Weihnachten

Wie man andere Adventskalender macht - ganz ohne Schokolade

Peter Nicolaus zeigt seine Adventskalender auch in eigenen Ausstellungen – und hier nur einen ganz kleinen Ausschnitt.

Peter Nicolaus zeigt seine Adventskalender auch in eigenen Ausstellungen – und hier nur einen ganz kleinen Ausschnitt.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Essen.  Heute gibt es viele Ideen, Adventskalender anders zu gestalten als die klassischen. Deren Geschichte kennt niemand besser als: Peter Nicolaus.

Verbraucherschützer beklagen den vielen Verpackungsmüll, der mit Adventskalendern anfällt. Zumindest sollte man die Papp- und die Plastik-Bestandteile voneinander trennen, bevor man sie in den Müll packt. Noch besser ist es natürlich, den Kalender selbst zu machen, (fast) ohne einen zu machen. Wenn man den Begriff ,Adventskalender’ so weit wie möglich fasst: sind hier ein paar Tipps für mich und die anderen unter uns mit zwei linken Händen.

Einfach ist es, wenn man beispielsweise 24 Stoffbeutelchen kauft, befüllt und aufhängt. Dafür ist keinerlei Geschick erforderlich, nur Zeit; und die Beutel sind – je nach Inhalt – durchaus ein paar Jahre zu verwenden. Funktioniert auch mit Socken. Noch länger halten Adventskalender aus Holz, die man ab zehn oder zwölf Euro kaufen kann. Oder man widmet leere Streichholzschachteln oder Überraschungseier um: Ei, was ist denn das?

Geschenktipps aus dem Internet: Leseadventskalender zum Beispiel

Denn falls der Inhalt über Schokoladenstückchen hinaus gehen soll, finden sich im Internet mühelos Geschenketipps unter Adressen wie liebeschenken.net,mein-adventskalender.de oder adventskalender-füllen.de. Kurz gesagt, gibt es etwa alles hinter diesen Kläppchen und eine natürliche Begrenzung nur durch die Größe der Dinge.

Leseadventskalender etwa finden sich in Buchhandlungen und Büchereien. Motto: jeden Tag eine andere Geschichte. Das Problem entsteht in dem Moment, wo Ihr Kind eine Geschichte so toll findet, dass es sie öfter als, sagen wir, die üblichen 34 Mal vorgelesen bekommen möchte.

Zeichnung der Wohnung verrät „mit einem Kreuz die Stelle, wo er suchen muss“

Gut ist auch der Tipp einer Nutzerin im Internet, die quasi ihre Wohnung als Adventskalender nutzte. Sie habe gleichsam als Schatzkarte für ihren Sohn eine grobe Zeichnung der Wohnung angelegt, „die verriet mit einem Kreuz die Stelle, wo er suchen musste“. Sie nutzte das nur für „größere Geschenke, die nicht in die kleinen Taschen passten.“ Aber das kann man ja lockerer sehen.

Gar kein Basteln, gar kein Abfall: Besser geht’s nicht. Der E-Mail-Adventskalender schickt dem Beschenkten jeden Tag „eine Mail mit einer schönen Erinnerung. Das können Texte, Fotos, Erinnerungen oder Lieder sein“, heißt es bei utopia.de.

Nur an einem Nachmittag die 24 E-Mails schreiben

Man muss auch nicht jeden Tag daran denken, sondern kann den E-Mail-Versand voreinstellen. „Somit musst du dich nur einen Nachmittag hinsetzen, die 24 E-Mails schreiben und das Timing setzen.“ Viel Spaß an dem Nachmittag!

Im Prinzip funktioniert das auch mit sogenannten Briefen oder Postkarten, falls sich jemand erinnert. Nur muss man sie tatsächlich Tag für Tag einwerfen – und eine Lösung haben für die Sonntage, wenn der Postmann nicht ein Mal klingelt.

In den 1830er-Jahren entsteht eine Vorform des Kalenders in Hamburg

Die Frage „Wie lange noch?“ ist eines der furchtbarsten Folterinstrumente, das Kinder ansetzen können; auf längeren Fahrten ab circa zehn Kilometern kann es schon unerträglich werden, das auszuhalten ohne Kindsaussetzung. Es wird aber doch noch mühelos übertrumpft durch die Variante: „Wie lange noch bis Weihnachten?“ 24 Tage? Lieber Himmel!

Vielleicht war das ja der Grund dafür, dass Johann Hinrich Wichern, Leiter eines Hamburger Waisenhauses und Theologe, in den 1830er-Jahren die Vorform von Adventskranz und Adventskalender zugleich entwickelte: Eine Art Rad aus Holz, auf dem zunächst vier Kerzen in der Rolle der Adventssonntage die nur zäh näher rückende Weihnacht darstellten. Vielleicht aus nahe liegenden Gründen entschied er sich später für die tägliche Kerze, denn damit kam eine gewisse Dynamik ins Spiel.

Der Nicolaus sammelt Adventskalender und hat einige tausend

Solche Sachen kann man Peter Nicolaus gut fragen. Haben Sie gemerkt? Nicolaus! Nein, kein Witz: Er heißt so, hat ungezählte Male die Frage „Und wie heißen Sie wirklich?“ beantwortet und früher auf der Suche nach Sammelobjekten inseriert: „Der Nicolaus sucht Adventskalender.“

Die sammelt der 67-jährige Mann aus Wuppertal entschlossen, verfügt über eine vierstellige Zahl davon und hat ein Fachwissen erworben, dass zu kleinen Perlen des Zwiegesprächs führen kann. Reporter: „Weiß man eigentlich ...“ – Nicolaus: „Ja, man weiß.“

Ende der 20er-Jahre kommt erstmals Schokolade in den Kalender

Dieser Kalender brauchte knapp hundert Jahre vom Wichernschen Ansatz bis zur heute dominanten Form (24 Klappen mit Schokolade dahinter), doch die lange Geschichte ist auch schnell erzählt: Um 1900 ist erstmals einer gedruckt worden, 1918 bekam der Kalender Türchen. „Damit wurde erstmals Überraschung eingebaut“, sagt Peter Nicolaus. Und gegen Ende der 1920er-Jahre kam man bei Stollwerk darauf, hinter den Türchen Schokolade zu platzieren. So, fertig.

Fast. In die Welt hinaus ging der Adventskalender mit den amerikanischen Soldaten, die nach ihrer Besatzungszeit in Deutschland heimkehrten. Und ein letztes: Zum Massenprodukt wurde er auch bei uns erst in den 1950er-Jahren; davor war er lange ein Jahr für Jahr wieder zu verwendendes Luxusprodukt.

Seit einigen Jahren gibt es Adventskalender für alles und jedes

Daneben gab es auch schon immer selbst gebastelte Adventskalender, gab seit fast 100 Jahren solche mit individueller Füllung; nur das Vordringen noch in die allerkleinste und höchst spezialisierte Marktlücke ist jüngeren Datums. „Adventskalender für Hunde, Veganer, Teeliebhaber und Erotikfreunde“, zählt Nicolaus auf: „Und die Produkte sind meist klein und überteuert.“

Da ist er ganz bei der „Stern“-Kolumnistin Meike Winnemuth mit ihrem gut formulierten Zorn: „Menschen geben willig absurde Summern für Dinge aus, die sie sich niemals gekauft hätten, wenn kein Papptürchen davor wäre? Und die sie höchstwahrscheinlich schnellstens entsorgen? Faszinierendes Geschäftsmodell! Das, was einem in jeder anderen Jahreszeit als Pröbchen hinterhergeworfen wird, steckt jetzt für 60 Euro im Adventskalender.“

Die Adventszeit mit Strichen oder Stroh abzuzählen, setzte sich nicht durch

Doch zurück nach Wuppertal, zurück in die Nicolaussche Sammlung. Der Mann arbeitete früher als Industriemeister im Druck, daher stammt mutmaßlich der Hang zum gut gemachten Kalender (und weniger zum Massenprodukt aus dem Supermarkt). Jedenfalls kann er auch von Sackgassen erzählen, in die Adventskalender gerieten.

Adventsuhren etwa setzten sich nicht durch, es fehlten in der Regel Überraschung und Schokolade. Jeden Tag einen Strohhalm auf Jesus in der Krippe zu legen? „Da war er dann Weihnachten nicht mehr zu sehen.“ Jeden Tag einen Kreidestrich zu ziehen? Kann man machen, es hat aber nicht dieses Moment des Runterzählens auf einem begrenzten Pappkarton.

Ein Wegwerfartikel, seit die Türchen nicht mehr geschlossen werden können

Nicht klar ist hingegen, warum ein Rundum-Sorglos-Kalender für Rechenschwache wieder verschwand: Er zeigte nicht nur auf dem Kläppchen das aktuelle Datum, sondern in einem Extrafenster auch die Zahl der verbleibenden Tage bis Heiligabend. Auffällig ist jedenfalls, dass Kalender aus den 1920er- oder 30er-Jahren oft aufwändiger und liebevoller gestaltet sind als unsere heutigen, Da malte manch ein Kinderbuchautor mit, weiß Nicolaus. Man musste es ja nicht an die große Glocke hängen.

Den Wandel vom Luxusprodukt zum Allgemeingut illustriert ein Adventskalender aus dem Duisburg der 20er-Jahre. Denn da muss man schon alle Türchen abreißen – die Wiederverwendung im Jahr darauf ist ausgeschlossen. 1936 gab Eduscho einen heraus, der Adventsuhr und -kalender kombinierte. „Dieser Kalender ist schon extrem selten“, sagt Nicolaus. Zum Höhepunkt macht ihn noch etwas anderes: „Und dann noch mit geschlossenen Türchen!“ Wie lange noch ...

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