Prävention

Wie lässt sich Radikalisierung junger Muslime verhindern?

Dr. Marwan Abou-Taam (Politikwissenschaftler beim LKA Rheinland-Pfalz ) im Gespräch mit gemeinsam mit Anja Bröcker (WDR) über das Thema Sicherheit und Prävention.

Dr. Marwan Abou-Taam (Politikwissenschaftler beim LKA Rheinland-Pfalz ) im Gespräch mit gemeinsam mit Anja Bröcker (WDR) über das Thema Sicherheit und Prävention.

Foto: Marit Langschwager

Essen.   Wie sicher ist das Ruhrgebiet? In Essen tagten am Donnerstag zahlreiche Experten zum Thema Präventation bei Islamisten.

Marwan Abou-Taam blickt etwas besorgt, als er das Podium betritt. 20 Minuten haben ihm der Gesprächskreis Innere Sicherheit NRW und die Brost-Stiftung am Donnerstagmorgen gegeben, um die Frage zu beantworten: „Islamismusprävention – geht das?“ Das sei sehr wenig Zeit, warnt der Politikwissenschaftler seine mehr als hundert Zuhörer. Schon weil sich die Frage nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten lasse.

Denn es gebe keine Checkliste, die zeige, wer gefährdet sei, sagt Abou-Taam. Aber dafür viele mögliche Gründe, die aus einem Muslimen einen radikalen Salafisten machen, zu einer Gefahr für die Gesellschaft, in der er lebt. Da gebe es die jungen Männer, die längst radikalisiert in ein fremdes Land einwanderten und gar nicht mehr erreichbar seien für eine Prävention – egal welcher Art. Und es gebe die Muslime, die geflüchtet seien, emotional noch immer stark mit ihrer Heimat verbunden seien und empfindlich auf alles reagierten, was dort passiere.

Oder die, die schon länger in einem anderen Land lebten, sich aber nirgendwo willkommen fühlten. Die wegen ihres westlichen Lebensstils von den Eltern als „Deutsche“ beschimpft würden und von den Deutschen im Alltag als „dumme Muslime“. „Solche Menschen sind offen für Angebote“, sagt Abou-Taam. Auch für radikale.

Der eigentliche Anlass, sich einer radikalen Organisationen anzuschließen, er sei manchmal ganz banal, oft kaum nachzuvollziehen. Das könne die Sechs sein, die man von seinem Mathe-Lehrer in der Schule bekommt, aber auch Unzufriedenheit über der Behandlung der Muslime in Indonesien, selbst wenn man dort nie gewesen sei. „Jeder Fall ist anders.“

Erschwerend komme hinzu, dass die deutschen Behörden – nicht nur sprachlich – oft überfordert seien. Weil es anders als in den Heimatländern hier nicht nur einen Ableger einer islamistischen Gruppierung gibt, sondern gut ein Dutzend.

Experte warnt vor hoher Rückfallgefahr

Dennoch glaubt der Politologe, dass Prävention bis zu einem gewissen Punkt möglich sei. „Wichtig ist es, möglichst früh anzusetzen“ und sich nicht nur auf die rund 40 000 Köpfe zählende Islamisten-Szene zu beschränken, sondern alle der rund fünf Millionen Muslime im Blick zu haben. Ein großer Kreis, eigentlich harmlos, aber ein Kreis auch, in dem sich nach und nach viele Vorurteile verfestigten, die irgendwann die Saat für eine Radikalisierung sein könnten. „Man muss die Konflikte erkennen, in denen junge Männer stecken und ihnen eigene Angebote machen. Wenn sie erst einmal einer islamistischen Gruppe angehören, ist nicht mehr viel zu machen.“ Dann helfe nur noch Repression.

Völlig vernachlässigt, so der Experte weiter, werde die Gruppe der Islamisten, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, im Gefängnis gesessen, irgendwann aber wieder auf freiem Fuß seien. „Bei ihnen ist die Gefahr eines Rückfalls sehr hoch“, warnt er. Abou-Taam könnte noch viel zum Thema sagen, aber seine Redezeit ist lange überschritten. Am Geld, gibt er den Zuhörern deshalb zum Abschluss nur noch mit auf den Weg, müsse eine Islamismusprävention nicht scheitern. „Davon ist genug vorhanden. Es muss nur richtig eingesetzt werden.“

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