Nahverkehr

Trend kommt nach Deutschland: Seilbahn statt Straßenbahn

Bis zu 35 Passagiere sollen in eine Gondel passen.

Bis zu 35 Passagiere sollen in eine Gondel passen.

Ruhrgebiet/Wuppertal.   Wuppertal sucht nach neuen Wegen im Nahverkehr. Auch in anderen NRW-Städten gibt es Überlegungen für Kurztrips durch die Luft. Und Widerstand.

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Es ist nur die Vorlage 2025/17, doch wenn der Rat ihr am nächsten Montag zustimmt, wird es eng im Luftraum über Wuppertal. Denn dann gesellt sich zur Schwebebahn auch noch eine Seilbahn: Drei Kilometer lang, soll sie 165 Meter Höhenunterschied zwischen Hauptbahnhof und Universität überwinden, 7000 Menschen stündlich transportieren und überfüllte Busse in engen Straßen entlasten.

Es ist ein neuer Höhepunkt im offensichtlichen Bemühen der Stadt Wuppertal, ihrer mühseligen Bergauf-Bergab-Topographie zu entkommen, indem sie abhebt.

Gedankenspiele und Machbarkeitsstudien

Es ist aber noch viel mehr: Da entstünde die erste Seilbahn in Deutschland, die nicht touristisch bedingt ist, sondern Teil des Nahverkehrs. International liegt das sowieso im Trend – und auch in NRW sind einschlägige Vorhaben unterwegs. Über Gedankenspiele und Machbarkeitsstudien.

Die Wählergemeinschaft „Stadtgestalter“ in Bochum erhebt schon qua Namen einen gewissen Anspruch, aber dass sie gleich als erstes mit einer Seilbahn kommen musste! „Sie brauchen sechs Stützen, sechs Fundamente, zwei oder drei Stationen und 12 bis 18 Monate“, sagt Ratsherr Volker Steude. Seilbahnen seien „sehr effizient, verkehrsunabhängig und haben keine Wartezeiten“.

„Lasst die Finger von den Drogen“

Seit drei Jahren steht der Vorschlag viel belächelt im Raum: „Lasst die Finger von den Drogen“, schreibt jemand bei Facebook. Doch die Hängepartie scheint vorbei, seit auch die Ruhr-Uni das Wort „Seilbahn“ ausspricht.

Sie sucht nämlich eine schnelle Verbindung zwischen dem Campus, dem alten Opel-Gelände, auf dem sie sich ausdehnen will, und dem Bahnhof Langendreer-West, wo viele Studenten ankommen. Eine Seilbahn, sagt die Prorektorin und Geografin Uta Hohn, sei „ein moderner, innovativer Verkehrsträger, eine ökologische Variante, die weltweit in Metropolen eingesetzt wird“. Demnächst wird eine Studie alle öffentlichen Verkehrsmittel vergleichen, die für die Strecke infrage kommen.

Der Karlsruher Geograf Max Reichenbach kann Metropolen mit neuen Seilbahnen mühelos aufzählen: „Portland, Singapur, Rio, London, Ankara, Istanbul, La Paz, Brest . . .“

Eine direkte Verbindung über Hindernisse

Der 30-Jährige war am Forschungsprojekt „Praxis urbaner Luftseilbahnen“ beteiligt und hält sie durchaus für „eine Option im städtischen Verkehr: Sie sind eine direkte Verbindung über Hindernisse hinweg.“ Ihr geringer Platzbedarf passe gut in dicht bebaute Gegenden. Womit wir ganz mühelos zurück wären in NRW.

In Bonn hat eine Studie ergeben, dass eine Seilbahn von der Museumsmeile zur Uni-Klinik auf dem Venusberg machbar ist. Mit mehreren Diskussionsabenden setze Bonn auf eine „frühe Beteiligung der Bürger“, so ein Sprecher.

Busbetrieb soll eingeschränkt werden

Denn sie sind keineswegs alle einverstanden. Die Seilbahn sei „nicht wirtschaftlich“, sagen sie – und auf dem Venusberg gebe es auch kein Stauproblem. Dazu kommt die Befürchtung vieler, man gucke ihnen künftig von oben in die Wohnung, in den Garten, in den Balkon. In Wuppertal wird vor allem kritisiert, dass der Busbetrieb eingeschränkt wird, wenn die Seilbahn kommt.

Pläne gibt es in Düsseldorf, um Pendler aus den östlichen Vororten besser in die Innenstadt zu bringen. In Gladbeck ranken sich Vorstellungen von einer (touristischen) Seilbahn um die Braucker Alpen, eine Haldenlandschaft, die verknüpft werden soll.

Vorschlag „Sky-Lore“

In Hagen-Wehringhausen ist das Wort auch schon gefallen. Die besten Argumente standen in der „Westfalenpost“: „Wehringhausen ist steil, und die Leute werden älter.“

Bis es soweit ist, kann man sich auf der Facebook-Seite der Bochumer „Stadtgestalter“ schon mal die schönsten Namen anschauen: „Drahtseilbahn“ steht da recht schmucklos, aber auch „Telephérique“ oder „Cable-Aereo“. Und eine Ruhrgebietsvariante gibt es dort auch: „Sky-Lore“.

INFO: SEILE AUS DRAHT

Bahn in Wuppertal soll eine Dreiseil-Umlaufbahn werden. Dabei werden die Gondeln von einem endlosen Zugseil gezogen und rollen zusätzlich auf zwei Tragseilen.


Die Seile bestehen aus einzelnen, geflochtenen Stahldrähten. Sie sind eingebettet in Kunststoff, damit sie nicht aneinander reiben.

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