Türken im Ruhrgebiet

Türkische "Heimatliebe": Ja zueinander, Jein zum Referendum

Dilek ist contra, Emre pro Erdogan, aber sie lieben sich trotzdem. Hier sind die Gelsenkirchener auf Brautmodenschau in Duisburg-Marxloh.

Foto: Lars Heidrich

Dilek ist contra, Emre pro Erdogan, aber sie lieben sich trotzdem. Hier sind die Gelsenkirchener auf Brautmodenschau in Duisburg-Marxloh. Foto: Lars Heidrich

Ruhrgebiet.   Dilek (26) und Emre (22) sind wie viele junge Türken im Ruhrgebiet: Hier geboren, aber von einer großen Liebe zu einer fremden „Heimat“ geprägt.

Baha hat schon wieder „wir“ gesagt. Sie meint die Türken, dabei ist Baha in Deutschland geboren, lebt in Gelsenkirchen und studiert in Paderborn. Warum also „wir“? So richtig erklären kann die 25-Jährige das nicht, andere wissen es schon: Hava aus Dortmund sagt, „ich weiß doch, wo ich hingehöre“. Emre spricht vom „Zusammenhalt“, Dilek von der „Heimatliebe“, und überhaupt: Viele junge Deutsche mit türkischen Wurzeln reden von „Heimat“, wenn sie das Land ihrer Eltern meinen.

Und wer so redet, meint oft zugleich: Evet. Ja also zum Referendum, ja zu Erdogan.

„Zufrieden“ ist der junge Mann in Marxloh mit dem Ergebnis: „Erdogan macht alles richtig. Er kämpft für unser Land.“ Mehr will er nicht sagen, mehr muss er auch nicht. Nur so viel, ergänzt seine Freundin unter ihrem Kopftuch: „Wir sind deutsch.“ Wie bitte? Eine Straße weiter kann Ali es nicht glauben. „Geht, geht doch!“, sagt der 34-Jährige traurig, er ist Türke, er hat sein Kreuz bei „Hayir, nein“ gemacht, weil „Deutschland gut ist, demokratisch, super“. Die Türken in Deutschland aber seien das alles nicht, sagt Ali: „Die mögen keine Christen, aber das Weihnachtsgeld nehmen sie.“ Für den Familienvater ist Erdogan schon jetzt ein Diktator, für seine Nachbarn gegenüber ein Held. Ali zieht den Kopf ein, er glaubt, dass sein „Nein“ „gestohlen“ worden ist.

„Eine schöne Entscheidung“

Ali, so scheint es, ist im Ruhrgebiet mit seiner Meinung ziemlich allein. Drei Viertel der hier Berechtigten haben im Dortmunder Wahllokal mit „Ja“ gestimmt, überraschend kam das nicht: Schon als Erdogan 2015 selbst zur Wahl stand, waren die Wähler in Deutschland eine sichere Bank. Das Ergebnis jetzt ist, „was wir erwartet haben“, sagt eine 22-jährige Studentin in Duisburg, es sei „eine schöne Entscheidung“.

Eine, die durchaus von einem politischen Pragmatismus getrieben ist. Baha zum Beispiel sagt, sie sehe das Präsidialsystem am Bosporus ja durchaus kritisch – „aber einer muss da mal mit der Hand auf den Tisch hauen“. Erdogan mache das recht gut, die Türkei brauche das: „Um erstmal alles unter Kontrolle zu kriegen.“ Später, glaubt Baha, könnten die Türken immer noch „demokratisch handeln“.


Emre und Dilek könnten damit ein Problem haben, aber sie lachen es gerade glücklich weg. Gerade haben sie geheiratet, der gelernte Prediger aus Gelsenkirchen, 22, und die kaufmännische Angestellte, 26. Nur über die Türkei sind sie sich nicht einig. Emre ist „dafür, dass Erdogan sich die Macht gibt“. Sonst komme nach dem Putsch „alles durcheinander“. Dilek ist „ein demokratischer Mensch“, sie würde lieber „Meinungen sammeln und das Beste davon nehmen“. Dass demnächst „einer diktiert und andere müssen es hinnehmen“, geht für Dilek gar nicht. Sie hätten abstimmen können, einer so und einer so. Sie haben es nicht getan. Dass so viele andere es taten, schieben sie auf ihre Herkunft: „Das liegt in der türkischen Kultur.“ Zusammenhalt, Heimatliebe, Familie – viele haben gewählt, wie es die Männer in der Familie vormachten, Väter, Großväter, Onkel.

Der 47-Jährige in Duisburg war vielleicht so ein Vorbild. Er sagt: „Das türkische Volk weiß, was Erdogan will.“ In Deutschland dagegen arbeiteten zu viele Parteien gegeneinander, „da kann man nichts erreichen“. Und zur Sache mit der Meinungsfreiheit: Der Mann mag ja auch in Marxloh, Duisburg, Deutschland seinen Namen nicht nennen. Was würde sein Arbeitgeber sagen, wenn er sich öffentlich politisch äußerte – „und dann noch für Erdogan“!?

Gegen die deutsche Identität

Im Netz frohlockt derweil die Seite „Wir haben Erdogan“: „Die Tür zum EU-Beitritt ist zu!“ Kommentiert Aylin: „Das freut uns.“ Und Hatice: „Der Westen ist unzufrieden, läuft also alles richtig.“ Beide sind junge Frauen. Und auch das notiert die Seite: „Wenn man nach 50 Jahren immer noch von ,Türke mit deutschem Pass’ spricht, braucht man sich nicht zu wundern, weshalb man sich gegen die deutsche Identität entscheidet.“

Dabei sagt Kocak Salih, 48, in Witten, die Wahl habe gar nichts mit Integration zu tun. „Da hat einfach das Gute gewonnen.“

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