Nachbarschaftshilfe

Wie Nachbarschaftshilfe durch das Internet möglich wird

„Yvonne Kilian, Pascal Rousseau, Kathrin Hoyer und Lothar Prager (v.l.) organisieren an ihren Wohnorten virtuelle Nachbarschaften.“

Foto: Sebastian Konopka, Montage: Olivia Fetter

„Yvonne Kilian, Pascal Rousseau, Kathrin Hoyer und Lothar Prager (v.l.) organisieren an ihren Wohnorten virtuelle Nachbarschaften.“ Foto: Sebastian Konopka, Montage: Olivia Fetter

Essen/Bochum/Dortmund.  Katze finden, Kinder hüten, Kärcher leihen: Nachbarschaftshilfe lässt sich auch über soziale Netzwerke organieren. So läuft es im Ruhrgebiet.

Kater Carlo war einfach verschwunden. Gisela und Lothar Prager waren außer sich vor Sorge, erinnert sich der 71-Jährige. „Da kam ein Nachbar auf mich zu und sagte: Ich habe hier 125 Kontakte zu anderen Nachbarn – und acht Tage später hat einer von ihnen den Kater gefunden. Er hatte sich eingeschlossen in einem leerstehenden Haus.“

Diese Geschichte spielt vor einigen Jahren am Winterwohnsitz der Pragers in Florida, und die Organisation von Hilfsbereitschaft über das soziale Netz „Nextdoor“ hat offenbar Eindruck gemacht auf den Essener. Als er im Mai liest, dass das Netzwerk sich auch in Deutschland etablieren will, meldet Prager sich an und gründet seine eigene virtuelle Nachbarschaft: „Bredeney-Nord“.

„Man ist immer in seiner Gruppe, seiner Blase“

Wozu braucht man das? War früher nicht alles besser – Nachbarschaft 1.0?

Die Pragers leben seit 30 Jahren in einer Straße mit großzügig abgeschirmten Villen. „Wir haben einen Super-Draht zu unseren direkten Nachbarn, aber darüber hinaus sieht man sich einfach selten“, sagt Lothar Prager.

Ähnliches berichtet der über und über tätowierte Pascal Rousseau (36) aus dem beschaulichen Bochum-Hordel, Vater von zwei Kindern und Betreiber eines Piercing-Studios: „Stadtteil-Feste wurden früher schon für alte Leute gemacht. Man ist immer in seiner Gruppe, in seiner Blase.“

Und seine Nachbarin Kathrin Hoyer, Erziehungswissenschaftlerin in Elternzeit, glaubt: „Es hat mit der Zeit zu tun, mit dem Beruf, die Leute müssen strampeln.“ Die Psychologin Yvonne Kilian hat in Holland studiert. „Als ich nach Dortmund zurückkam, waren alle weg, die ich kannte.“

Ideale Nachbarschaft als lose Gemeinschaft

Katzen finden, Kärcher leihen, Kinder hüten. Das sind die offensichtlichen Vorteile, die Hoyer, Rousseau, Prager und Kilian als erstes nennen, wenn man sie fragt, warum sie sich bei einem Nachbarschaftsnetzwerk engagieren. Aber es geht eigentlich um etwas anderes, wenn man diesen vier sehr verschiedenen Menschen zuhört, die in Pragers Haus erstmals zusammenkommen.

Sie alle haben eine Vorstellung der idealen Nachbarschaft als einer losen Gemeinschaft. Dafür sind sie bereit, sich zu engagieren, denn eine jede virtuelle Nachbarschaft braucht einen, der sie gründet und dann pflegt. Eine Hürde: Im Namen des Gründers verschickt Nexdoor Postkarten in seine Nachbarschaft.

Vernetzung im Internet sei schizophren

„Ich habe das fünfmal angefangen und abgebrochen“, erinnert sich Kathrin Hoyer. „Aber was könnte passieren, wenn ich mit meinem Namen dazu stehe? Ich komme vom Dorf, aus Gahlen bei Dorsten. Was mich an der Großstadt immer gestört hat: Wenn man jemanden freundlich anlacht, kriegt man so einen zweifelnden Blick: Welche Drogen hat die den genommen?“

Und es sei ja schizophren, finden alle, dass sich alle über Facebook oder Google Plus oder Xing verbinden, aber dass man Angst hat, seine Nachbarn anzusprechen. Aber warum nicht gleich eine Facebook-Gruppe aufmachen, um Gleichgesinnte zu finden, wie es etwa „Essen packt an“ vormacht? „Auf Facebook postet jemand etwas und es artet sofort in Streit aus“, findet Yvonne Kilian. „Im Nachbarschaftsnetzwerk sehe ich die Leute in meiner Nähe mit Klarnamen.“ „Wenn die Leute nicht anonym sind, kommt nicht sowas Böses raus“, pflichtet Hoyer bei.

Markt für Internetnetzwerke ist schwierig

Nun ist die Idee des lokalen Netzes keineswegs neu. Schon vor zwölf Jahren gründete sich das Netzwerk Nachbarschaft, aber der Markt ist schwierig. Das Start-up Nebenan.de hat erst im Juni den Konkurrenten WirNachbarn geschluckt. Auch „leichtr“, das Netzwerk mit gestaffelten Hilfsbereitschaftsschwellen des Essener Unperfekthaus-Gründers Reinhard Wiesemann, erlitt „totalen Schiffbruch“, sagt dieser. „Nicht etwa, weil niemand hilfsbereit war, sondern weil keine hilfsbedürftigen Menschen mitgemacht haben! Vielleicht liegt das in unserem Fall daran, dass die heute Hilfsbedürftigen oft keine Smartphones verwenden.“

„Deutschland ist ein skeptisches Land“, bestätigt Juliane Leupold von Nextdoor, dem weltweiten Platzhirsch, der seit Mai versucht, hier Fuß zu fassen. 1500 Nachbarschaften haben sich seitdem gegründet. Die des Autors dümpelt vor sich hin.

Der eine fand den Schulfreund,die andere einen Rollator

Der Bedarf scheint dennoch gegeben. Nach einer Studie, die Emnid für das Netzwerk Nachbarschaft im April 2016 erstellt hat, fühlen sich 90 Prozent der Bürger in ihrer Nachbarschaft gut aufgehoben, 80 Prozent bestätigen, dass man sich gegenseitig hilft, knapp 40 Prozent unternehmen regelmäßig etwas mit ihren Nachbarn. Nur vier Prozent geben an, dass sie sich für ihre Nachbarn nicht interessieren.

Pascal Rousseau hat einen Schulfreund wiedergefunden, der ein paar Straßen weiter wohnt. „Mutter hat für Oma einen Rollator für 20 Euro erstanden“, sagt Yvonne Kilian. Ein Nachbar der Pragers bietet nun Fotografie-Kurse umsonst an. Und Kathrin Hoyer hätte „schon diesen Frühling einen Kärcher gebraucht, für meinen kleinen Balkon lohnt sich die Anschaffung nicht.“ Sie hofft nun auf eine Leihgabe.

Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik