Friedhöfe

Schalker Gräbertour – Tote beleben den Stadttourismus

Der Fan, der den Ball bei Stan Libuda hinterließ, fand das Grab auch ohne Gästeführer.

Der Fan, der den Ball bei Stan Libuda hinterließ, fand das Grab auch ohne Gästeführer.

Foto: Kai Kitschenberg

Gelsenkirchen  Ein Gelsenkirchener Gästeführer hat eine Friedhofstour zu Schalkegräbern ausgearbeitet. Er sieht ein touristisches Potenzial für die Stadt.

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Jemand hat einen Fan-Schal vor den Grabstein von Fritz und Elise Szepan gelegt, geborene Kuzorra. „Das war die Gruppe von der Lebenshilfe, aber das wird eigentlich auch ständig gemacht“, sagt Olivier Kruschinski. Offenbar kennt der 43-Jährige sich gut aus auf dem Friedhof Rosenhügel in Schalke-Nord; er weiß sogar, wo das Grab jenes Vereinsschatzmeisters war, der sich im Sommer 1930 im Rhein-Herne-Kanal ertränkte. Hier, hinter Szepans Grab, war seines, es ist längst aufgelassen, aber das ist natürlich nur den vielen Jahren seither geschuldet.

Kruschinski, der Gästeführer, engagiert sich daneben seit Jahren ebenso vielfältig wie ehrenamtlich für Schalke in seiner Erscheinungsform als Ort. Und selbst, wenn er berufsbedingt über die Friedhöfe führt unter dem Titel „Die Gräber der Götter“, geht es um mehr als eine Top-Elf aus lauter Toten. Um viel mehr. Um das touristische Potenzial von Schalke, „das brach liegt“ nach seiner Ansicht. Aber zunächst „machen wir mal ein paar Gräber“, sagt Kruschinski.

Otto Tibulsky, „der Drittberühmteste“

Altstadtfriedhof. Da liegt Otto Tibulsky. „Der Drittberühmteste.“ Rolf Rüssmann. „Viel zu früh.“ Dann schon kommen Menschen, die nie auf dem Rasen standen. Henriette Thiemeyer, die gute Seele aus dem Vereinslokal. August Schalke, der Gutsbesitzer, dessen Nachname ein Ortsname wurde. Hans Väth, Architekt der Glückauf-Kampfbahn. Dann wieder Spieler. „Ich merke, dass das Interesse der Leute an diesen Touren zunimmt, je mehr sich der Fußball von ihrem Leben entfernt“, sagt Kruschinski.

Liebe Kinder, stellt euch bloß vor, früher haben viele Fußballer dort gespielt, wo sie groß geworden sind. In Gelsenkirchen und in Dortmund, in Essen, Bochum, Oberhausen, Duisburg, Herne, Erkenschwick. Und sie haben auch nicht alle zwei Jahre den Verein gewechselt. Echt wahr! Zur Saisonabschlussfeier gingen sie nicht ins Luxushotel, sondern ins Gemeindehaus, und man traf sie noch Jahrzehnte nach der Karriere in der gleichen Kirche und der gleichen Kneipe und der Lottobude natürlich. „Die sind nicht in Rom, Liverpool oder Mailand begraben worden, die sind alle noch hier.“

15 Jahre Recherche und gutes Schuhwerk

Es habe ihn in Gelsenkirchen „fünfzehn Jahre gekostet, viele ausfindig zu machen. Ich habe Kilometer gefressen“, sagt Kruschinski. Denn mit Ausnahme der allerberühmtesten Kicker waren viele Gräber außerhalb der Familien vergessen. „Literatur, alte Zeitungen und vor allem Zeitzeugen“ hätten ihm bei der Suche geholfen, gutes Schuhwerk natürlich, wenn er den riesigen Ostfriedhof absuchte nach dem Grab von Hermann Eppenhoff, der irgendwo hier liegen sollte. „Ich hatte immer Glücksgefühle, wenn ich einen gefunden habe. Am schwierigsten sind die eingeebneten.“ Weshalb er weiterhin Angehörige und Zeitzeugen bittet, ihm zu helfen (Mail: oli4@mythos1904.de). Denn seine Liste der Verschollenen ist noch lang.

Wenn Kruschinski den Schalker Markt sieht, dann sieht er nicht den trostlosen Parkplatz, den leider alle anderen sehen, sondern einen legendären Ort, aus dem man etwas machen könnte. Oder die Kirche St. Joseph, der sogenannte Schalker Dom mit dem berühmten Kirchenfenster des kickenden Heiligen: Im wahren Leben steht sie vor der Schließung, die weitere Nutzung ist unklar. Was sie in München daraus machen würden! „Wenn Auswärtige ins Ruhrgebiet kommen, was suchen sie, wofür stehen wir? Bergbau und Fußball.“ Einen Schritt geht die Stadt jetzt: An sogenannten „Erinnerungsorten“ wird sie demnächst QR-Codes anbringen – siehe Info-Kasten – damit die Leute mehr erfahren können als das, was auf eine Texttafel passt. „Sie kommen zum Beispiel auch auf Friedhöfe“, sagt Stefan Goch, der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte: „Auf Libuda wird man hinweisen müssen.“

Reinhard Libuda liegt auf dem Ostfriedhof. Jemand hat einen blau-weißen Ball in die Grabvase vor dem Stein gelegt.

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