Streetart-Festival

Streetart-Festival: Wie Urbanatix sein Jubiläum feiert

Nur etwas für Profis. Die Artistengruppe Back Pocket probt für ihre neue Show, die sie beim Urbanatix-Festival zeigen will

Nur etwas für Profis. Die Artistengruppe Back Pocket probt für ihre neue Show, die sie beim Urbanatix-Festival zeigen will

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  In diesem Jahr steigt das zehnte Urbanatix-Festival in Bochum. Warum Artisten so gerne mitmachen und wieso erstmals wieder gecastet wird.

Man ahnt schnell, dass das keine einfache Sache wird, die Devin, Maja, Dom, Aurelien und Michael da vorhaben. Große Ringe haben sie aufeinandergesetzt, erst vier, dann fünf. Und nun wollen sie durch den so entstandenen meterhohen Turm springen.

Vier stehen unten und werfen den fünften der Reihe nach in die Luft. Nach oben. Und es dauert nicht lange, und der erste schafft es durch den Kreis. Denn die fünf sind keine Anfänger, sie sind „Back Pocket“, eine Profi-Artisten-Gruppe aus Frankreich und den USA, die weltweit auf nahezu allen großen Festivals auftritt. In diesem Jahr auch bei Urbanatix in Bochum. Die zehnte Auflage ist zwar erst im November, geprobt aber wurde ein erstes Mal bereits am Wochenende. Sehen, was machbar ist; testen, was funktioniert, vielleicht frühzeitig ändern, was nicht klappt.

„Wir wollen ein Signal setzen, dass wir offen sind für neue Talente“

Und ein Casting für das Streetart-Festival hat es auch gegeben an diesem Wochenende. Nicht, dass es Personalnot gäbe. „Aber“, sagt Erfinder, Regisseur und Veranstalter Christian Eggert, „wir wollen ein Signal setzen, dass wir offen sind für neue Talente.“ Und vielleicht, sagt er weiter, „sehen wir ja auch Sachen, die wir für Urbanatix bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten“.

Vor zehn Jahren hat Eggert die Idee zu dieser Veranstaltung gehabt. Jungen Trendsportlern von der Straße – Tänzern, Parcourläufern, Bikern oder Skatern – will er nicht nur eine Vision geben, sondern auch eine Bühne, um sie umzusetzen. Was jetzt leichter klingt, als es damals war. Weil viele im Revier nicht verstanden, was Eggert wollte, wurde sein Festival zunächst gar nicht aufgenommen ins Programm der Kulturhauptstadt 2010, rutschte erst über eine Nachnominierung rein. Dann aber wurde es so erfolgreich, dass es Urbanatix als eines der ganz wenigen Projekte aus dem Kulturhauptstadtjahr noch heute gibt.

Publikumsliebling Rémi Martin ist wieder dabei

Das soll sich nicht ändern. Deshalb wird auch 2019 unter anderem wieder Rémi Martin mit dabei sein – Stammgast und Publikumsliebling bei Urbanatix. Vor kurzem erst ist er von zahlreichen Auftritten in Australien zurückgekehrt, heute ist er aus Berlin angereist. Wo er eigentlich Zeit mit der Familie verbringen und den bei seiner Show am chinesischen Mast malträtierten Schultern ein kurze Pause gewähren will. „Ich komme immer wieder gerne nach Bochum“, sagt er. Auch weil er die Idee von Eggert teilt. „Es gibt so viele Talente in der Artistenszene, denen man nur ein Spielfeld geben muss, damit sie ihr Potenzial entwickeln.“ Genau das würde Urbanatix machen. Und deswegen sei er dabei. Und weil die Neuen einen „unglaublichen Hunger“ haben. „Denn dieser Hunger steckt an.“

Er lässt viele auch früher kommen, als sie es müssten. Um 15.30 Uhr soll das Casting losgehen in der Trainingshalle „Open Space“, kurz nach 13 Uhr treffen die ersten ein. Und eine Stunde später tummeln sich über 40 junge Männer und Frauen zwischen 16 und 30 Jahren vor Ort. Fast alle tragen Six-Pack zur Jogginghose. Bevor sie tanzen, turnen oder beides machen, machen sie sich warm. Sie dehnen sich, strecken sich, machen Salto aus dem Stand. Man kennt sich, man grüßt sich. Die Stimmung ist entspannt. Abklatschen, Schulterklopfen: „Alter, du auch hier?“ „Klar. Mal gucken, was geht.“ Und wenn nichts geht? „Schade, aber nicht schlimm.“

Regisseur ist zufrieden mit dem „extrem hohen Niveau“

Schon kurz nach Beginn des Castings zieht Eggert Zwischenbilanz. „Extrem hohes Niveau“, bescheinigt er den Teilnehmern. Einige wird man wohl wiedersehen bei Urbanatix. Wenn nicht in diesem, dann im kommenden Jahr. Das würde sie reich machen. Nicht an Geld, sondern an Erfahrungen.

Der moderne Zirkus soll keine Nummern-Revue mehr sein.

Und es könnte der Beginn einer Karriere als Artist sein, die – allein, als Duo oder in der Gruppe – zu anderen großen Festivals oder in den Zirkus führt. In einen Zirkus allerdings, von dem Eggert hofft, dass er anders ist, als die meisten Zirkusse in Deutschland in den vergangenen Jahren. Der „Neue Zirkus“ nennt Christian Eggert ihn. Keine Nummernrevue, sondern ein Ort, an dem auf vielfältige Weise Geschichten erzählt werden. Mit Artisten, die ihr körperliches Können mit Kreativität mischen, die vielen ihrer Vorgänger fehlte.

Aber auch die, die die Urbanatix-Macher nicht anrufen werden, sollen sich nicht ärgern, sagt Chef- Choreograph Takao Baba. „Ihr seid“, gibt er ihnen mit auf den Weg, „nicht umsonst gekommen. Irgendwann wird sich das auszahlen.“

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