Fortschritt in der Medizin

Rolf Zimmermann überlebte das Todesurteil „Pankreas-Krebs“

Rolf Zimmermann in der Kapelle des Bochumer St-Josef-Hospitals. Vor jeder Nachsorge-Untersuchung führte ihn einst der erste Weg hierhin.

Rolf Zimmermann in der Kapelle des Bochumer St-Josef-Hospitals. Vor jeder Nachsorge-Untersuchung führte ihn einst der erste Weg hierhin.

Foto: Ralf Rottmann

Bochum.   2008 hatte Rolf Zimmermann mit allem abgeschlossen. Die Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs hielt er für sein Todesurteil. Heute ist er geheilt.

Eigentlich sollte er tot sein. Dieser Rolf Zimmermann, dem der Hausarzt im Januar 2008 eröffnete, der Grund für das leichte Druckgefühl im Bauch, das ihn seit kurzem plagte, sei ein fortgeschrittenes Pankreas-Karzinom: ein Krebs der Bauchspeicheldrüse, der gefährlichste. „Keine zwei Prozent überlebten diese Diagnose damals um mehr als fünf Jahre“, recherchierte der Mann aus Dorsten, dessen Frau erst zwei Monate zuvor gestorben war. Er „schloss mit dem Leben ab“, machte sein Testament. „Ich kann Zahlen lesen“, erklärt der ehemalige Bergbau-Ingenieur. „Das war ein Todesurteil.“

Elf Jahre später gilt der heute 74-Jährige als vollständig geheilt. Er ist Diabetiker wie alle, denen man die Bauchspeicheldrüse entfernte, darüber hinaus aber beschwerdefrei und sportlich aktiv. „Mir geht es bestens“, sagt er. Die Patientenorganisation AdP erwartet ihn als „Langzeitüberlebenden“ beim Bundestreffen Anfang Mai im Bochumer Josef-Hospital. Zimmermann konnte den Termin nur mit Mühe einschieben: zwischen seine beiden letzten Urlaube in Italien und den USA und den beiden nächsten, die ihn nach Moskau/St.Petersburg sowie in die Toskana führen werden. Und die sechs Enkel wollen den Opa ja auch mal sehen ... Aber er kommt sehr gern zum AdP-Treffen: „als Glückskind, als dankbarer ehemaliger Patient“, „um anderen Mut zu machen“.

Die Whipple-Operation: schwieriger sind wenige

Zu dem Arzt, der ihn einst operierte, dem Mitorganisator der Veranstaltung, hat Zimmermann den Kontakt über all die Jahre sowieso gehalten: Prof. Waldemar Uhl, Leiter der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Bochumer St. Josef-Hospital. Mehr als 10.000 Pankreas-Operationen hat der 59-Jährige bereits durchgeführt. Die anspruchsvolle „Whipple-Operation“ bei der neben Pankreas-Kopf meist auch Milz, Gallenblase sowie Teile von Magen und Zwölffingerdarm entnommen werden und eine „vollständig neue Anatomie“ im Bauchraum geschaffen werden muss, gelingt dem international renommierten Experten „wenn’s gut läuft: in zweieinhalb, drei Stunden“. Normal sind sechs, Anfänger brauchen zehn...

„Die Chirurgie allein“, betont der Mediziner jedoch, „hält diesen Tumor nicht auf.“ Uhl setzt auf ein „multimodales Behandlungskonzept“, eine Kombination aus OP, Chemo- sowie Strahlentherapie – und neben der Schul- auf die Komplementärmedizin, auf eine Ernährungsumstellung etwa, Mistelpräparate oder Meditationen; in jedem Fall aber: eine individuell maßgeschneiderte Therapie. „Bis 2012“, erklärt er, „galt die radikale Chirurgie als beste kurative Behandlungsoption“. Doch nur 20 bis 30 Prozent aller Pankreas-Tumore lassen sich überhaupt entfernen. Viele sind bereits zu groß dafür, wenn sie entdeckt werden. Bauchspeicheldrüsenkrebs wächst mit rasanter Geschwindigkeit und streut gern und schnell. Ein sehr aggressives Chemo-Therapeutikum (Folfirinox) brachte 2011 „den Durchbruch“ – und damit Hoffnung auch für Patienten, deren Tumor zuvor als inoperabel galt.

Ein Jahr nach dem ersten Eingriff: der Rückschlag

Rolf Zimmermann erhielt nach seiner OP 2008 noch nicht dieses Mittel, sondern Chemo- und Antikörpertherapie. „Ich sah aus wie ein Streuselkuchen“, erinnert er sich. Sein Arzt lacht: „Wir sagen ihm, je mehr Pickel einer kriegt, desto besser spricht er aufs Medikament an.“ Zimmermann ging es tatsächlich besser. Der Rückschlag folgte ein Jahr später: Metastasen in der Lunge. „Zu entscheiden, wie es da weiter gehen sollte“, erinnert er sich. „Das war das Schwerste überhaupt“. Zimmermann entschied sich gegen die sofortige OP. „Und damit falsch“, wie heute weiß. Der Tumor wuchs, eine zweite OP wurde doch nötig, auch eine weitere Chemo. Alle drei Monate musste der Patient anschließend zur Kontroll-Untersuchung nach Bochum. Und stets kam er bangend. „Mein erster Weg“, erinnert sich der gläubige Christ, „führte mich jedes Mal in die Kapelle der Klinik.“ Die Mitpatienten, die er in der Reha kennengelernt hatte und zu denen er Kontakt halten wollte: „Die starben ja alle, der Reihe nach.“

Rolf Zimmermann aber überlebte.

Warum er? Diese Frage hat er sich immer wieder gestellt. Am Operateur habe es gelegen, natürlich, sagt er. Am sozialen Umfeld womöglich, Kindern und Enkeln, die ihn stützten und noch heute auffangen, wenn’s nötig ist. Entscheidend, glaubt er, war aber wohl die neue Frau, die er damals kennenlernte und mit der heute verheiratet ist. „Ich war so verliebt“, erklärt er, „in meinem Kopf war gar kein Platz für diese Krankheit.“

Nur 15 Prozent überleben die ersten fünf Jahre

Prof. Uhl stimmt Zimmermann zu: Pankreas-Patienten müssen kämpfen wollen, um wie dieser ein „Wunder“ zu erleben, eine „vollständige Remission“ – die vor 20 Jahren undenkbar war. Selbst heute überleben nur 15 Prozent diesen heimtückischen Krebs – sofern sie in einem zertifizierten Pankreas-Zentrum wie dem in Bochum behandelt werden. „Aber das ist schon eine Hausnummer, ein echter Quantensprung“, meint Uhl; in seinem Haus liegt die Überlebensrate sogar bei 20 bis 25 Prozent.

Das heißt aber doch auch: 75 sterben? Selbst die, die keine fünf Jahre mehr hätten, profitierten von den neuen Therapie-Konzepten, glaubt Uhl: Sie gewännen Zeit und Lebensqualität. Zahlreiche Briefe zeugten davon, wie viel das wert sei. Uhl sammelt sie. „An betrübten Tagen“ schaue er gerne rein.

Sein ehemaliger Patient Rolf Zimmermann weiß, wie großes Glück er hatte. Das elfte Osterfest nach der Diagnose, die er für ein Todesurteil hielt, ist für ihn daher ein besonderer Festtag. Weil er Christ ist, ja, aber „irgendwie auch ein von Toten Auferstandener“.

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Das Bundestreffen des Arbeitskreises der Pankreatektomierten (AdP) findet vom 3. bis 5. Mai im Bochumer St. Josefs-Hospital statt. Prof. Uhl erwartet rund 450 Teilnehmer. Info: www.pankreaszentrum.de)

>>>EiNE HEIMTÜCKISCHE KRANKHEIT

3800 Menschen in NRW erkranken jedes Jahr neu an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihre Heilungschancen galten bislang als gering. Noch vor 20 Jahren überlebten weniger als ein Prozent der Betroffenen die Diagnose um mehr als fünf Jahre. Jetzt gebe es neue Hoffnung für Betroffene, sagt Prof. Waldemar Uhl, Leiter des Bochumer Pankreas-Zentrums am St. Josef-Hospital.

Er spricht von einem „Quantensprung“ für die Prognose durch „multimodale, maßgeschneiderte Konzepte“, die OP, Chemo- und Strahlentherapie kombinieren. In Bochum überleben inzwischen bis zu 25 Prozent der operierten Patienten die entscheidenden ersten fünf Jahre. In Einzelfällen sei sogar eine Heilung möglich.

Bauchspeicheldrüsen-Tumore stehen bundesweit an vierter Stelle der Krebstodesursachen-Statistik. 2030 wird US-Studien zufolge jeder zweite Krebstote einem solchen Krebs erlegen sein. Das habe demographische Gründe und mit verbesserter Diagnostik zu tun, so Uhl. Schuld an der rapide ansteigenden Zahl der Neuerkrankungen sei aber auch „unser Liftstyle: zu üppiges Essen, zu wenig Bewegung, Rauchen und Alkohol“. Allein in Deutschland sei die Zahl der Neuerkrankungen seit 2009 um 40 Prozent gestiegen.

„Weltweit“, erklärte der Pankreas-Experte, arbeiteten Mediziner an neuen Tumormarkern, gezielten Chemotherapien und Medikamenten. Das Bochumer Zentrum ist u.a. beteiligt an der „Liquid Biopsy“-Studie, die nach Markern sucht, die die heute schwer zu diagnostizierenden Pankreas-Tumore bereits in einem sehr frühen Stadium nachweisen – und das mit hoher Treffsicherheit. Die ersten Ergebnisse seien „sehr ermutigend“. Intensiv geforscht wird zudem an Medikamenten, die direkt in die Zelle eingreifen, Tumore dort stoppen oder töten. Sie könnten sogar Patienten mit metastasiertem Pankreskarzinom helfen. Forscher der Universitätsallianz Ruhr hatten jüngst die Wirksamkeit eines solchen Wirkstoffs bei Pankreaskrebs belegen können.

>>> PANKREAS-ZENTRUM

Das Pankreas ist ein kleines, aber enorm wichtiges Organ. Es regelt Blutzucker und Verdauung und produziert dabei 1,5 bis 3 Liter Verdauungssekret – pro Tag.

Zu den Risikofaktoren für Pankreas-Krebs zählen Rauchen und Süßgetränke. Gewichtsverlust, Übelkeit, Gelbfärbung von Haut oder Iris sowie Stuhlveränderungen können erste Symptome sein.

Im Bochumer Pankreas-Zentrum werden seit 2004 jährlich über 1000 Patienten behandelt, 320 davon auch operiert, mehr als 200 dabei die Bauchspeicheldrüse entfernt. Für eine Zertifizierung als Pankreas-Zentrum reichen 25 Patienten und zwölf Pankreaskarzinom-Resektionen (Entfernungen) pro Jahr.

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