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Tumulte nach einem Knöllchen in Duisburg - Warum?

Immer öfter kommt es zu Tumulten bei Polizeieinsätzen.

Foto: Michael Kleinrensing

Immer öfter kommt es zu Tumulten bei Polizeieinsätzen. Foto: Michael Kleinrensing

Duisburg.   Am Wochenende stand die Polizei in Duisburg plötzlich 250 Menschen gegenüber - wegen einer Nichtigkeit. Tumultdelikte häufen sich. Warum?

Es beginnt am frühen Sonntagabend – wie so oft – mit einer Lappalie. Doch am Ende stehen sich in Duisburg 50 Polizisten und rund 250 Männer, Frauen und Kinder gegenüber.

Es wird geschrien, geschimpft und geschubst, schließlich sprühen die Beamten Pfefferspray, um die Menge in den Griff zu bekommen. „Tumultdelikt“ heißt so etwas in der Amtssprache. Viele davon werden in Duisburg begangen. Aber auch andere Städte im Revier bleiben nicht verschont.

Polizei bittet um Verstärkung

Dieses Mal geht es um falsches Parken, das die Polizei in Duisburg ahnden will. In einer Spielstraße bitten die Beamten den Besitzer eines unerlaubt abgestellten Kombis um Weiterfahrt. Doch statt den Motor anzulassen, reagiert der Mann nicht, beschimpft die Beamten lautstark – so stellt es die Polizei dar.

Vom Lärm angelockt, kommen erste Unterstützer, sie filmen den Streit und rufen per Handy immer mehr Menschen aus nahe gelegenen Wohnungen und Geschäften herbei. Die meisten gucken nur, einige versuchen, die Festgenommenen zu befreien. Nun bittet auch die Polizei um Verstärkung.

Ein Zwölfjähriger wird schwer verletzt

Etwa eine Stunde später kommt es im Stadtteil Hochheide zu einer Massenschlägerei. Mit Latten dreschen die Beteiligten dabei aufeinander ein, so Zeugen. Ein Zwölfjähriger erleidet schwere Kopfverletzungen, kommt ins Krankenhaus. Als die Polizei eintrifft, haben sich die anderen Streithähne bereits verzogen.

Duisburg, immer wieder Duisburg, ist das Gefühl. Im Juni hieß die Schlagzeile „250 Schaulustige behindern Einsatz“, im Mai „300 aggressive Gaffer behindern Rettungsarbeiten“. Doch der Eindruck täuscht, sagt der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer.

Tumultdelikte geschähen in ganz Deutschland, typischerweise in der Fußballfan-Szene sowie „in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil und vielen jungen Männern, die abrufbar sind, weil sie beispielsweise nicht beschäftigt sind“.

Null-Toleranz-Strategie

Solche Stadtteile hat Duisburg. Denn Wohnraum ist billig hier, und der „Diasporaeffekt“ zieht immer wieder aufs Neue: Menschen, die neu in ein Land kommen, ziehen dorthin, wo schon Landsleute sind – das machen die inzwischen knapp 16 000 Bulgaren und Rumänen in Duisburg nicht anders als Japaner in Düsseldorf oder Deutsche auf Mallorca.

Und so versuchen Polizei und Stadt, mit einer Null-Toleranz-Strategie Respekt zurückzugewinnen: Wer auch nur eine Kippe wegwirft, wird zur Rechenschaft gezogen. So eine Winzigkeit soll auch der Ausgangspunkt für den Tumult von Sonntagabend gewesen sein.

„Einsätze mit vier Streifenwagen oder mehr“

Ein Mann aus der Gruppe der 250 beschreibt den Beginn naturgemäß völlig anders: Die Familie K. habe „darum gebeten, ausnahmsweise das Parken zu erlauben. Die Polizei reagierte sehr schroff.“

Die Duisburger Zahlen jedenfalls sind nicht eindeutig. So ist die Zahl der Anzeigen wegen Widerstands gegen Polizeibeamte kontinuierlich gestiegen (188 im Jahr 2013, 246 im Jahr 2016), aber die gesondert ausgewiesenen „Einsätze mit vier Streifenwagen oder mehr“ sanken zuletzt. „Tumultdelikte sind weniger geworden“, sagt Daniela Krasch aus der Polizei-Pressestelle.

Polizeigewerkschaft setzt auf Kleinkameras

Aber sie bleiben ein Problem. „Schwierige Einsatzlagen“ nennt sie Arnold Plickert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW. In Fortbildungskursen werden die Beamten darauf vorbereitet. Aber das allein wird nicht reichen, glaubt Plickert. Gefragt sei auch eine bessere Ausrüstung. „Wir versprechen uns viel vom Einsatz der Body Cams.“ Die kleinen Kameras, die die Polizisten demnächst im Einsatz tragen, nehmen alles um sie herum auf.

„Das schreckt viele Trittbrettfahrer ab“, ist der GdP-Vorsitzende überzeugt. Gleichzeitig fordert er ein umfassendes „Lagebild der ausländischen Clans“ in NRW. „Im Bereich der Rockerszene hat uns das viele Erkenntnisse gebracht.“ Das Landeskriminalamt hat die Arbeit schon aufgenommen.

Die neue Lust am Zusammenrotten hat aber auch technische Gründe: das Handy. „Das Phänomen hat mehr mit Kommunikation als mit Migration zu tun“, sagt Christian Pfeiffer, der Kriminologe: „Früher war eine Festnahme ein relativ isolierter Vorgang. Heute braucht nur ein Kumpel danebenzustehen, dem die Polizei nichts kann. Dann fängt er an zu telefonieren.“

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