Cold Cases

Wie Ermittler ungelöste Morde doch noch aufklären wollen

Auch alte DNA wird mit neuen Methoden .

Auch alte DNA wird mit neuen Methoden .

Foto: skynesher

Düsseldorf.  Seit dem Jahr 2018 wird beim LKA in NRW eine Datei aufgebaut, die helfen soll ungeklärte Mordfälle zu lösen. Ein Besuch beim Chef-Profiler.

Er hat sich daran gewöhnt dass man ihn Profiler nennt. Chef Profiler. Aber Andreas Müller, Erster Kriminalhauptkommissar beim Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf, würde sich selbst nie so bezeichnen. „Fallanalytiker“, sagt er. „Wir sind Fallanalytiker.“ Für aktuelle Verbrechen, seit gut zwölf Monaten aber auch für die alten. Für die, die bisher nicht gelöst werden konnten und die Cold Cases genannt werden. 900 von ihnen sollen nach und nach noch einmal unter die Lupe genommen werden. Denn Mord verjährt nie.

Mordermittler, Techniker und Sprengstoffexperten

Am Morgen des 28. Juni 2008 werden Edith S. (85) und ihre Tochter Roswitha C. (59) tot in ihrem Haus in Dortmund-Eving gefunden. Von den 20.000 Euro, die sie kurz zuvor von der Bank geholt haben, um neue Fenster zu bezahlen, ist die Hälfte verschwunden. Die Polizei verhört Freunde, Nachbarn und Verwandte, setzt Spürhunde ein, sichert DNA-Spuren, doch bis heute gibt es keine Spur von den mutmaßlich zwei Tätern.

„Es ist ein Fall, der uns hier in Dortmund noch immer auf den Nägeln brennt, sagt Henner Kruse, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund. Deshalb haben die Mordermittler alle Unterlagen zusammengesucht und zum LKA geschickt.

Alles wird zunächst digitalisiert

Dort werden sie zunächst einmal digitalisiert und mit Tatzeit, Tatort, Opfer, Alter, Motivlagen und Spuren in ein Fallbearbeitungssystem übertragen. Schon das, sagt Müller, erleichtere die Arbeit. Denn auf das, was digital vorliegt, kann viel leichter zugegriffen werden. Wo Akten bisher Tage unterwegs waren, brauchen E-Mails nur noch Sekunden – egal wohin. So kann Müller die Falldaten seinen Kollegen in der „Operativen Fallanalyse“ (OFA) zukommen lassen. Sechs Männer und drei Frauen gehören zu seinem Team – alle erfahrene Mordermittler, alle mit jahrelanger Spezialausbildung und unterstützt von einem dicht geknüpften Netzwerk aus Technikern, Sprengstoffexperten, IT-Spezialisten, Psychologen und Naturwissenschaftlern.

Gemeinsam mit den Mordermittlern entscheiden sie, ob es sich lohnt, in einem Fall wieder Ermittlungen aufzunehmen. „Der Fall muss Potenzial haben“, sagt Müller. Am besten klare Mordmerkmale, schon wegen der ansonsten möglicherweise eintretenden Verjährung. Und je höher die Chance auf Aufklärung, je niedriger der Aufwand, desto eher sagen die Profiler und zuständigen Mordermittler: „Versuchen wir es.“ Wohlwissend, dass die Ermittlungen zu wiederaufgenommen Altfällen jederzeit durch aktuelle Ereignisse unterbrochen werden müssen. Cold Cases müssen sowohl im LKA als auch in den Kriminalhauptstellen neben dem aktuellen Tagesgeschäft bearbeitet werden.

Profiler stellen alles in Frage

Wenn sie kommen, die Männer und Frauen der OFA, dann, „weil die Kollegen vor Ort eine neutrale Prüfung der bisherigen Einschätzungen aus heutiger Perspektive wünschen“. Profiler übernehmen nicht, sie unterstützen, arbeiten zu. Sie geben keine Befehle, sie geben Ratschläge, sind die zweite Meinung, die gerne eingeholt wird.

Aber sie stellen oft erst einmal alles in Frage, gehen kritisch an die bis zu 50 Jahre alten Ergebnisse heran. Ist der Fall lückenlos rekonstruiert? Ist die Motivlage klar? Gibt es ähnliche Fälle, zu denen bisher niemand eine Verbindung geknüpft hat? Und lassen sich alte Spuren mit neuer Technik vielleicht besser aus-, Aussagen von Zeugen im Rückblick anders bewerten? Manchmal, sagt Müller, müsse man nur eine Hypothese aus den Ermittlungen herausnehmen und man komme zu ganz neuen Theorien.

„Wir werden immer sicherer, in dem was wir machen.“

Ob er eine Zwischenbilanz ziehen kann nach einem Jahr? Na ja, sagt Müller. In fünf Fällen habe man sich entschieden, wieder Ermittlungen aufzunehmen. Welche Fälle das sind, sagt er natürlich nicht. „Aber man sieht schon, dass das Werkzeug funktioniert.“ Von Mal zu Mal offenbar sogar besser: „Wir werden immer sicherer, in dem was wir machen.“

Hunderte gelöste Altfälle über Nacht sind dennoch nicht zu erwarten. Müller spricht von Geduld und langem Atem und vergleicht sich dann mit einem Gärtner, der den hochgewachsenen Rasen abmäht und warten muss, bis wieder etwas nachgewachsen ist.

Oder bis sein Werkzeug besser geworden ist, damit er mehr mähen kann. Immer bessere Technik, glaubt der Chef-Profiler, werde dabei helfen, viele Cold Cases zu lösen. Haar- und Herkunftsanalyse oder Blutuntersuchungen - „in vielen Bereichen“, sagt Müller, „stehen wir eigentlich noch ganz am Anfang“.

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