Rekommunalisierung

Warum die Stadt Bochum wieder eigene Putzkräfte hat

Fensterputzer Manuel Fliegner ist froh, wieder einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

Fensterputzer Manuel Fliegner ist froh, wieder einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

Bochum.   Das Ende der Privatisierungwelle – in Bochum sind über 600 Arbeitskräfte rekommunalisiert worden. Als dies geschah, hielten viele die Stadt für wahnsinnig, wegen der Kosten. Inzwischen gilt sie mit ihrem Kurs als Trendsetter - die Beschäftigten freut das.

Wenn man in den umfangreichen „Reinigungsrichtlinien“ der Stadt Bochum blättert, erschließt sich nicht sofort, warum sie dermaßen gefragt sind. „Glätteunfall ist das Ausrutschen einer Person auf dem Fußboden ohne erkennbare Fremdeinwirkung“, lernt man darin etwa, oder: „Die Grundreinigung umfasst in unterschiedlicher Häufigkeit die gründliche Reinigung und Pflege der Reinigungsobjekte.“

Aha!

Aber ein kleiner Bestseller sind sie doch.

Mehr als 50 deutsche Städte haben in den letzten Jahren nach den Reinigungsrichtlinien aus dem Ruhrgebiet gefragt. Denn sie sind die Grundlage, nach denen die Stadt schon vor 20 Jahren ihre privatisierte Gebäudereinigung wieder selbst in die öffentliche Hand genommen hat. Und damit hunderten Menschen Arbeit zu vernünftigen Bedingungen verschafft, statt sie einer Branche zu überlassen, deren Bild nicht gerade geprägt wird von ihren weißen Schafen.

Herne und Köln wollen sich das Modell zum Vorbild nehmen

Damals bei der Rekommunalisierung galt Bochum als wahnsinnig. Heute gilt es als Trendsetter. Herne, Köln und der Rhein-Sieg-Kreis etwa haben Anregungen aus Bochum übernommen, auch Bremen will sich das Revier zum Vorbild nehmen.

„Eigenreinigung steigt bei den Kommunen in NRW wieder deutlich an“, sagt Olaf Kowalewski, der Betriebsleiter der städtischen Gebäudereinigung. Und eigentlich ist das ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man durch einen vermeintlichen Schritt rückwärts plötzlich an der Spitze stehen kann, nur weil der Zeitgeist die Richtung ändert.

Manuel Fliegner hat vieles selbst erlebt, und was er nicht erlebt hat, das hat er gehört. Den Stundenakkord, den umgangenen Mindestlohn von neun Euro: „Ich spreche ja mit genug alten Bekannten da draußen. In der Branche arbeiten Leute oft länger, als sie dürfen, zu Reallöhnen, zu denen eigentlich keiner will“, sagt der Gebäudereiniger.

Und so ist auch seine eigene Geschichte eine, die man öfter hört in dieser Branche: Fliegner, damals beschäftigt bei einer privaten Firma, wird dort als Vorarbeiter eingesetzt, aber irgendwann nur noch als Geselle bezahlt. Ohne Erklärung, ohne Entschuldigung – ohne Korrektur.

Monate geht das so, bis Firma und Fliegner sich trennen und er beim Arbeitgeber Bochum anfängt. „Ich hab’ mir das damals reiflich überlegt“, erinnert sich der 34-Jährige: Denn er würde weniger verdienen, da er nicht mehr Akkorde brechen könnte; aber der Arbeitsplatz wäre sicherer und der Raubbau am eigenen Körper beendet.

Im öffentlichem Tarif beginnen Reinigungskräfte bei 9,09 Euro Stundenlohn und kommen in der Endstufe auf 10,14 Euro; Gesellen beginnen bei 12,35 Euro und können bis 15,89 Euro kommen nach vielen, vielen Jahren.

Leichter ist die Arbeit nicht geworden

Wie Fliegner, sind nun rund 660 Leute sozialversicherungspflichtig damit beschäftigt, die gut 1000 Gebäude sauber zu halten, die der Stadt gehören: Schulen und Kitas, Bäder und Büros, Heime aller Art, Kulturhäuser, Sportstätten . . . Kowalewski, der Betriebsleiter, kommt dabei auf einen gemittelten Putz-Preis pro Quadratmeter von „unter zehn Cent“. Die Privaten lägen bei sieben bis acht Cent, und doch rechne sich das öffentlich-rechtliche Reinigen.

Als die städtische Gebäudereinigung neu aufgebaut wurde – und für eine Übergangszeit vieles noch privat erledigt werden musste – habe er vor allem „Mängel aufgelistet und Rechnungen gekürzt“, so Kowalewski. Und: Die Reinigung von 1000 Gebäuden „gebäudescharf und quadratmetergenau auszuschreiben, zu kontrollieren und abzurechnen“, werde am Ende doch teurer, als das Ganze mit eigener Besatzung sauber zu machen; auch wenn deren Stundenlohn etwas höher liegt als der Branchen-Mindestlohn von 9 Euro.

Leichter ist die Arbeit damit freilich nicht; Manuel Fliedner kann das alles sehr lebensnah beschreiben: Wie es ist, die Toiletten im VfL-Stadion zu putzen während des Spiels; oder abends um halb elf das Theaterblut von der Bühne des Schauspielhauses zu wischen; oder eine zweistöckige Grundschule zu reinigen, die einen einzigen Wasseranschluss hat. Im Keller.

Überhaupt: Das Rauf und Runter des Gebäudereinigers mit und ohne Leitern, das Aufstellen und Wegtragen von Teleskopgeräten, das Schleppen der Bohnermaschine von 35 Kilogramm oder der Wasserbehälter mit 30 Litern. Zurück tauschen würde er dennoch nicht mehr: „Wir haben halt hier den Luxus, uns an die Sicherheitsvorgaben halten zu können.“

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