Lebensgeschichte

Uschi K.: Das tragische Leben einer Verliererin

Vielleicht das schönste Foto, das von Uschi K. blieb: gemacht um das Jahr 2000 herum in Amsterdam.

Vielleicht das schönste Foto, das von Uschi K. blieb: gemacht um das Jahr 2000 herum in Amsterdam.

Foto: Privat

Dortmund/Amsterdam.  Uschi K. aus Dortmund ging wegen der Drogen in die Niederlande, tötete ihren Mann, bekam in Kleve ein Kind, starb an Aids. Eine Lebensgeschichte.

Über Menschen wie Uschi K. schreibt man keine Biografien. Nicht über diese Frau aus Dortmund, die schon mit 13 Heroin probiert und ihr ganzes kurzes Leben nicht mehr davon loskommt. Die ihren Körper verkauft für die nächste Dosis Drogen. Die mit 32 ihren gewalttätigen Mann erschießt und mit 45 an Aids zugrunde geht. „Eine Verliererin“ nennt sie der Niederländer Ad van den Dool. Und er hat es doch getan: die „Sporen van (Spuren von) Uschi K.“ verfolgt und alles aufgeschrieben – eine Lebens-, Leidens-, aber auch Liebesgeschichte aus Dortmund, Kleve, Rotterdam und Amsterdam.

„Ich will doch nur leben! Warum ist das so verdammt schwierig?“ Die erste Seite in Uschis Tagebuch, 1991, sie ist schon über 30 und ihr Mann Martin gerade tot. Als der Journalist van den Dool die Zeilen liest, weiß er schon viel über die Frau, über die er ein Buch machen will. Ein Krimi könnte es werden, er hat die Akten gelesen von Polizei und Gericht in Rotterdam: Ein Mann wird in seiner Wohnung erschossen, die Täterin ist eine Deutsche. Es wird kein Krimi.

Ad van den Dool recherchiert, trifft Menschen, die Uschi, 1958 geborene Ursula, kannten, besucht Orte, die sie prägten. Dortmund-Eving, wo das Elternhaus bis heute steht, in dessen Kellerbar das einzige Kind entdeckt, dass Wermut lecker schmeckt. Wo die Eltern im Kegelclub sind und im Schwimmverein, wo Oma und Opa wohnen in der „Alten Kolonie“, wo die Zeche Minister Stein die Luft noch schwärzt in jenen 60er-Jahren. Und wo Uschi ein Jahr lang im Krankenhaus im Gipsbett liegen muss: Ihre Hüfte steht schief, sie wird ihr Leben lang hinken. Schlimmer als der Schmerz aber ist das Gefühl, minderwertig zu sein und allein. Ein Gefühl, das bei ihr bleibt.

Zuhause in Eving, Schülerin am „Helene-Lange“

Vielleicht liegt hier der Ursprung von „allem Elend“, wie Uschi später sagt. Anfang der 70er, am Helene-Lange-Gymnasium: Eine Freundin sitzt benebelt im Unterricht, Uschi ist besorgt. „Probier doch mal, dann verstehst du mich“, sagt die Mitschülerin. Uschi nimmt das erste Mal Heroin. Sie ist 13 und wird nie wieder aufhören.

„Ich bin zuhause in Eving, zwischen den tausend Vergangenheiten, zwischen den tausend Lügen“, wird sie später in ihr Tagebuch schreiben. „Erinnerungen kannst du nicht wegwerfen.“ Nicht die an die Eltern, die ihr viele Freiheiten lassen, zu viele, wie die erwachsene Uschi glaubt. Nicht an die Drogenfreunde im Jugendclub, nicht an die Disco „Jara“ im Brückstraßen-Viertel, wo es so einfach ist, Stoff zu kriegen, nicht an den Dortmund-Ems-Kanal, wo sie mit Kumpel Detlef spazieren geht. Er wohnt noch in Dortmund und sagt über seine Jugendfreundin: „Uschi war ein Engel.“

Der Sohn will von seiner Mutter nichts wissen

Mit 20 flieht sie nach Amsterdam. In den Niederlanden ist die Drogenpolitik auch damals schon liberaler, die Süchtigen bekommen leichter ihr Heroin, aber auch leichter Hilfe. Uschi geht auf den Straßenstrich, um den Drang nach Dope zu befriedigen, immer wieder versucht sie aufzuhören, richtet sich aber auch ein im sozialen Netz, das Städte wie Amsterdam und Rotterdam in jenen Jahren für die Szene knüpfen. Sie wird erniedrigt, getröstet, vergewaltigt und steht doch wieder auf. 1986 die Diagnose: HIV.

Ein Jahr später nur, der Autor verrät es erst im letzten Kapitel, bekommt Uschi K. ein Kind. Es wird in Kleve geboren, ist todkrank, hat Entzugserscheinungen, das tödliche Virus trägt es nicht. Uschi aber muss Heroin besorgen, lässt ihr Kind in der Klinik zurück. Es wächst bei Pflegeeltern auf, wird später adoptiert. „Ich liebe dich, mein Sohn“, notiert die Mutter Jahre später, für ein Fotoalbum, das sie ihm schenken will, sammelt sie Bilder aus ihrem Leben. Doch sie begegnet ihm nie, und auch Ad van den Dool mit seinem Manuskript kann den inzwischen 31-Jährigen nicht umstimmen: „Für mich hat Frau K. nicht existiert“, schreibt der Sohn in einer Mail.

Den Ehemann erschießt sie mit seiner Waffe

Ihre Liebe schenkt Uschi Ende der 80er in Rotterdam einem Mann, den sie für den sensibelsten und sanftesten der Welt hält: Martin. Doch der Schein trügt, „unsere Beziehung begann mit einer Menge Lügen“. Als sie verheiratet sind, wird Martin, auch er ein Junkie, gewalttätig, brutal, unberechenbar, er verbietet seiner Frau zu essen und zu schlafen, zwingt sie zum Sex. Uschi redet mit niemandem darüber. „Auch vor meinen Eltern wollte ich nicht zugeben, dass ich zum soundsovielten Mal versagt hatte.“

In einer Juninacht 1991 erschießt sie ihren Mann, mit der Waffe, mit der er sie tagelang bedroht hatte. Den Richtern wird sie später sagen, sie habe „Todesangst“ gehabt. Es sieht nach Selbstmord aus, doch zwei Polizisten glauben der Deutschen nicht. Ein knappes Jahr später wird sie verhaftet, es kommt zum Prozess, Uschi muss ins Gefängnis.

Ihr Anwalt sagt über die wegen Totschlags Verurteilte, er habe „mehr als Mitleid“ mit ihr gehabt: „Junkies ist oft nicht zu trauen, aber so war Uschi nicht.“ In der Haft schreibt sie: „Ich will noch nicht sterben“ und dass sie sich nach Liebe sehnt, „so viel, dass meine Seele wieder weich wird“. Sie schreibt auf Niederländisch, manchmal, wenn sie wütend ist, fällt sie zurück ins Deutsche: „Das ‘ne Scheiße.“

Die Mutter in Dortmund schickt ihr Briefe, Uschi müsse die schlechten Zeiten vergessen, „aber in deinem Fall gab es keine guten Zeiten“.

Für Chris bleibt Uschi die große Liebe

Es kommen noch bessere, nach der Haft in Amsterdam. Uschi hat viele Freunde, und sie findet Chris, der sich um sie kümmert. „Sie war die große Liebe meines Lebens“, sagt der noch heute, er habe die Trennung nie verwunden. Die kommt, nachdem ein gemeinsamer Suizid-Versuch scheitert. „Selbst das“, schreibt diesmal Chris in ihren Kalender, „war uns nicht gegönnt.“ Chris lebt inzwischen in Dortmund, Uschi kehrt nur zu Besuch in ihre Heimatstadt zurück. „Ich kenne da nur Leute, die auch abhängig sind.“

Sie versucht, auf eigenen Beinen zu stehen, kämpft gegen die Krankheit Aids, die nun ausgebrochen ist. 1999 notiert sie alle Lieben auf dem Deckblatt ihres Kalenders, die in jenem Jahr gestorben sind. 17 Namen. Im Mai 2002 ist sie wieder im Krankenhaus: „Unbedingt die Ärzte fragen, wie lange noch.“ Am 27. März 2004 stirbt Uschi K.

Die sich erinnern, erzählen nicht von einem Junkie, nicht von einer Frau, die ihren Mann tötete. Sie sprechen voller Wärme von ihr: wie positiv sie war, wie nahbar, wie kommunikativ. Als Ad van den Dool seine „Spuren von Uschi K.“ veröffentlicht, schreibt Jugendfreund Detlef: „Mich freut das Buch so sehr, weil ich leider zu dumm war zu merken, dass Uschi ein besonderer Mensch war. Ich vermisse sie sehr.“

Den Nachlass will Uschis Mutter nicht haben

Uschi selbst, das darf man annehmen, hätte das Buch gefallen. Sie hat gern erzählt aus ihrem Leben. In ihrem Tagebuch, in dem so viele dunkle Tage fehlen, steht auch dies: „Wird dies jemals jemand lesen? Wie gern würde ich das wollen!“ Ad van den Dool fand das Vermächtnis in einer Umzugskiste auf einem Dachboden in Amsterdam. Uschis letzter Sozialbetreuer hat sie aufbewahrt, ihre Mutter wollte sie nicht haben.

Was von Uschi bleibt: ihre Armbanduhr. Das Impfbuch für die Katzen. Ein paar leere Haschtütchen, ein gefärbtes Stück Glas, wahrscheinlich hat Uschi es für die Drogen gebraucht. Ihr Tagebuch, ihre alten Kalender. Und nun dieses Buch über ihr Leben.

>> DAS BUCH

Ad van den Dool: „Sporen van Uschi K. Een reconstructie“. Verlag Ambos/Anthos 2018. 206 Seiten, 20,99 Euro. In niederländischer Sprache.

Der Autor war lange für verschiedene Zeitungen in Rotterdam tätig. Inzwischen arbeitet er als freier Autor.

Sein Buch zeichnet ein Bild der Drogenszene und -politik in Amsterdam und Rotterdam der 80er- und 90er-Jahre.

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