Loveparade-Prozess

Rabe im Loveparade-Prozess: "Hätten alles abblasen können"

Wolfgang Rabe (Mitte), einst Duisburgs Ordnungsdezernent am Dienstag vor der Verhandlung. Er bedauere das „furchtbare Ereignis“, sagt er.

Foto: Lars Heidrich

Wolfgang Rabe (Mitte), einst Duisburgs Ordnungsdezernent am Dienstag vor der Verhandlung. Er bedauere das „furchtbare Ereignis“, sagt er. Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.   Wolfgang Rabe saß am Dienstag im Zeugenstand. Nebenkläger hätten den früheren Ordnungsdezernenten lieber als Angeklagten gesehen.

Acht Jahre seit der Loveparade, acht Verhandlungsmonate stand sein Name im Raum. Wolfgang Rabe. Damals Ordnungsdezernent der Stadt Duisburg und der Mann, auf den andere Zeugen bisher mit dem Finger gezeigt hatten: Er sei der Mann, der das Technofest gewollt und befördert habe. Am Dienstag nun war er selbst da, als Zeuge im Prozess in Düsseldorf. Tatsächlich, sagt er freimütig, sei dies sein Auftrag gewesen: „Wenn keine Sicherheitsbedenken vorliegen, muss ich dafür sorgen, dass ich die Sache ans Laufen kriege.”

Dass die Bedenken vorlagen, im Ordnungsamt, im Bauamt, bei der Polizei, das sah Wolfgang Rabe wohl. Er selbst will gefordert haben, dass es im Tunnel „keinesfalls zum Stillstand” kommen dürfe. Allein, „ich habe immer versucht, alles auszuräumen”. Redete mit seinem Amtsleiter, versuchte, seinen Kollegen aus dem Baudezernat auf Kurs zu bringen („Wir versuchen, das zu machen, nicht, das zu verhindern”). Bestellte für 20 000 Euro ein Verkehrsgutachten, betonte den Wunsch der Politik, die die Veranstaltung wollte, warnte vor einer „Hängepartie”, als die Genehmigung einen Tag vorher noch nicht vorlag. Manchmal, sagt der heute 64-Jährige, sei er dabei „nicht unenergisch” gewesen. Sagt sogar offen, im Falle eines kurzfristigen Vetos aus dem Bauamt hätte er dem Oberbürgermeister gesagt: „Unterschreib du!”

Erinnern kann sich Rabe nicht allzu gut

Dabei hat er bis dahin behauptet: Wäre deutlich geworden, „das geht so nicht, hätten wir die ganze Geschichte abblasen können. Dann hätten wir das nicht gemacht.”

Zwar sei er, Rabe, für das eingezäunte Gelände zuletzt gar nicht mehr zuständig gewesen, habe sich aber so gefühlt: als „Koordinator von Gesetzes wegen”. Lieber wäre ihm die Formulierung „Ansprechpartner – aber nicht für die Genehmigung!” Erinnern indes kann sich auch dieser Zeuge nicht allzu gut.

Wieder einer. Der sich entschuldigt und um Verständnis bittet, alles so lange her… Gabi Müller, Mutter des im Gedränge der Technoparty gestorbenen Christian (†25) hatte nichts anderes erwartet, „ich komme ja immer ohne Erwartungen”. Für sie sitzen ohnehin „zu wenige” auf der Anklagebank, „und das ist auch einer der Kadetten”. Wie gegen den damaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland war auch gegen seinen Ordnungsdezernenten ermittelt worden. Das Verfahren wurde eingestellt.

„Wie er grinst und schmunzelt“ wundern sich Angehörige der Opfer

Rabe könnte also befreit aufsprechen, und tatsächlich erweckt er diesen Anschein. „Wie er grinst und schmunzelt”, wundert nicht nur Manfred Reißaus, Vater der toten Svenja aus Castrop-Rauxel. „Mehr als unpassend” findet er den Stil, in dem Wolfgang Rabe entspannt plaudert, „schnodderig”, sagen andere Beobachter, mindestens „salopp”. Über die Besucher der Loveparade sagt der Zeuge, dass sie „dazu neigen, in Flipflops zu erscheinen”, über das Duisburger Fußballstadion, dass dort „Gott sei Dank der MSV wieder in der zweiten Liga spielt”, über das verwahrloste Veranstaltungsgelände: „Sobald dort drei Lurche rumlaufen, macht man damit gar nichts mehr.”

Er wirkt, als liege keine allzu große Last auf seinen Anzugschultern. Es ist fünf nach zwölf und der Prozesstag zweieinhalb Stunden alt, als der Zeuge einen Nebensatz in Klammern setzt: „Ein furchtbares Ereignis, ich bedaure das in höchstem Maße.” Diesmal sagt er „Ereignis”, manchmal sagt er „Unglück”, oft „die Geschichte”.

Auch wegen der „Geschichte” hat der Stadtrat den Beigeordneten vor vier Jahren abgewählt, aber der spricht immer noch in der Gegenwart. „Mein Ordnungsamt, meine Fußgängerzone, mein Feuerwehrchef…” Und „meine Mitarbeiter”. Denen er große Teile der Verantwortung überlässt, heute und auch damals schon.

Nebenkläger Manfred Reißaus verlässt kopfschüttelnd den Saal. „Ich war jetzt 25-mal hier. Aber das bringt alles nichts.”

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