Besucherbergwerk

So fühlt sich das neue Erlebnisbergwerk des Ruhrgebiets an

Auch die Dieselkatze fährt noch: Andreas Penczek und Marco Graf führen Besucher ehrenamtlich.

Auch die Dieselkatze fährt noch: Andreas Penczek und Marco Graf führen Besucher ehrenamtlich.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Recklinghausen.  Es staubt, es riecht nach Unter Tage – und die Maschinen funktionieren: Das Erlebnisbergwerk Recklinghausen hat Potenzial zum Besuchermagneten.

Das Ruhrgebiet hat nun ein Besucherbergwerk. Eines mit Staub und Gerödel und arbeitende Maschinen, muss man sagen. Denn es gibt ja schon das Anschauungsbergwerk im Bochumer Bergbaumuseum, das allerdings als Ausstellung daherkommt, sehr gut gemacht, aber aufgeräumt und sauber. In Recklinghausen dagegen, im Schatten der Halde Hoheward, haben bis zum Juni echte Bergleute geübt, wie man Hobel und Walze repariert – und alles, was ein funktionierendes Bergwerk eben braucht. Dazu gehört natürlich ein Aufzug, den der Besucher allerdings nicht braucht. Er fährt zu Fuß ein.

Denn das ehemalige Trainingsbergwerk der RAG – das am Dienstag als „Erlebnisbergwerk“ vorgestellt wurde – liegt nur maximal 17 Meter unter Tage. Der Zugang ist schlicht ein Tor in einem Hang. Genauer: in einer Abraumhalde. Es gibt zwar ein „echtes“ Bergwerk in der Teufe, doch Clerget (bekannt als „Klärchen“, später in Recklinghausen II umbenannt) hat nur bis 1974 gefördert und ist längst verfüllt. Was Besucher heute sehen, ist im Zweiten Weltkrieg entstanden, als Bergleute einen U-förmigen Bunker in der Halde anlegten. Den haben die Auszubildenden der Ruhrkohle AG ab 1972 zum Trainingsbergwerk ausgebaut. Sogar das Gestein hinter dem - funktionierenden – Walzenschrämlader – haben sie schwarz angemalt.

Ein letzter Teil von Klärchen bleibt erhalten

Mit dem Ende der Steinkohleförderung endet auch die Ausbildung zum Bergmann. In den letzten Jahren gab es in Recklinghausen ohnehin nur noch Fortbildungen. Und noch zwei, drei Jahre lang wird die Grubenwehr der RAG zu den Kunden zählen, noch wird schließlich rückgebaut. Dieser letzte Teil von „Klärchen“ wäre also ebenfalls bald verfüllt worden, hätte sich Klaus Gülzau nicht so sehr für den Erhalt eingesetzt. Der Personaldirektor der RAG leitet auch den Verein der Ehrenamtlichen, die die Führungen anbieten, die die Maschinen warten, die oben die Hecke schneiden und sich ums Marketing kümmern – ohne einen Cent zu verdienen.

„Die Identifikation mit dem Bergbau ist hoch“, erklärt Gülzau die Motivation. „Und das soziale Netz ist weggefallen. Hier habe ich die Möglichkeit, das fortzuführen.“ Hinzu kommt, um es mit Recklinghausens Bürgermeister Christoph Tesche zu sagen: „Das Bergwerk über Jahrzehnte zu erhalten, das sind wir dem Kumpel am Ende schuldig.“ Zunächst allerdings läuft der Besucherbetrieb auf Probe für drei Jahre.

Nach eineinhalb Jahren Vorbereitung hat der Regionalverband Ruhr (RVR) das Bergwerk für symbolische zwei Euro gekauft – einen für den Berg, den anderen für die Maschinen. Die RAG hat den Verein bezuschusst und 3,6 Millionen Euro hinterlegt für den Fall des Rückbaus, erklärt die RVR-Beigeordnete Nina Frense. Und die Stadt Recklinghausen springt mit maximal 40.000 Euro pro Jahr ein, falls der „Verein Trainingsbergwerk“ sich nicht tragen sollte. Wovon Klaus Gülzau nicht ausgeht. Da sind zum einen die Grubenwehrschulungen, die Einnahmen bringen. Zum anderen werden ja schon jährlich rund 7000 Besucher durch die Strecken geführt – „ohne Werbung“, sagt er. Ihre Zahl soll zunächst auf 10.000 steigen.

Tatsächlich will Gülzau sogar eine neue Strecke fahren lassen: Ein Durchbruch von 18 Metern, damit aus dem U ein Kreis wird. Dann noch ein paar Gleise und fertig ist die Gruben-Eisenbahn als besondere Attraktion für Besucher.

Der nächste Besuchermagnet?

„Ich bin mir sicher, dass sich dieser mit allen Sinnen erlebbare Erinnerungsort zum touristischen Besuchermagneten der Metropole Ruhr entwickelt“, sagt RVR-Chefin Karola Geiß-Netthöfel am Dienstag. Auch RAG-Chef Peter Schrimpf ist zur Vorstellung des Projekts gekommen. Und natürlich haben RVR und RAG zuvor mit dem Bergbaumuseum in Bochum gesprochen. Man verstehe sich nicht als Konkurrenz und denke über Kooperationen nach, betont Gülzau. Tatsächlich komplettiert „Klärchen“ das industriekulturelle Angebot im Revier: Bochum bietet Anschauung und Ausstellung, Zollverein die oberiridische Ästhetik und Recklinghausen die sinnliche Erfahrung.

„Es sieht hier genauso aus, wie in Erkenschwick, wo ich gearbeitet habe“, sagt der ehemalige Bergmann Friedhelm Baumgarten. Er führt nun Besucher auf Zollverein. „Die fragen alle, wo kann man noch Unter Tage erleben kann.“ Bisher musste er an Bochum verweisen. „Hier ist es schöner“, sagt er, „wirklichkeitsgetreuer“, korrigiert er sich. Tatsächlich fehlt zum Unter-Tage-Gefühl hauptsächlich die Hitze der Tiefe. In Recklinghausen dagegen ist es im Sommer angenehm kühl.

Auch sind die Strecken besser beleuchtet, es soll ja keiner fallen (und falls doch sind alle Führer als Notfallhelfer ausgebildet). Zwischen den verschiedenen zwei- bis dreistündigen Führungen findet sich aber auch eine im Dunkeln, nur mit dem Licht der Kopflampe. Die übliche schwere Ausrüstung braucht man auch nicht. Ein Mantel und ein Helm genügen, denn der Staubgehalt in der Luft hält sich in Grenzen, die Schuhe allerdings werden definitiv schmutzig. Und es riecht sogar nach … „U-Bahn“? Nein, nein, nein. Das sagt zwar einer der Rundgänger am Dienstag als Beschreibung. Aber der echte Duft eines Bergwerks ist natürlich unvergleichlich.

>> Info: Drei Führungen im Angebot

Noch lautet die Infoseite: trainingsbergwerk.de. Touren kann man buchen unter 02361/3038910.

Die Schnupperführung dauert zwei Stunden und kosten neun Euro, für Kinder fünf. Die aufwendigere und etwas längere Erlebnisführung (samt bergmännischer Verkostung) im Dunkeln kostet 18/13 Euro. Bei einer Aktivführung von drei Stunden muss man selbst ein wenig malochen: 14/9 Euro.

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