Schule

Eine Lehrerin über die Lust und Last, Zeugnisse zu schreiben

Lesedauer: 5 Minuten
Da helfen nur Kaffee und Schokolade: Nächtelang haben die Lehrer in NRW zuletzt Zeugnisse geschrieben.

Da helfen nur Kaffee und Schokolade: Nächtelang haben die Lehrer in NRW zuletzt Zeugnisse geschrieben.

Foto: Sinja Possekel

Ruhrgebiet.   „Es gelingt ihr immer besser...“ Die kleinsten Schüler bekommen ausformulierte Beurteilungen – keine Noten sind das, aber trotzdem Bewertungen.

Mia kann endlich lesen, Louis mag Rechnen, und eigentlich findet die ganze erste Klasse die Schule gut. Was aber findet die Lehrerin? Die lehnt sich gerade erleichtert zurück: Alle Zeugnisse geschrieben, ausgedruckt und unterschrieben; am Freitag werden sie ausgeteilt. Mögen die kleinen Schüler vor Aufregung in dieser Nacht nicht schlafen, für ihre Lehrer sind die schlaflosen Nächte vorbei.

„Es gelang ihr in letzter Zeit immer besser, ihre Bedürfnisse hinten anzustellen.“

Das Kind ist eine kleine Ich-AG, will Lehrerin Julia Schmidt* aus Dortmund sagen, die über diese Formulierung lange nachgedacht hat. Wie über jede einzelne. „Ich möchte allen ein tolles, individuelles Zeugnis schreiben.“ Aber das ist schwierig. 20 Kinder in der Klasse, dazu der Fachunterricht. Und noch bekommen die Schüler Wortzeugnisse, zwei Seiten ausgeschriebener Beurteilungen. Es sind keine Noten – und sind es doch. Man muss das Zeugnis nur lesen können.

Hannah stellte sich schnell auf neue Lerninhalte ein.

„Die ist gut dabei“, heißt das. Max ist es weniger:

Er benötigt Zeit, sich im System Schule zurechtzufinden.

Schmidt geht das jedes Jahr mit dem System Zeugnis so. Pfingsten hat sie angefangen, es dauerte eine Weile, bis sie „die Sprache wieder drauf“ hatte. Dabei hilft den Lehrern heute die Technik: Um die Floskeln kümmert sich ein Programm. Das ist nicht negativ gemeint, der Computer macht Angebote. Er kann außerdem „Schüler verwalten“ (dann sind die Namen schon mal richtig) und „Zeugnis-Ausgabe“. Nicht persönlich, klar; sein Empfänger ist der Drucker.

Sprache im Zeugnis ist immer positiv

Es gelang Lukas immer besser, mit Misserfolgen umzugehen. Er weinte weniger bei nicht verstandenen Aufgaben.

Die Sprache im Zeugnis ist positiv, immer. Die Kinder lieben das, weiß die Lehrerin, sie registrieren das Lob. Die Eltern indes lesen zwischen den Zeilen – und zweifeln. Ist das jetzt gut oder schlecht? Schmidt kennt das gut. Im Referendariat glaubte sie ihren eigenen Ausbildern nicht mehr. Ist ein Lob ein Lob? Oder versteckte Kritik?

Im Unterricht beachtete Paul die Schulregeln. In offenen Situationen gelang ihm das weniger.

Also doch: Kritik. Ein Rabauke auf dem Schulhof, aber in der Klasse ein Schaf. Es ist besser geworden in den letzten Monaten, aber die Lehrerin muss das ganze Schuljahr bewerten. Die Eltern sollten trotzdem nicht überrascht sein. Es hat Gespräche gegeben, wie auch mit der Familie von Lena. In ihrem Zeugnis steht jetzt im Fach Deutsch, Unterabteilung Rechtschreibung:

Lena hält teilweise schon Satzgrenzen ein.

Ein paar Punkte oder Kommata könnten demnach nicht schaden, der Leser muss ja auch mal Luft holen können. Die Lehrerin auch. Beim Zeugnisschreiben vergisst sie das manchmal. Die Kaffeemaschine gurgelt, die Schokolade schmilzt, und dann ist es auf einmal schon Morgen. Es gibt Kollegen, die erfinden Ersatzhandlungen: Blumen gießen, die Wohnung putzen, endlich den Brief an Tante Frieda schreiben. „Ich habe schon mal die Terrasse gekärchert“, sagt Schmidt. Nur, um nicht an den Schreibtisch zu müssen.

Leonie arbeitet an formklarer Schrift.

Noch sieht ein B nicht immer aus wie ein B, dann trägt es die Bögen nach links. Wenn ein Kind sein „Arbeitsblatt mit Buchstaben gestaltet“, bedeutet das nichts Sehr Gutes: Es malt Zeichen, hat beim Schreiben aber Luft nach oben. Schmidt hat auch Schüler, die reden und schreiben am besten – gar nicht. „Die hören lieber aufmerksam zu.“ Oder beschränken sich auf „einfache, kurze Sätze“ und schreiben sie „bei hoher Motivation sauber ab“. Aber nur dann. Aber es gibt auch die mit „großem Wortschatz“, besser als die mit „angemessenem“:

Emma berichtet von eigenen Erlebnissen frei und ausführlich.

Das „Arbeits- und Sozialverhalten“ steht in der Vergangenheit, die Leistungen in Deutsch, Mathe, Sachkunde oder Musik in der Gegenwart. „Rechnet sicher im Zahlenraum bis 20“ oder „bewegt sich rhythmisch zunehmend richtig“. All diese Sätze trägt Schmidt persönlich in die Schule, die Schulleitung liest jedes Wort. Und bittet bis zuletzt um Verbesserungen.

Am Freitag also kommt das fertige Zeugnis nach Hause. In einer Mappe, im besten Fall. Manchmal aber auch im Brei der Banane, die noch unten im Ranzen lag. Und von dort in die schmutzigen Handwerkerhände von Papa. Julia Schmidt verdreht die Augen. „Das ist ein Dokument!“

An seiner Ordnung sollte ... weiterhin arbeiten.

*Die Kinder und ihre Lehrerin sind echt, ihre Namen ausgedacht.

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