Coronavirus

Vorbereitet auf die zweite Welle: Intensivstationen im Fokus

Kümmert sich um Covid-Patienten: Intensivpflegerin Mona Maslon in der Uniklinik Essen.

Kümmert sich um Covid-Patienten: Intensivpflegerin Mona Maslon in der Uniklinik Essen.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet/Essen.  Die Kliniken haben gelernt. Ganze Stationen räumt keine mehr „auf Vorrat“ frei, aber die Corona-Notfall-Pläne geben eine schnelle Eskalation her.

Nicht nur die Neuinfektionen nehmen zu – auch die Zahl der Covid-Intensivpatienten steigt wieder in Deutschland. Woche um Woche um über 20 Prozent – allerdings auf bislang geringem Niveau. 362 Corona-Infizierte liegen derzeit laut Robert-Koch-Institut auf der Intensivtation, 193 von ihnen werden beatmet. Wie also sind die Kliniken vorbereitet auf eine mögliche zweite Welle?

Den detailliertesten Überblick über die aktuelle Auslastung gibt der Klinik-Monitor der Funke Mediengruppe: Fast alle Krankenhäuser melden freie Kapazitäten, sowohl bei den Standard-Intensivbetten als auch bei solchen für schwere Fälle. Nur wenige Kliniken haben ihre Grenzen in Teilbereichen in Sicht. Nur eine Handvoll sind nach eigener Einschätzung voll ausgelastet, was aber auch an Spezialisierungen oder Eigentümerwechseln liegt. Die Kliniken, die „Betten mit Beatmungsgeräten“ vorhalten, auf die es letztlich ankommt, melden keinerlei Engpässe.

Die absoluten Zahlen sind niedrig

Alles andere wäre auch verwunderlich. In NRW müssen derzeit 98 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden, 60 Prozent von ihnen sind an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Dem stehen 7204 Intensivbetten im Land gegenüber. Ein gutes Viertel davon (27,4 Prozent) ist aktuell frei, zudem gibt es eine „Notfallreserve“. Innerhalb einer Woche lassen sich die Kapazitäten um 35 Prozent (oder 2548 Intensivbetten) hochfahren. NRW ist damit überdurchschnittlich gut versorgt. Hier kommen auf 100.000 Einwohner rund 40 Intensivbetten, in Bayern sind es nur 32, der Deutschlandschnittt liegt bei 36.

Auch Uwe Janssens verweist auf die weiterhin geringen absoluten Zahlen. Der Chefarzt aus Eschweiler steht der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) vor, die auch die obigen Daten erhebt. „Zum Höhepunkt der ersten Welle waren 2667 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Davon sind wir weit entfernt.“

Janssens ist zwar „der festen Überzeugung dass es zunehmen wird. Aber ich glaube nicht, dass wir auf die 19.000 Neuinfektionen pro Tag kommen, vor denen die Bundeskanzlerin warnt. Italien hat nicht die Probleme, die Spanien und Frankreich nun wieder haben. Das ist der Beweis: Masken tragen hilft, Abstand halten hilft. Damit verhindern wir einen erneuten Lockdown. Die Intensivmedizin ist gar nicht das Problem.“

„Noch nicht viel gespürt“ von den gestiegenen Zahlen

Das Essener Uniklinikum versorgt derzeit etwa 20 Covid-Patienten, ein Drittel des Aufkommens zu den Hochzeiten der Pandemie. Zwei bis vier von ihnen werden auf der Intensivstation behandelt – im April und Mai habe der Anteil deutlich höher gelegen, erklärt der Chef der Intensivmedizin, Prof. Thorsten Brenner. Damals mussten täglich bis zu 30 Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. Von den gestiegenen Zahlen „haben wir bisher noch nicht viel auf dem Campus verspürt. Darum“, sagt Brenner, „wäre es derzeit nicht sinnvoll, komplett leergeräumte Intensivstationen für eine mögliche zweite Welle vorzuhalten.“

Auf dem Höhepunkt der Krise hatte die Uniklinik Essen in kürzester Zeit zwei bestehende Intensivstationen mit mehr als 40 Betten für die exklusive Behandlung von Covid-19-Patienten vorgehalten. Zudem wurde eine große „Intermediate Care“-Station leergeräumt, auf das Niveau einer Intensivstation hochgerüstet und über längere Zeit vorgehalten. Diese Betten wurden aber nie gebraucht.

Derzeit hält die Uniklinik Essen nur zwei bis drei Intensivbetten ständig frei für Covid-Notfälle. Doch die anästhesiologische Intensivstation hat ausschließlich Einzelzimmer mit speziellen Isolationsmöglichkeiten, so dass man hier Covid-19-Patienten neben anderen unterbringen kann. Innerhalb eines Tages ließen sich 40 Betten reaktivieren, indem man Patienten verlegt oder geplante Operationen verschiebt. binnen zweier Tage stünden so gar 60 Betten bereit – doppelt so viel, wie bei der „ersten Welle“ benötigt wurden. „Darüber hinaus sind noch Aufwachbereiche aufgerüstet worden, um im Bedarfsfall als Intensivstation genutzt werden zu können“, erklärt Thorsten Brenner. „Also, egal was kommt, wir sind gut vorbereitet.“

Eskalation jederzeit möglich

„Wir haben weniger als fünf Fälle stationär, und keinen auf der Intensivstation. So ist es schon seit längerem“, sagt auch Marc Raschke, Sprecher des Klinikums Dortmund. Auch hier hält das Krankenhaus keine Betten mehr frei, hat aber Eskalationspläne wie in Essen. Lehren aus der ersten Welle haben sie auf allen Ebenen gezogen. So werden alle geplanten Patienten vor ihrer Aufnahme auf Covid-19 getestet. Auch das Testzelt vor dem Klinikum wäre bei Bedarf schnell reaktivierbar.

„Die große Herausforderung dieser Pandemie ist es, immer wieder flexibel zu reagieren“, sagt Robin Jopp, Sprecher des Bochumer Uniklinikums Bergmannsheil. „Wir haben außerdem Abläufe und Personenströme neu organisiert, haben die Beschaffung und Lagerhaltung von Schutzmaterial weiter optimiert, und wir werden unsere Kapazitäten im Labor ausweiten, damit wir künftig mehr Tests durchführen können.“

Und ist das nicht alles etwas überdimensioniert?

„Vielleicht haben wir viele Betten und es ist viel Geld geflossen“, sagt Divi-Präsident Uwe Janssens. „Aber wir haben weltweit auch eines der besten Ergebnisse hingelegt. Hinterher ist es sehr unfair zu sagen: Es war zu viel. Wir müssen jetzt kritisch über unser Gesundheitssystem diskutieren: Was werden wir brauchen, was werden wir nicht brauchen?“

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