gestalt finden.

„Ich bin und bleibe auch Bischof der Bergleute“

Sie haben 2013 dieser Zeitung gesagt, Sie seien nicht mehr der Bischof der Bergarbeiter. Dieses Jahr schließt nun tatsächlich die letzte Zeche in Bottrop. Wessen Bischof sind Sie heute und morgen?

Zunächst: Ich bin und bleibe auch Bischof der Bergleute. Meine Aussage bezog sich nur darauf, dass es mit dem Auslaufen des Bergbaus immer weniger Bergleute gibt. Es ist wichtig, sich den Realitäten zu stellen und nicht ins Nostalgische abzugleiten. Der ursprüngliche Daseinsgrund unserer Diözese, die Montanindustrie, ist nach 60 Jahren fast entfallen. Wie Bischof Hengsbach in den ersten 30 Jahren den Glauben an die Leute gebracht hat, hing sehr vom Integrationsfaktor Arbeit ab, von Kohle und Stahl. Das hat sich radikal verändert. Die Schmerzen der Bergleute, wenn die letzte Schicht gefahren wird, kann ich nachfühlen. Sie erinnern ja auch an die Größe dessen, was unser Ruhrgebiet zu dem gemacht hat, was es ist. Das im Gedächtnis zu bewahren, bleibt eine wichtige Aufgabe. Doch jetzt muss das Ruhrgebiet weiter gebaut werden.

Sind Sie aufgrund der Bevölkerungsstruktur im Ruhrgebiet vor allem ein Sozialbischof?

Im Wesentlichen, ja. Aber natürlich auch ein Mann Gottes. Das Transportmittel, um hier bei den Leuten zu sein, ist aber eben vor allem das Soziale.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben