Armut

Tafel-Chef schreibt Buch über Armut: Was sich ändern muss!

Die Kunden werden immer mehr: hier Besucher der Tafel Oberhausen im Kirchenschiff der Kirche der Heiligen Familie in Oberhausen.

Die Kunden werden immer mehr: hier Besucher der Tafel Oberhausen im Kirchenschiff der Kirche der Heiligen Familie in Oberhausen.

Foto: Kai Kitschenberg / Funke Foto Services

Essen.  Der Vorsitzende der Tafeln, Jochen Brühl, hat ein Buch geschrieben: über Armut, Verschwendung und darüber, was sich in Deutschland ändern muss.

„Worum es geht?“, fragt der Autor selbst in dicken orangefarbenen Lettern über dem ersten Kapitel seines Buches. Es ist eine Gesprächssammlung, die Jochen Brühl vorgelegt hat, sie heißt „Volle Tonne, leere Teller“, und das Thema ist die Tafel, was nahe liegt beim Bundesvorsitzenden der Deutschen Tafeln. Worum es also geht? Brühls Antwort: „Um alles!“

Kürzlich erst stand Jochen Brühl aus Essen wieder in der Zeitung, er steht viel in der Zeitung, weil Armut in Deutschland ein großes Thema ist. Diesmal sagte er, der Staat müsse die Tafeln unterstützen, wenn er will dass sie noch mehr tun als jetzt schon: 60.000 Helfer, die an 2000 Ausgabestellen jährlich 264.000 Tonnen Lebensmittel an 1,65 Millionen bedürftige Menschen verteilen, und es werden immer mehr! „Man kann“, sagte Brühl, „eine Ehrenamtsorganisation mit dieser Aufgabe nicht allein lassen!“

„Für 25 Jahre Tafel in Deutschland gibt es doch einen Grund“!

Seine Meinung ist also gefragt, aber diesmal fragt er andere nach ihrer. „Ich wollte mal zuhören“, sagt der 53-Jährige, wollte wissen, was Menschen denken über die Arbeit der Tafeln, über Armut, über Gerechtigkeit, über Verschwendung. Dabei ist es nicht so, als würde er selbst zweifeln. Brühl ist der Typ Macher, „aufmerksam machen und MACHEN“, sagt er häufig. Schließlich: „Für 25 Jahre Tafel in Deutschland gibt es doch einen Grund!“ Wobei, es sind zwei: „Erstens, dass wir unglaublich viel wegschmeißen und zweitens ist es doch eine Mahnung, was zu verändern!“

Der studierte Sozialarbeiter hat vor 20 Jahren selbst eine Tafel mitgegründet, eine von fast 1000, die es heute gibt. Inzwischen steht er ihnen allen vor und weiß doch genau: „Tafeln sind nicht die Lösung für Armut oder Lebensmittelverschwendung.“ Aber „sie lindern Probleme, bekämpfen die Folgen“. Brühl mag nicht, wenn Leute nur schimpfen, er nennt das „Entrüstungspopulismus“. Er findet: „Wenn viele wenig machen, passiert was in diesem Land.“

Ruhrbischof: Ruhrgebiet wird gesehen als „eine Art deutscher Pflegefall“

Aber halt, es soll ja gar nicht um Jochen Brühl gehen in diesem Buch. Wobei er seine Meinung elegant einpflegt, wenn er die anderen nach ihrer fragt: Unternehmer, Schauspieler, Kirchenleute. Mit Irmgard Schwaetzer spricht er, FDP-Bundesministerin a.D., die ihm sagt, dass es für Armut „nie Lösungen“ geben wird und dass Politiker besser zuhören müssen. Mit Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der bedauert, dass das Ruhrgebiet schlecht geredet werde, es aber auch „eine Art deutscher Pflegefall“ nennt. Der die Tafeln lobt, weil sie „mitten in der Gesellschaft“ helfen.

Er redet mit Sabine Werth, die die Tafel erfand, mit Henriette Egler, die sie nutzen muss. Mit dem Schauspieler Hannes Jaenicke, von dessen Radikalität man weiß, und mit dem Ex-Manager Thomas Middelhoff, dessen neue Bescheidenheit und Erdung auch Brühl nicht so einfach glauben kann. Mit dem Linken Ulrich Schneider über Würde, Haltung und Moral sowie mit der Pharma-Erbin und „Weltverbesserin“ Paula Schwarz, die lange gegen den eigenen Reichtum rebellierte und heute sagt: „Das Problem ist, dass die Leute immer glauben, dass sie noch mehr brauchen.“

„Großer Player“ beim Kampf gegen die Lebensmittel-Verschwendung

Er unterhält sich mit Moderator Jörg Pilawa, der findet, als Gutverdiener müsse man ein Teil seines Einkommens für soziale Zwecke einsetzen. Und mit SPD-Frau Barbara Hendricks, die auch mal Ministerin war und die Tafel für „eine der großen sozial-ökologischen Bewegungen“ hält. Weil sie Umweltschutz mit Armutsbekämpfung verbinde. Das sagt ja auch Jochen Brühl: Es geht nicht nur um Essen für Arme, es geht schon lange darum, Lebensmittel zu retten. Für ihn sind die Tafeln „ein großer Player“ beim Kampf gegen die Verschwendung.

Das vielleicht überraschendste Gespräch ist das mit dem Star-Koch Tim Raue. Der aus seiner Kindheit um die Demütigung weiß, Hunger zu haben. Der sagt: „Das Hungergefühl bin ich nie losgeworden“, und zugibt, zuhause Lebensmittel zu horten, weil auch die Angst vor dem Hunger ihn nie verließ. Und doch hat keiner der Gesprächspartner Jochen Brühl ohne Hoffnung zurückgelassen. Hoffnung, dass sich alles zum Besseren wendet. Möglich, dass der Tafelvorsitzende, frisch ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, genau diese Hoffnung bei seinen Zugfahrten durch Deutschland gesucht hat.

Plädoyer für das Ehrenamt

Es ist ein Debattenbuch geworden, zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für das Ehrenamt. Aber letztlich hat Brühl etwas gemacht, was er gern tut: Er hat Geschichten gesammelt. Weil sie ihn stärken. Wie die von der Frau, die zur Tafel kommt, weil sie dort jemand beim Namen nennt. Brühl liebt diese Geschichten, weil sie zeigen: Die Tafeln teilen nicht nur Essen aus.

>>INFO: DAS BUCH VON BRÜHL

Jochen Brühl: „Volle Tonne, leere Teller. Was sich ändern muss. Gespräche über Armut, Verschwendung, Gerechtigkeit und notwendiges Engagement.“ Mit Fotos von Reiner Pfisterer und vielen Tipps für die Lebensmittel-Rettung. Adeo-Verlag, 240 Seiten, 22 Euro. Ein Euro aus dem Verkauf geht als Spende an die Tafel Deutschland.

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