Kurden-Demo

Steinwürfe und Provokation: Warum kurdische Demos eskalieren

Da war es noch friedlich auf dem Pferdemarkt: Kurdische Demonstranten.

Da war es noch friedlich auf dem Pferdemarkt: Kurdische Demonstranten.

Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Bottrop/Lüdenscheid.  Der Hass ist nicht erst seit dem Einmarsch in Syrien groß. Kurdische Aktivisten sehen sich konfrontiert mit Drohungen und Denunziation.

Der Pferdemarkt ist das Tor zu Bottrops ruhiger Innenstadt, doch am Mittwoch fliegen hier die Steine. In Lüdenscheid wird zeitgleich ein Mann in den Rücken gestochen. Mit den Prügeleien von Montag in Herne und Bielefeld ist es die vierte Demonstration in NRW gegen den türkischen Angriff auf das kurdische Nordsyrien, die in dieser Woche in Gewalt endet.

Für die rund 200 Kurden in Bottrop geht es um Leben und Tod, auch von Angehörigen. Auf dem Pferdemarkt rufen sie am Mittwochabend „Erdogan – Kindermörder“, viele Familien sind unter den Demonstranten. Jenseits der Osterfelder Straße versammeln sich vorwiegend junge türkische Männer. Sie schwenken Flaggen mit dem Porträt Erdogans, ihre Schmährufe werden lauter, ihre Menge wächst, bis sie in der Mehrheit sind. Über die Köpfe formen einige das Zeichen der rechtsextremen Gruppe „Graue Wölfe“.

Ein Graben geht durch Bottrop

Wie ein Graben liegt die Straße zwischen den Lagern, im Laufschritt eilt eine Hundertschaft dazwischen, Mannschafts- und Streifenwagen fahren auf zu einem Wall. Die Kundgebung ist schon vorbei, da greift sich ein Polizist ins Gesicht, tastet seine Schläfe ab, die Wange unter dem Auge ist rot. Immer wieder fliegen nun Steine, Schirme, Dosen. Kollegen führen den Polizisten in Deckung. Acht Menschen werden verletzt, darunter fünf Polizisten, einer muss ins Krankenhaus. Die ersten Steine, sagt eine Polizeisprecherin am Donnerstag, seien von türkischer Seite geworfen worden.

Das müssen Sie gelesen haben Etwa zeitgleich kommt es am Mittwochabend im sauerländischen Lüdenscheid zu einer Prügelei, als 30 Türken ihre Nationalflagge vor einer Mahnwache schwenken. Einige der 200 Kurden gehen auf sie los, ein Deutscher türkischer Herkunft (50) bekommt einen Messerstich in den Rücken. „Noch nie in meinem Leben ist mir ein solcher Hass begegnet“, sagt Jupp Filippek; der Linken-Politiker hat die Demo angemeldet. „Ja, ich habe die Sorge, dass der Konflikt jetzt richtig eskaliert, dass die Verrohung und der Hass stetig zunehmen.“ Der Hass sei nicht plötzlich entstanden, sagt Filippek. „Er scheint sehr tief verankert zu sein.“

Tatsächlich spitzt sich der Jahrzehnte währende Konflikt seit Januar 2018 zu, als die Türkei im syrisch-kurdischen Afrin einmarschierte. Damals flogen zum Beispiel Molotowcocktails auf türkische Geschäfte bei Hannover. Doch auch jenseits der öffentlich sichtbaren Eskalation vergiftet sich die Atmosphäre.

Sexistische Beleidigungen im Vorbeigehen

„Man kennt mich an der Uni wegen meines politischen Engagements“, sagt die Studentin Elif C. Sie spricht am Mittwoch bei einer kurdischen Mahnwache in Dortmund, hier bleibt es wie auch in Bochum friedlich. „Im Vorbeigehen bekomme ich böse Blicke und Beleidigungen … soll ich sie wirklich wiederholen? … Da kommt alles, was es an sexistischem Inhalt gibt. Aber das sind verzweifelte Versuche von Faschisten, die an uns abprallen.“

Auch fotografiert wird Elif C. , sagt sie, auf Demos und auf der Straße. Vor etwas über einem Jahr brachte die türkische Polizei die Denunzianten-App „EGM Mobil“ in Umlauf. Damit kann man kritische Facebook-Beiträge melden oder politische Gegner. In Apples „App Store“ ist sie unter „Lifestyle“ einsortiert. Nach solchen Fotos werde auch gedroht, sagt Elif C.: „Dann kriegst du eine Nachricht von einem gefälschten Account: Versuch Du noch mal, in die Türkei einzureisen.“

Dies bestätigt Mehmet Tanriverdi, Ehrenvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. „Das ist gängige Praxis. Wir haben schon oft solche Anrufe oder Mails bekommen.“ In den sozialen Medien werde dazu angestachelt, Kurdendemos zu stören, sagt Tanriverdi. Die Kurdische Gemeinde rufe zur Mäßigung auf. Man dürfe sich nicht provozieren lassen. Die Polizei müsse aber die Demos besser schützen.

Selbst der Ayran wird politisch

Etwa die Hälfte der 400.000 Kurden in NRW stammt aus der Türkei. Und trotz aller Feindschaft gibt es auch viele Freundschaften: Aber derzeit funktioniert das Miteinander im Fußballverein, in der Teestube oder in der Gemeinde nur, indem man das Thema Politik bewusst ausblendet. Der Riss geht immer tiefer, bis ins Kleinste. Als er am Mittwoch essen war, berichtet Tanriverdi, servierte der Wirt Ayran – „ein kurdischer Bauerntrunk, von einer türkischen Firma vermarktet“. Er fragte nach einer Alternative.

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