Friedensprojekt

Schüler gedenken der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg

Fotos in Schwarz-Weiß, Meldelisten, Telefonbücher: So recherchieren die Gesamtschüler Familiengeschichten von Weltkriegs-Soldaten.

Fotos in Schwarz-Weiß, Meldelisten, Telefonbücher: So recherchieren die Gesamtschüler Familiengeschichten von Weltkriegs-Soldaten.

Foto: Volker Hartmann/WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.   In ihrem Friedensprojekt erforscht die Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen die Schicksale verschollener deutscher Gefallener aus dem Ersten Weltkrieg. An deren Gräbern im türkischen Tarabya und belgischen Ypern wird Geschichte fühlbar.

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Rita hat Herrn Preußner ein Geschenk aufs Grab gelegt, 98 Jahre nach seinem Tod. Weil Ludwig, der Flieger, seine Soldaten auch gern bedachte, immer zu Weihnachten, eine kleine Freude im großen Krieg. Rita aber war traurig, die 16-Jährige aus Gelsenkirchen vor diesem Gedenkstein in der Türkei: „Weil er gestorben ist für so eine sinnlose Sache.“

Lernziel erfüllt. Denn natürlich wollen die Lehrer der Gesamtschule Berger Feld das so: dass ihre Schüler über den Gräbern Geschichte begreifen, dass sie „besser verstehen, was Krieg ist“, aus der Vergangenheit lernen. Und doch staunen sie seit mittlerweile 15 Jahren, was das Friedensprojekt mit den jungen Menschen macht. An nichts kann sich Geschichtslehrer Detlev Kmuche erinnern, „das so nachhaltig gewirkt hat“ wie die Besuche der Gelsenkirchener auf den Soldatenfriedhöfen des 1. Weltkriegs. „Man kann“, sagt Rita, und man sieht förmlich, wie sie schaudert, „sich da reinfühlen.“

Schüler nutzen Gräberlisten, Familienchroniken und Telefonbücher

Sie fahren nämlich nicht nur hin, nach Ypern in Belgien, wo an die Deutschen niemand dachte, bevor Gelsenkirchen damit anfing. Und nach Tarabya, Istanbul, von dessen deutschen Gräbern kaum jemand vorher ahnte, ebenso wenig wie von deutsch-türkischer Waffenbruderschaft: „Ich dachte“, sagt Latif aus der Jahrgangsstufe 11, „die wären alle bei uns beerdigt.“ Was die Schüler vom Berger Feld in ihrem Projektkurs inzwischen machen, ist Forschungsarbeit, „aufwändig und mühselig“, wie selbst die Pädagogen sagen. Sie recherchieren Einzelschicksale, Lebensgeschichten verschollener Soldaten, mit Hilfe von Gräberlisten, Familienchroniken, Telefonbüchern.

So fanden sie Paul Mihrmeister, gefallen 1917. Nicht in Frankreich, wie die Familie mit Bleistift und Fragezeichen notiert hatte – in Block B, Grab 12496, auf dem belgischen Friedhof Langemarck. So fanden sie Fritz Hilgendorff, Kapitänleutnant, der nicht im Kampf starb, sondern sich selbst tötete. Vielleicht, vermutet Philipp, 17, „weil er so viel miterlebt hat im Krieg. Weil er wusste, dass sein Leben nie mehr so sein würde, wie er eigentlich wollte“. Und sie fanden Ludwig Preußner: „Der wollte Kinder haben, etwas Großes werden.“

Es kam nicht dazu. Es kam aber, fast 100 Jahre später, zu jenem Tag im April, an dem eine Gruppe aufgeregter Schüler an seinem Grab Reden hielt, Gedichte vorlas und ein neues Gefühl kennenlernte: „Man fließt in die Geschichte ein“, sagt Rita. „Das behält man ein Leben lang im Kopf.“ Und nicht nur Philipp ist klar: Hätten sie über jenen fast vergessenen Krieg, ein „über Jahrzehnte gepflegtes Tabu“, wie Schulleiter Georg Altenkamp sagt, nur in der Klasse geredet, „hätten wir nur die Hälfte gemerkt“.

Eindrücke, die kein Schulbuch vermitteln kann

So aber standen sie an den schmucklosen Steinen und dachten darüber nach, was wäre, wenn ihr eigenes Leben nun enden würde. „Die waren ja im selben Alter wie wir“, sagt Latif, „aber die hatten ein ganz anderes Leben.“ Ein kurzes, eines ohne Zukunft: „Die Zeit war wirklich schwer“, findet Philipp. „Wenn ich überlege, wie ich so bin – wir haben viel mehr Möglichkeiten.“ Gleichzeitig kamen ihnen die Toten so alt vor, viel älter als sie selbst, in deren grauen Uniformmänteln auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos. „In 100 Jahren ist ja auch so viel passiert.“

Solche Eindrücke, das wissen sie in Gelsenkirchen, kann kein Unterricht, kein Lehrer, schon gar kein Schulbuch vermitteln, Gefühle stehen nicht im Lehrplan. Und auch nirgends Anleitungen, wie man besser an Europa baut, was auch ein Anspruch des Schulleiters Altenkamp ist. Nach Tarabya nämlich fuhren in diesem Jahr Rita (Portugal), Philipp (Polen), Latif und Süreyya (Türkei). Klein-Europa also auf dem Soldatenfriedhof, man traf sich für den Frieden und um Opfern Würde zu geben.

„Pflasterkasten“ nennt Detlev Kmuche das, wie weiland die Soldaten den Sanitätswagen. „Wir sind als Schule zu klein, um die großen Probleme zu lösen“, weiß der Lehrer. „Aber wir können ab und zu ein Pflaster aufkleben.“

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