Schiffsparade

Schiffsparade auf dem Kanal: Tausende an der Spundwand

Der Kanal ist voll, die Brücke auch: der Start der Schiffsparade am Sonntagnachmittag auf dem Rhein-Herne-Kanal vor Gelsenkirchens Nordsternpark.

Der Kanal ist voll, die Brücke auch: der Start der Schiffsparade am Sonntagnachmittag auf dem Rhein-Herne-Kanal vor Gelsenkirchens Nordsternpark.

Foto: Ralf Rottmann

Ruhrgebiet.   Mit einer Parade aus 60 Schiffen begrüßte der Rhein-Herne-Kanal den Frühling. An Bord Blaskapellen, Piraten und eine Galionsfigur in Strapsen.

Inge war dabei, Giuseppina, Oskar und auch der Piepenfritz: Boote sind sie allesamt, die sich am Sonntag einreihten in die 6. Schiffsparade auf dem Rhein-Herne-Kanal. Von Gelsenkirchen nach Oberhausen in zwei Stunden, mit Ruderbooten, Gummibooten, Sportbooten, Rettungsbooten, Ausflugsdampfern, Arbeitsschiffen. Was soll man sagen: Das Ruhrgebiet hatte den Kanal ziemlich voll.

Bis zum Rand. Wo die Fahrradfahrer absteigen, die Spaziergänger stehenbleiben und alle winken, mit Mützen, gebügelten Taschentüchern und bloßen Händen. Die „Rheinfels“ spielt in jedem Hafen „Bochum“, die Segelschule das Steigerlied, das Feuerlöschboot schmeißt die Dusche an und die „Lirich“ das Nebelhorn, dabei herrscht beste Sicht auf dem Wasser. „Ahoi und haltet Abstand!“, heißt es trotzdem vor dem Start (was die „Rheinfels“ nicht hindert, an der Schleuse Gelsenkirchen rasant einzufädeln, sie ist spät dran). Aber sieben Stundenkilometer sind nicht einmal schnell für die Ruderer, die an der Spitze des Zuges die Ruder ruhen lassen, auffallend oft.

Statt Bagger diesmal Blaskapelle an Bord

Die „Lirich“ ist eigentlich ein Arbeitsschiff, sie trägt sonst Bagger oder Bäume, aber heute eine Blaskapelle, „das hatten wir auch noch nicht“, sagt Willi Bornemann vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Duisburg-Meiderich. „Wir brauchen Wasserstraßen, die funktionieren“, das schwere Schiff mit seinem robusten Sound ist für die Unterhaltung zuständig – was heute dann ja passt. „Schwarz/rot Atemgold 09“ aus Dortmund macht seit bald 40 Jahren Musik, „wir haben die Zechen erst geschlossen, dann als Industriedenkmäler wieder eröffnet“, sagt Andreas Ruhnke am Schlagzeug, sie gehören deshalb auch an die Spundwand.

Denn dies ist der „Kulturkanal“, den der Regionalverband Ruhr (RVR) erkannt hat als Lebensraum. Auf dem es mehr gibt als Kohle, Koks und Öl, man kann ja längst radeln an seinem Ufer, und war der Über-Hundertjährige nicht eigentlich schon immer die größte Badeanstalt des Ruhrgebiets? „Die einfache Botschaft ist“, sagt Projektleiter Frank Bothmann (nicht wie „Boot“), „der Kanal ist da, aber es ist etwas anderes drauf.“

Schaufensterpuppe in Strapsen als Galionsfigur

Heute also: 60 Schiffe. Keine Lastkähne, aber Menschen auf Schiffen, Fähnchen, Luftballons und viel Musik. Kleine Kapitäne in Schwimmwesten, große wie Käpt’n Klaus Krah auf der „Lirich“. Piraten auf der „Pirat“ und auf der „Oskar“ eine halbe Schaufensterpuppe in Strapsen und mit Hörnern auf dem Kopf. Warum, sagt die Besatzung, das sei ein „Geheimnis“. Die „Oskar“ aus Duisburg trägt auch eine Europa-Flagge, für ihre Passagiere ein Brunch-Büffet und oben an Deck einen bunten Regenschirm, der steht für die Vielfalt. Allerdings hat ist die Vielfalt vor dem Wind eingeknickt. Ganz vorn kämpft ein „Blauwal“ dagegen, dies sind die Ruderer aus Blankenstein, „für stehendes Gewässer“ finden sie das Tempo „ganz schön flott“. Ganz hinten schippern „Magic Moments“, „Liebes“ mit einem rosa Flamingo und die „SeaYou“, die haben Motoren und es deshalb leichter.

Schon auf der Brücke 341 bei Kilometer 22,604 stehen die Zuschauer in Zweierreihen, sie winken und jubeln, dass man um das Bauwerk bangt. Die Fuß- und Radweg-Brücke Nordstern ist so voll, die mussten sie im Vorjahr sogar schließen, die Statik! Sie fotografieren von oben, die von unten fotografieren zurück, sie sind aber auch Schönheiten, die Ripshorster Brücke, die Tausendfüßlerbrücke, das Trio aus Straßen-, Bahn- und Rohrbrücke in Bottrop.

Der Kanal ist erwacht und damit auch die Saison

Unten an Bord fühlen sich die Passagiere etwas majestätisch, wie sie dem Fußvolk huldvoll winken („Heute ein König“). Und überall feiern sie, im Nordsternpark von Gelsenkirchen, im Kaisergarten von Oberhausen, bei Ruderclubs und Familienfesten und in Essens Stinneshafen die SPD. Die Schiffsparade eröffnet ja auch die Saison, sie heißt mit Zweitnamen auch „Kanalerwachen“, und wenn sie alle wieder angelegt haben in ihren Heimathäfen in der Region, dann, sagt Barbara Klask vom RVR, „dann ist wirklich Frühling“.

>>INFO: DER KULTURKANAL

Spätestens zur Kulturhauptstadt 2010 hat nicht nur der Regionalverband Ruhr (RVR) erkannt: Der Rhein-Herne-Kanal ist mehr als eine Industriestraße, er ist auch Schlagader des Ruhrgebiets und ein Lebensraum.

Der „Kulturkanal“ soll das würdigen und mit ihm die Industrie-Denkmäler an seinen Ufern: Parks, Gasometer, Kunstwerke, Museen. Die 6. Schiffsparade hat am Sonntagnachmittag die Kulturkanal-Saison 2019 und mit ihr die der Fahrgast-Schifffahrt auf den Revier-Gewässern eröffnet.

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