Städtebau

Warum Marl das Rathaus saniert und die Innenstadt gleich mit

Zwei Türme und ein Verbindungstrakt: das hinfällige Rathaus von Marl.

Zwei Türme und ein Verbindungstrakt: das hinfällige Rathaus von Marl.

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

Marl.  Ob das Rathaus von Marl abgerissen oder saniert würde, war umstritten. Nun beginnen die Bauarbeiten. Und siehe da: Auch das Umfeld bewegt sich.

Nur gut, dass Marls Bürgermeister Werner Arndt drei Zuhause hat. Das eigentliche bei der Familie; dann das bei den 46 Vereinen, denen er angehört („Ich fühle mich bei den Vereinen zu Hause“); und natürlich das Rathaus - das sei hier wenigstens unterstellt. Er wird aber mehrere Jahre verzichten müssen: „Das Rathaus ist geschlossen“ steht am Eingang, Bauzäune untermauern den verlassenen Eindruck. Es wird von Grund auf saniert, und da man einmal dabei ist, soll die Marler Mitte einfach folgen.

Der Umbau sei „ein ermutigendes Signal für einen viel versprechenden Aufbruch“, sagt Arndt (SPD) am Donnerstag. Denn die Marler Mitte ist, sagen wir, speziell: Sie entstand in den 60er-Jahren in der ländlichen geografischen Mitte der Marler Dörfer, quadratisch, praktisch, groß, wie man das damals so machte. Siehe auch Castrop-Rauxel.

Das Einkaufszentrum Marler Stern nimmt gerade wieder Fahrt auf

Ihre hohe architektonische Qualität, von der alle Fachleute reden, erschließt sich dem Laien zumindest nicht auf den dritten Blick. Baudezernentin Andrea Baudek hat einmal so karikiert, was Ortsfremde sagen, wenn sie die Innenstadt zum ersten Mal sehen und freundlich sein wollen: „Das ist ja mal was ganz Anderes.“

Doch tatsächlich tut sich jetzt etwas. Ein privater Investor bringt das Einkaufszentrum „Marler Stern“ gerade wieder in Schwung, der Grauschleier verschwindet bereits. Im ersten Stock wächst zudem Nordrhein-Westfalens größter Fabrikverkauf heran, wo Hersteller ihre Produkte billiger verkaufen – Puma kam zuletzt hinzu.

Investitionen sollen sich auf 160 Millionen Euro summieren

Auch die riesigen Wohnblocks werden saniert, und schließlich soll ein neues Kulturzentrum einen guten Eindruck machen. „Wir freuen uns sehr, unsere Stadtmitte vollenden zu können“, sagt Arndt. Er errechnet, dass insgesamt rund 160 Millionen Euro verbaut werden, davon 70 Millionen für das Rathaus.

Denn das ist das Herzstück. Als „Beispielhafter Bau der 60er-Jahre“ ist es ausgezeichnet worden, aber nicht alle Marler mögen es zutiefst: Sie sahen mit der Baufälligkeit die goldene Gelegenheit kommen, es loszuwerden. Lange kämpfte eine Bürgerinitiative für Abriss statt Sanierung. Gegen den 2015 ergangenen Denkmalstatus stemmte sich sogar der eigene Rat ebenso entschlossen wie vergeblich.

Stadt hatte den Bürgern vorgeführt, wie groß die Schäden im Rathaus sind

Doch nun ist das Bauschild enthüllt. Bauarbeiter werden es bis auf die tragenden Teile abreißen und wieder hochziehen. Sie müssen tausende Quadratmeter Böden, Decken und Wände erneuern, Wandmosaike und Holzvertäfelungen abbauen, ausbessern und wieder aufbauen, hochwertige Marmorwände in Sicherheit bringen und später wieder zurück.

In der Diskussion der letzten Jahre, was zu tun sei, ging die Stadt auch den ungewöhnlichen Weg der Selbstkasteiung. Sie lud die Bürger ein, selbst zu sehen, wie kaputt alles ist, zeigte den maroden Heizungskeller und die wackelnden Fenster. Und das undichte Dach des Sozialamtes. Schönes Symbolbild übrigens, genauso wie das erste Zuhause von Werner Arndt: Der Bürgermeister wohnt in der sogenannten Bereitschaftssiedlung.

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