Handyverbot

Schüler nicht glücklich mit Handyverbot an Essener Gymnasium

Private WhatsApp-Gespräche wie dieses will das Essener Gymnasium durch ein Handyverbot verhindern.

Private WhatsApp-Gespräche wie dieses will das Essener Gymnasium durch ein Handyverbot verhindern.

Foto: skynesher

Essen.   Die Schüler des Helmholtz-Gymnasiums in Essen müssen auf ihre Handys verzichten – und das nicht nur im Unterricht. Dies stößt auf Kritik.

Ein schrilles Klingeln, Hunderte Schüler stürzen auf den Schulhof. Ein Mädchen stürmt das Klettergerüst, winkt seiner Freundin zu, drei Jungs versuchen einander zu fangen. Die Großen quatschen lieber. Das Bild einer Schulpause aus vergangenen Zeiten – aus Zeiten, in denen es noch keine Handys gab. Aus Zeiten, in denen noch die „echten Freunde“ im Fokus standen und nicht nur die „Freunde“ im Smartphone. Doch genau so sieht es heute am Essener Helmholtz-Gymnasium aus. An der Schule herrscht Handyverbot – und zwar ein rigoroses.

„Das Verbot umfasst nicht nur Handys. Auch Kopfhörer, Tablets und andere elektronische Geräte sind hier verboten“, sagt Direktor Rainer Severin. Bereits seit zwei Jahren setzt das Gymnasium das strikte Verbot durch. Ausnahmen gibt es nur, wenn ein Lehrer das Handy zur Recherche im Unterricht freigibt. Wer sich nicht daran hält, kann gemeinsam mit den Eltern das Handy nach einigen Tagen bei der Sekretärin abholen. Auch sie hat eine klare Meinung zu den kleinen Begleitern: „Für die Kinder sind das doch Beatmungsgeräte. Ohne können die meisten von ihnen ja gar nicht mehr leben.“

Die Ablenkung durch ihre Handys sei zu groß, sagt auch Birgit Springer, Lehrerin für Deutsch und Pädagogik, die gerade auf dem Schulhof Aufsicht hat. „Manche vergessen sogar zu essen, wenn sie das Ding in der Hand haben.“ Besonders schlimm sei es bei den jüngeren Schülern der Klassen fünf bis sieben. Durch sogenannte „Influencer“ – junge Leute, die in sozialen Netzwerken Ausschnitte aus ihrem Leben zeigen und so ein Vorbild für Kinder darstellen – seien die Schüler besonders abgelenkt. Sie wollen in jeder freien Minute wissen, was bei ihrem Lieblings-Influencer gerade los ist.

Schüler beschweren sich über „Freiheitsberaubung“

„Unsere Lehrer sollten nicht darüber entscheiden, wann wir an unser Handy dürfen und wann nicht – das ist richtig blöd“, sagt Lucas. Der Zwölfjährige ist aufgebracht. Er würde sein Handy am liebsten den ganzen Tag nutzen. Wofür? Das weiß er selbst nicht so genau.

Eine Traube von Kindern sammelt sich um Lucas und ruft wild durcheinander, was sie von dem Verbot hält. Unter den Kindern scheint es das Aufregerthema Nummer eins zu sein. Und fast alle sind sich einig: Das strikte Verbot ist unnötig. Nur ganz leise hört man eine Stimme vom Rand der Gruppe: „Ich finde das eigentlich ganz gut, dann ist man einfach konzentrierter im Unterricht.“ Doch kaum hat der Schüler den Satz beendet, wird er auch schon übertönt. Das Wort „Freiheitsberaubung“ fällt.

Anders sieht es bei den älteren Schülern aus. „Wenn wir das Handy in den Freistunden benutzen dürften, wäre das zwar schon gut, aber im Unterricht braucht man es nicht“, sagt Tom. Seine 16-jährige Klassenkameradin Simone nickt ihm zu. „Die sind fokussiert auf ihr Abitur“, sagt Lehrerin Springer. „Die wissen, worum es geht.“

Kein Handyverbot an Schulen in Nordrhein-Westfalen

Mit ihrem strikten Verbot nimmt die Schule im Essener Süden eine besondere Stellung ein, denn in NRW gibt es kein generelles Handyverbot. Laut Schulministerium sei auch keines in Planung. Schüler müssten also nicht komplett auf ihr Telefon verzichten. Es sei jedoch durchaus legitim, Handys einzusammeln, wenn sie die Schüler zu sehr ablenken. Dennoch habe die Landesregierung das Ziel, das Lernen in einer digitalen Welt zu stärken, heißt es aus dem Schulministerium: „In NRW sind das Lernen und der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Medien Querschnittsaufgabe für alle Fächer.“

Auch die Eltern halten ein generelles Handyverbot für unzeitgemäß. Dieter Cohnen, Vorsitzender der Landeselternschaft, sieht vor allem die Schulen in der Pflicht. „Mündige Bürger – und dazu wollen wir unsere Kinder ja auch in der Schule bilden lassen – bekommt man nicht durch ein Verbot, sondern durch verantwortungsvollen Umgang.“

Auch für die Recherche sei das Handy in der Schule notwendig, so Cohnen. Gründliche Recherche sei oft auf Grund von fehlender Hardware und fehlendem Personal nicht möglich. Eine Möglichkeit, diesen Mangel wenigstens halbwegs auszugleichen, sei „das Konzept von ,Bring your own device’“. Zu Deutsch „Bring dein eigenes Gerät mit“.

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