Medizinkabarett

Show: Warum Schwester Jaqueline gegen drei Ärzte gewinnt

Geschichten aus dem Klinik-Alltag: die Gesundheits- und Krankenpflegerin Jaqueline Naudszus.

Geschichten aus dem Klinik-Alltag: die Gesundheits- und Krankenpflegerin Jaqueline Naudszus.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Das Klinikum Dortmund lud erstmals zum „Doc Slam“: Drei Ärzte und eine Krankenschwester machen Kabarett, ein Anästhesist erzählt „viel Scheiße“.

Doc Slam ist, wenn drei Doktoren sich duellieren, und am Ende gewinnt die Krankenschwester. Das klingt nicht nur sprachlich schräg, so war der Abend auch: In Dortmund trafen sich am Mittwoch zwei Anästhesisten, ein Klinikdirektor und eine Pflegerin „on stage“ statt auf Station. Es ging um verbotene Erdbeeren, unheilbare Krankheiten und Stuhlgang – und war trotzdem ziemlich lustig.

Neue Sachen ausprobieren, das kann das Klinikum Dortmund, und nicht nur in der Wissenschaft. Sie hatten schon die Krankenschwester, die auf rollenden Patientenbetten Spagat macht, und neulich dieses Tiktok-Ding, in dem alle sich im Takt die Hände desinfizieren. „Nicht nach dem Sinn fragen“, mahnt Unternehmenssprecher Marc Raschke, „wir versuchen uns häufig in neuen Sphären.“ Aber natürlich steckt die Idee dahinter, gute Werbung zu machen für das Krankenhaus.

Mediziner tauschen die Spritze gegen das Mikrofon

Beide Filme, soviel sei gesagt, gingen viral, und das tut der „Doc Slam“ – ganz real statt virtuell – an diesem Abend auch. Stühle müssen die Leute schleppen und noch mehr Stühle, dass im Theater Fletch Bizzel nur mühsam die Fluchtwege zu halten sind. Aber es sitzen ja genug Rettungskräfte im Saal. Vor allem Krankenschwestern, aber dazu später.

Den „Doc Slam“ gibt es in der Region zum ersten Mal und deutschlandweit erst zum zweiten. Raschke hat ihn sich in Hamburg abgeguckt und bei den vielen Wettbewerben für Wissenschaftler und Poeten, die als „Slam“ auf den Bühnen derzeit gefragt sind. Vier Klinik-Angestellte hat er gefunden, die auch als Rampensäue taugen sollen und für einen Abend „Spritze gegen Mikrofon“ tauschen, so heißt es im Programm.

Herr Fieber über Aristoteles: Das Hirn ist zum Kühlen des Herzens da

Da ist also der Oberarzt Frank Fieber, nomen est omen, der mit diesem T-Shirt auftritt: „Anästhesist – weil auch Chirurgen Helden brauchen“, es spannt etwas über dem Bauch. Fieber erzählt von der Evolution des Arztes: von den alten Ägyptern, die „für jede Körperöffnung einen eigenen Arzt“ hatten und den alten Griechen, die bereits Studien gefälscht haben sollen.

Zitterrochen gegen Kopfschmerzen

Von Aristoteles, der glaubte, das Hirn sei zum Kühlen des Herzens da, und von Hippokrates, in dessen Eid Mediziner unter anderem schwören, die Finger vom Blasenstein zu lassen. Von Tränken des Vergessens, von Zitterrochen gegen Kopfschmerzen und von Hildegard von Bingen, die die Erdbeere zur verbotenen Frucht erklärte: weil die, pfui, aussieht wie eine weibliche Brust.

Youtube-Video KlinikumDo

Da ist danach der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Dr. Dominik Schneider, der mit „Jürgen-Klopp-steh-mir bei“-Mütze und vielen Spieler-Zitaten hinterfragt, ob Fußball schlau macht. Was nicht nur physio- und psychologisch mit Medizin zu tun hat, sondern auch beim Verhältnis Spiel zu Berichterstattung („Durchfall“) und bei Sinnsprüchen wie dem von Loddar: „Hab gleich gemerkt, dass es ein Druckschmerz ist, wenn man draufdrückt.“

Arzt: Mit „Super-Stuhl“ ist gutes Geld zu verdienen

Und dann ist da noch Dr. Thomas Wehrmann, Facharzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und postoperative Schmerztherapie (!), der sehr entspannt Scheiße erzählt (hat er selbst so angekündigt) und dabei nur zweimal „Scheiße“ sagt. Wobei der Zuschauer lernt, dass er mehr Mikroorganismen im Darm hat als Nervenzellen insgesamt und dass mit „Super-Stuhl“ gutes Geld zu verdienen sei: Kot fürs Konto.

Das Los macht, dass zum guten Schluss die einzige Frau auf die Bühne kommt, die einzige Nicht-Akademikerin, die einzige, die für ihren Vortrag keine Power-Point-Präsentation braucht, sondern nur ein paar gefaltete Blatt Papier: Jaqueline Naudszus, Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Unfallklinik. Sie liest schnell, man versteht nicht jedes Wort, aber sehr gut, was sie sagen will.

Angehörige bringen Schwester Jaqueline an den Rand des perfektes Mordes

Ihr Thema sind „Aggressive Angehörige“, solche, die wochenends einen Arzt verlangen, die das Pillendöschen am Bett voller Drogen wähnen und für die Patientin mit gebrochener Hand nach der Bettpfanne verlangen. Das ist der Alltag auf der Station und Schwester Jaqueline „am Rande des perfekten Mordes“. Aber besser verteilt sie Beschwerdekarten.

Das Publikum tobt, es brüllt vor Lachen, und nicht erst, als es Punkte vergibt, wird klar, dass die Männer/Mediziner keine Chance haben: Alles voller Krankenschwestern hier! Jaqueline Naudszus bekommt die Sieger-Trophäe, die drei Doktoren applaudieren, und für nächstes Jahr erfindet die Klinik dann den Sister Slam. Vielleicht.

>>INFO: DAS KLINIKUM DORTMUND

Zum zweiten Mal nach 2017 hat das Klinikum Dortmund in diesem Jahr den „Goldenen Apfel“ für seine Kommunikationsarbeit erhalten. Die Auszeichnung des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher (BdP) gab es in der Kategorie „Low Budget“, in der Originalität und Kreativität entscheiden.

Ein Beispiel für ungewöhnliche Ideen aus Dortmund ist der Film, der 2017 für eine Bewerbung zum Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) anregen sollte. Darin macht eine Krankenschwester einen Spagat auf rollenden Krankenhausbetten.

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